BERLIN, 3. November. Derzeit laufen sie wieder, die neuen Folgen der Kinderserie "Sesamstraße". Der NDR verspricht "viele lustige Geschichten mit Samson, Rumpel und Co, den verrückten, liebenswerten Monstern". Mit dabei sei auch wieder "der pummelige Zauberer Pepe, der mit P-Wörtern zaubert und dessen Zaubereien immer zu etwas anderem führen als geplant". Der Zuschauer erfahre unter anderem, warum die "einsame 1 und die wertlose 0 zusammen eine glückliche 10 ergeben".Ausgespielt ist dagegen die tolle Geschichte der Münchener Betastraße, dem Sitz der Medienfirma EM.TV, die die Rechte an der "Sesamstraße" hat. Auch hier zauberten eine Zeit lang liebenswerte, verrückte Manager mit P-Wörtern: wie Profite, Prozente und Programme. Bis die Geldgeber des Zauberers Thomas erfahren mussten, dass aus einer einsamen 1 mit einer wertlosen 0 auch mal eine unglückliche 0,1 werden kann.Am heutigen Montag stehen sie vor Gericht, der sagenhafte Thomas Haffa und sein kleiner Bruder Florian. In demselben Saal und vor derselben Richterin wie vor einigen Tagen Boris Becker. Eine kurze Zeit lang war Thomas Haffa der Held der deutschen Wirtschaft, vergöttert von seinen Anlegern, umworben von Banken und Analysten. Er herrschte über das weit verzweigte Medienimperium EM.TV, das von Geschöpfen wie dem Drachen Tabaluga, Samson, Miss Piggy, Ernie und Bert bevölkert war und durch das am Ende sogar die Formel-1-Boliden rauschten. Ein Imperium, dessen schwankende Basis in Haffas Visionen und dem Glauben der Börse an diese Visionen bestand.Unter all den bizarren Figuren des Neuen Marktes war er der Größte, keiner ist so hoch gestiegen und so tief gefallen wie Thomas Haffa. Er surfte auf der Spekulationswelle, die Ende der neunziger Jahre durch Deutschland rauschte. Als die Welle brach, wurde er vom Brett geschleudert, schaffte es jedoch ans Ufer. Haffa hat viele Leute arm und ein paar sehr reich gemacht. Vor allem sich selber. Dafür will ihn der Staatsanwalt jetzt büßen lassen. Monatelang soll Haffa die Öffentlichkeit belogen und Millionengewinne versprochen haben, obwohl die Milliardenverluste sich schon ankündigten. Es wird ein Pilotprozess. Vor Gericht steht nichts weniger als die New Economy, deren Galionsfigur der smarte Thomas Haffa aus München lange war."Leo, ich brauch Equity"Wie jede romantische Aufstiegs- und-Fall-Geschichte, so beginnt auch Haffas ganz unten. Er startete zwar nicht als Tellerwäscher, aber doch nur als Angestellter bei IBM im Bereich Vertrieb Text- und Datenverarbeitung. Auf gut Deutsch heißt das: als Schreibmaschinenvertreter. 1979 holte ihn der Medien-Tycoon Leo Kirch in seinen Konzern, betraute ihn mit dem Videogeschäft. Die Verbindung Kirch-Haffa sollte sich als dauerhaft erweisen. Am Ende sind sie gemeinsam untergegangen.Aber erst mal stieg Haffa im Kirch-Konzern auf. Doch irgendwann wollte er mehr. "Leo, ich brauch Equity", soll er irgendwann zu seinem Mentor gesagt haben. Leo, ich brauch Kapital. 1991 gründete Haffa gemeinsam mit Bruder Florian seine eigene Firma, die Comicserien wie "Teenage Mutant Hero Turtles" vermarktete und das Merchandising für Spielehersteller wie Nintendo betrieb. Der Erfolg war mäßig. 1996 machte EM.TV bei einem Umsatz von 16,7 Millionen Mark 1,4 Millionen Mark Verlust.Doch dann setzte in Deutschland das Spekulationsfieber ein, der Neue Markt für Wachstumsunternehmen wurde gegründet und das war Haffas Chance. Er witterte "Equity". Im Oktober 1997 brachte die WestLB EM.TV an die Börse, in den kommenden drei Jahren sollte die Aktie um 30 000 Prozent steigen. Und mit dem Börsengang begann die Zeit der wundersamen Geldvermehrung durch das Kirch-EM.TV-Kreislaufsystem. Mit Hilfe Kirchs erhielt Haffa zum Beispiel die lukrativen Rechte an Kämpfen des Boxers Mike Tyson - und verkaufte sie dann mit Gewinn an Kirchs Pay-TV. Im Herbst 1998 kaufte EM.TV der Kirch-Gruppe für fünfhundert Millionen Mark die Hälfte ihres Kinderfilmbestandes ab. Kirch und Haffa starteten