Joy Fleming ist zornig. Deutschlands ESC-Vertreterin von 1975 versucht sich im ZDF-Fernsehgarten an einer Erklärung des Null-Punkte-Debakels beim diesjährigen Eurovision Song Contetest. „Warum hat das Mädchen nicht einen Punkt bekommen?“, fragt die Sängerin empört und gibt sich gleich selbst die Antwort: „Es kann uns keiner leiden. Ich verstehe nicht, dass man uns Deutsche so abstraft.“ Das Publikum in der Live-Veranstaltung klatscht begeistert Zustimmung, und Joy Fleming setzt noch eins drauf: „Wir dürfen uns das nicht weiter bieten lassen.“
Keine Strafe für Staatenlenker
Die Verschwörungstheorie ist den Deutschen lieb, wenn mal was schief geht hierzulande. So wie Joy Fleming haben sich in den sozialen Netzwerken unzählige darauf geeinigt, dass Europa es Merkel-Deutschland heimzahlen wollte mit seinen null Punkten für Ann Sophie. Das ist Unsinn pur, allein der Blick auf Platz zwei der ESC-Siegerliste beweist die Untauglichkeit dieser Theorie. Soweit oben landete nämlich ein als Friedenslied getarntes Stück Propaganda-Pop aus Russland, dessen politische Führung derzeit nicht zu den beliebten in Europa gehört. Nein, mit der Punktevergabe beim ESC werden keine missliebigen Staaten und Staatenlenker abgestraft.
Warum also nur null Punkte für Ann Sophie, die 24jährige Vertreterin Deutschlands? Vom verantwortlichen Sender NDR gibt es dazu bislang keine offizielle Stellungnahme. Dafür haben sich bereits die hauseigenen Experten geäußert. So sieht beispielsweise der Kommentator der Sendung, Peter Urban, eine Ursache für das miserable Abschneiden in der Tatsache begründet, dass mit Ann Sophie nur die Zweitplatzierte aus dem Vorentscheid nach Wien gereist ist. Darüber hätte die anderen Länder natürlich alle berichtet. „Die wussten alle Bescheid, und hatten dann immer im Hinterkopf: Ach ja, sie ist der Ersatz.“
Problematisches Punktesystem
Auch der als Dr. Eurovision bekannt gewordene Experte im Einsatz für den NDR, Irving Wolther, hat in einer Videomitteilung seine Erklärung abgegeben. „Das eigentliche Problem ist das Punktesystem“, sagt Wolther, und führt aus, dass Deutschland durchaus mit fünf Punkten auf dem 19. Platz hätte landen können, wenn nur die Anrufe der Televoter entscheidend gewesen wären. Das derzeitige Reglement aber zählt das Votum der Zuschauer nur zu 50 Prozent neben den 50 Prozent der jeweiligen Fachjuroren in den einzelnen Ländern. „Man fragt sich jetzt natürlich“, so Wolther, „inwiefern die Fachjury repräsentativ ist für ihr jeweiliges Land.“
Hätten nämlich, auch das ist ein Ergebnis der genauen Analyse der Punktevergabe, nur die Wertung der Zuschauer gezählt, wäre Italien als Sieger aus dem Wettbewerb hervorgegangen. So als gelte es, den Verlierer Deutschland zu trösten, wird diese Hätte-Wertung jetzt überall zitiert, auch um den Sieger Schweden auf seinem Thron ins Wanken zu bringen.
Offensichtlich fällt es schwer, sich einzugestehen, dass Deutschland mit dem falschen Lied am falschen Ort war. Der Titel „Black Smoke“ und die Sängerin Ann Sophie haben nicht den Geschmack der Massen in Europa getroffen. Die Sängerin, als Schauspielerin ausgebildet am Lee-Strasberg-Institut in New York, bewegt sich bei ihrer Aufgabe als Sängerin in einer Rolle, sie interpretiert nicht ihre Lieder, sie stellt sie dar. Das kommt nicht an in einer Zeit, in der Authentizität das Zauberwort der Musikbranche ist.
Das Publikum will Künstler, die ihre Gefühle im Vortrag empfinden und nicht spielen. Und will eine Botschaft, ein Anliegen, eine Message. Das war die zentrale Erfahrung des diesjährigen ESC, so viele Länder kamen mit einem Anliegen auf die Bühne, in der Erbfolge der Siegerin vom vergangene Jahr, Conchita Wurst, die mit ihrer Botschaft von Toleranz und Akzeptanz millionenfach überzeugte. Dagegen hatte Ann Sophie nichts zu bieten, ihre ganze Performance setzte stattdessen auf kühle Sexyness und auf Distanz, die leicht missverstanden werden kann als Arroganz.
Hinweis auf den WDR
Die Welt des ESC zeigt in einigen Punkten durchaus Parallelen zur Welt des Fußball. Aber nicht im Umgang mit seiner Führung. Müsste ein Fußballtrainer eine solche Negativ-Bilanz ziehen wie sie der nationale Veranstalter, der NDR, inzwischen vorzuweisen hat, wäre er längst ausgetauscht worden. Nicht so der NDR. Seit der Trennung von ProSieben und Stephan Raab läuft es für den Sender schlecht, und jedes Jahr wird leidlich am Auswahlverfahren herumgewerkelt, ohne sich wirklich auf etwas Neues einzulassen. „Bitte lieber NDR versöhnt euch mit Raab und lasst ihn machen“, fordert ein gewisser „ESC Fan“ auf der Internetseite des Senders. Ebenso wird nach einem neuen Sender gerufen, der die Organisation der Veranstaltung übernehmen soll. Immer wieder kommt der WDR ins Spiel, dem man mit seinem Radiosender 1Live eine deutlich größere Kompetenz in Sachen zeitgemäßer Popmusik zutraut als dem NDR.
Es helfen keine Zahlenspiele und auch kein Verweis auf dunkle Mächte, mit den null Punkten in diesem Jahr für Ann Sophie ist in der deutschen ESC-Geschichte nach genau fünfzig Jahren wieder ein neuer Negativrekord erreicht. Dieser Tiefschlag sollte genutzt werden, einen gründlichen Neuanfang zu überlegen. Vorausgesetzt, man nimmt die Herausforderung der weltgrößten TV-Show Ernst und will sich tatsächlich im friedlichen Wettstreit mit seinen gesamteuropäischen Mitbewerbern messen.
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