Vor kurzem saß sie in Zehdenick bei einer Podiumsdiskussion mit Vertretern der vier anderen Parteien, die AfD war nicht dabei. Dabei fiel ihr auf, dass sie von den anwesenden Kandidaten die einzige Ostdeutsche war. Eingeladen waren nur die Kandidaten der größeren Parteien. Domscheit-Berg ist in Premnitz im Havelland geboren und in Müncheberg aufgewachsen. Die CDU – die den Wahlkreis bisher gewann – schickt einen Mann, der aus Winsen/Luhe (Niedersachsen) kommt, die SPD stellte eine Frau aus Münster (NRW), die Grünen eine Frau aus Osnabrück (Niedersachsen) auf. Der FDP-Mann kommt aus Cuxhaven (Niedersachsen). Die AfD hat einen Mann nominiert, der 1948 in Brandenburg geboren, aber schon als kleines Kind mit seinen Eltern nach Hessen gezogen ist.
Man kann also sagen: Es treten von den größeren Parteien mehr gebürtige Niedersachsen als Brandenburger in einem Brandenburger Wahlkreis auf. So ähnlich ist die Lage im Wahlkreis 61, Potsdam, mit Olaf Scholz (SPD) und Annalena Baerbock (Grüne): schon wieder Niedersachsen.
Mangelnde Repräsentanz von Ostdeutschen
Anke Domscheit-Berg will keine Stimmung gegen zugezogene Westdeutsche machen. „Aber wenn wie in meinem Wahlkreis von sechs Kandidaten fünf im Westen sozialisiert wurden, läuft etwas falsch. Solche Prozesse führen am Ende dazu, dass Ostdeutsche eine immer kleinere Lobby haben, weil selbst die gewählten Vertreter aus dem Osten zu oft eingewanderte Westdeutsche sind. Der umgekehrte Fall ist die absolute Ausnahme“, schrieb sie auf Instagram. Auf den Einwand, es käme dreißig Jahre nach der Einheit nicht mehr auf die Herkunft an, kontert sie mit Zahlen. Es gebe eine allgemeine Unterrepräsentanz von Ostdeutschen in Spitzenjobs in Wirtschaft, Politik, Medien und Wissenschaft, Ostdeutsche besetzten nur etwa zwei Prozent aller Eliteposten.
Die Podiumsdiskussion beschäftigt sie auch noch Tage später. „Warum können sich die Ostdeutschen bei Wahlkreis-Nominierungen offenbar nicht durchsetzen?“, fragt sie. Das habe 30 Jahre nach der Einheit nicht nur mit der Desillusionierung von Politik zu tun, sondern auch mit den sozialen und politischen Netzwerken der Westdeutschen, die längst tief in den Osten reichten.
Domscheit-Berg selbst kam in der Wendezeit zur Politik, ging als Studentin auf die Straße, sammelte Unterschriften. Ihre Parteimitgliedschaften wechselten, ihre Themen – gegen einen Überwachungsstaat, für Teilhabe, Feminismus, Open Government – blieben.
Anmerkung zum Versionsverlauf: Es wurde ergänzt, dass der AfD-Kandidat in Oberhavel auch in Westdeutschland sozialisiert wird. In einer früheren Version hieß es, Domscheit-Berg sei parteilos. Das stimmt nicht, sie wurde als Parteilose aufgestellt, ist im April 2021 der Partei aber beigetreten. Die Kandidaten der Piratenpartei, Thomas Ney, geboren in Hennigsdorf, und der Freien Wähler, Stefanie Gebauer, geboren in Staaken, legen Wert auf die Feststellung, dass auch sie in dem Wahlkreis antreten.
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