anschließend unter dem Namen "Junior.TV" eine Vertriebsgemeinschaft. Bester Kunde von "Junior.TV" wurde wiederum Sat 1 - ein Kirch-Sender. "Der Verdacht", sagte später ein Unternehmensberater, "dass EM.TV eine Ausgründung des Kirch-Konzerns zur Geldbeschaffung war, liegt sehr nahe."Mit "Junior.TV" war die EM.TV-Story geboren. Angesichts des gigantischen Wachstums dieses zunächst kleinen Unternehmens gerieten Analysten ins Träumen. Anleger schlugen sich um die Aktie. Und das Geld floss in Strömen. Zwei Kapitalerhöhungen spülten fast 1,3 Milliarden Mark in die EM.TV-Kasse, der Verkauf einer Wandelanleihe brachte nochmals 780 Millionen.Doch ebenso schnell, wie das Geld reinkam, schaufelte Haffa es wieder heraus. Er ging auf Shopping-Tour mit dem Geld der Aktionäre und Gläubiger. Für 125 Millionen Mark kaufte er 25 Prozent der Filmfirma "Constantin", die ursprünglich Kirch und dem Produzenten Bernd Eichinger gehört hatte. 800 Millionen Mark ließ Haffa für 45 Prozent der Tele-München-Gruppe springen, 1,3 Milliarden für das "Muppets"-Studio von Jim Henson und 3,6 Milliarden für die Hälfte an der Formel-1-Holding SLEC. "EM.TV verschießt Erfolgsmeldungen wie eine Stalin-Orgel", schwärmte damals Bernhard Seidl, Haffa-Freund und Sparkassen-Vorstand in Pfaffenhofen.Der Haffa-Hype an der Börse erreichte seinen Höhepunkt Anfang des Jahres 2000, die EM.TV-Aktie gipfelte bei 116 Euro. Das Unternehmen war an der Börse 26 Milliarden Mark wert - mehr als die Lufthansa. "Der Weltmarkt liegt vor uns!", versprach Thomas Haffa auf der Hauptversammlung seinen begeisterten Aktionären. Ziel sei es, der größte Entertainment-Konzern der Welt zu werden - was in der Firmenzentrale des Disney-Konzerns Lachen ausgelöst haben soll. Immerhin machte Disney zu dem Zeitpunkt hundertmal mehr Umsatz als die Konkurrenz aus München. Skeptiker, die es durchaus gab, hielt Haffa entgegen: "EM.TV ist eine Idee." Aber keine besonders gute. Denn während Thomas Haffa fremde Unternehmen in sich hineinstopfte wie das Krümelmonster Kekse, verirrte sich sein überforderter Bruder Florian und EM.TV-Finanzvorstand im Labyrinth der doppelten Buchführung. Irgendetwas, ließ er im Sommer 2000 seinen Bruder Thomas wissen, stimmt mit den Zahlen nicht. Dann ging alles sehr schnell: Bis Ende November 2000 hielten die Haffas noch ihre Prognose, EM.TV werde im Gesamtjahr 600 Millionen Mark Gewinn machen. Am 1. Dezember begann dann der Absturz. Die Gewinnprognose wurde auf 50 Millionen Mark gesenkt, Finanzvorstand Florian musste gehen. Am 30. April 2001 schlug die Stunde der Wahrheit: Nicht weniger als 2,4 Milliarden Mark Verlust vor Zinsen und Steuern. Das gab dem Aktienkurs den Rest. Dem fassungslosen Publikum erklärte Haffa seinen Rücktritt, "mit Wehmut und Traurigkeit". Er soll geweint haben. Die Hauptversammlung 2001 überließ er seinem Nachfolger, Werner Klatten, der beim Aktionärstreffen vorsichtshalber Regenschirme bereitlegen ließ. Gegen fliegende Tomaten."Minus-Milliardär"Heute steht die EM.TV-Aktie bei 0,95 Euro und der fünfzig Jahre alte "Minus-Milliardär", so heißt ein Buch über Haffa, vor Gericht. Angeklagt, vielleicht schuldig, sicher nicht arm. Allein seine restlichen 17 Prozent an EM.TV sind zwar nicht mehr wie Anfang 2000 rund 2,9 Milliarden Euro, aber immer noch rund 23 Millionen Euro wert. Die "Bild" berichtet, er habe sich gerade eine neue Yacht gekauft.Er kann sogar auf ein mildes Urteil hoffen. Denn um die Haffas ins Gefängnis zu schicken, muss ihnen nach neuer Rechtslage nachgewiesen werden, dass ihre falschen Geschäftsprognosen tatsächlich auf den Aktienkurs eingewirkt haben. Der Staatsanwalt muss also nicht nur beweisen, dass sie den Kurs absichtlich beeinflussen wollten, sondern auch, dass sie damit Erfolg gehabt haben. Ein "Erfolgsdelikt", nennen das Juristen. Die einstigen Popstars des Kapitals dürfen also hoffen, dass das Gericht, wie die Börse, auf "Misserfolg" entscheidet.
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