Kultur

Anna Netrebko in der Staatsoper Berlin: Der Wahnsinn des Krieges

Anna Netrebkos Darstellung des absolut Bösen zeigt, dass auch die Demonstranten vor der Oper zu verstehen sind. Der Krieg zerstört die Zivilisation.

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Opernsängerin Anna Netrebko verbeugt sich am Freitag in der Staatoper Unter den Linden zum Schlussapplaus. 

Opernsängerin Anna Netrebko verbeugt sich am Freitag in der Staatoper Unter den Linden zum Schlussapplaus. 

© Foto: Annette Riedl/dpa

„Shut up!“, ruft ein feiner Herr auf die andere Seite des Publikums: Dort wird gebuht, hier wird applaudiert. „Schande!“, schreien die Demonstranten vor der Staatsoper. Sie rufen: „Keine Bühne für russische Propaganda!“ Und: „Russland ist ein Terrorstaat!“ Die Besucher eilen hastig an den Megafonen vorbei. „Zu den Waffen! Zu den Waffen!“, singt Malcolm auf der Bühne. Es ist kein beschaulicher Opernabend am Freitag in der Staatsoper Unter den Linden. Es ist ein Abend, an dem Politik auf Kunst trifft, Wirklichkeit auf Schauspiel, Krieg auf Zivilisation. Kann das gut gehen?

Die österreich-russische Sopranistin Anna Netrebko singt die Lady Macbeth in Giuseppe Verdis Oper „Macbeth“. Gegen Netrebko richten sich die Proteste, denn sie hat einst hoch in der Gunst des russischen Präsidenten Wladimir Putin gestanden. Doch weil sie sich nach Einschätzung des Intendanten der Staatsoper, Matthias Schulz, glaubwürdig vom russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine distanziert hat, wurde sie nach Berlin eingeladen – wie zuvor schon nach Wien, Mailand, Salzburg und Wiesbaden.

Wie schon in Wiesbaden, so gibt es auch in Berlin Proteste. Es sind etwa 250 Menschen, vorwiegend Ukrainer, die sich vor der Oper versammelt haben. Die Polizei gibt später offiziell an, es seien nur etwa 150 gewesen. Möglich, dass da ein wenig schlechtes Gewissen dabei war, denn die Polizei hatte die Demonstranten sehr nahe an den Eingang gelassen. Die Besucher mussten unweigerlich an ihnen vorbei. Eine Sprecherin rief per Megafon an das Publikum gerichtet: „Wo ist euer Gewissen? Ihr amüsiert euch, während die Russen unsere Menschen töten.“

Vor der Vorstellung war die Begegnung zwischen Publikum und Demonstranten noch entspannt. In der Pause, als einige Zuhörer vor die Oper traten, um zu rauchen oder zu plaudern, stieg die Anspannung: Die Demonstranten skandierten immer neue Rufe gegen die Besucher. Einige Männer aus dem Publikum fühlten sich provoziert, begannen, die Protestler zu verhöhnen, indem sie sich als Dirigenten vor ihnen aufbauten. Die Schreie der Demonstranten wurden lauter. Nach der Vorstellung war die Aggression noch zu spüren, noch die letzten, versprengten Besucher wurden per Megafon niedergebrüllt. „Gehen Sie bitte weiter“, sagte ein Polizist zu einem Besucher. „Sie sehen ja, es wird sonst zu aufgeheizt.“

Anna Netrebko stellt das Böse auf der Bühne bloß

In der Oper selbst hallen die Protestrufe der Ukrainer nach. Kein Besucher kann sich entziehen. Einige murren. „Ist ja alles gut“, sagt eine Zuschauerin, „aber können die nicht im Tiergarten protestieren?“ Ein junger Besucher sagt: „Ich will hier Musik hören, sonst nichts. Was habe ich damit zu tun?“

Dass alle damit zu tun haben, mit dem Krieg, mit der Verwüstung, mit der Zerstörung der Kultur, wird in dem Moment klar, als sich der Vorhang hebt. Die Szene zeigt ein Schlachtfeld. Im Hintergrund steigen schwarze Rauchsäulen auf. „Butscha“, denkt man unweigerlich. Die Inszenierung von Harry Kupfer ist jedoch aus dem Jahr 2018 – prophetisch also, und zeitlos und voll dunkler Erinnerung: Die Macbeth-Truppe trägt SS-Mäntel und Naziuniformen, die Krone ist eine Militärkappe. Der Krieg – er war immer eine Option zur Durchsetzung von Politik mit allen Mitteln. Das wusste Shakespeare, das wusste Verdis Librettist Francesco Maria Piave, das wusste Verdi selbst. Der Krieg, so zeigt es „Macbeth“, hat immer Erklärungen: Es geht in der Oper um das betrogene Vaterland, um Bruderkrieg, um die Heimat. „Was mit Blut begann, endet mit But“, heiß es an einer Stelle. An einer anderen werden die Kinder beklagt, die Waisen, die Flucht wird besungen, die „letzten Seufzer, der letzte Atemzug!“. Odessa, der Donbass, Europa, das verlorene Paradies.

Aber warum kommt es eigentlich immer wieder zum Krieg? Lernen die Menschen nicht aus der Geschichte, aus der Oper? Anna Netrebko macht klar, warum es so ist. Sie spielt die absolut Böse. Sie intrigiert, stachelt ihren Mann auf, macht ihn zum Massenmörder. An ihrem Spiel und ihrem Gesang wird klar, warum die Staatsoper unbedingt sie haben wollte. Ihre künstlerische Perfektion ist nicht L’art pour l’art, Schöngesang um seiner selbst willen oder gar wegen des Applauses.

Ihre Verführung geht unter die Haut, der Zuhörer versteht, warum Macbeth ihr hörig ist, warum er sich selbst um den Verstand bringen lässt. Das ist mehr als Propaganda, mehr als Manipulation. Netrebko spielt und singt nicht eine böse Frau, sie stellt das Böse auf die Bühne und stellt es bloß. Die Verheerungen der totalen Zerstörung gipfeln schließlich im totalen Scheitern der Lady Macbeth: Sie verfällt dem Wahnsinn. Doch der Wahnsinn ist nicht mehr laut, er ist kaum hörbar. Sie will die blutige Hand abwaschen, kann das aber nicht, weil sie sich das Blut nur noch einbildet, obwohl es doch schon hundertfach vergossen wurde.

Der Wahnsinn des Krieges mündet in den Wahnsinn des Täters, der seine Taten am Ende nicht mehr ertragen kann. Man kann dieses immer wiederkehrende Motiv des Krieges in Form von politischen Bildungsveranstaltungen an die nächste Generation weiterreichen. Oder mit Netflix-Serien, wie jenen über die Wendepunkte des Zweiten Weltkriegs, in denen Amerikaner und Briten in erstaunlicher Offenheit die auch von ihren eigenen Führern oder Soldaten begangenen Gräueltaten reflektieren.

Anna Netrebkos Darstellung dagegen ist unmittelbar, die Kraft ihrer Kunst lässt die Zuhörer erstarren, weil sie spüren: Jeder kann ein Täter sein, niemand ist gefeit, es gibt kein Entrinnen, sparen wir uns doch die Heuchelei. Solange es Menschen gibt, wird es Kriege geben. Es gibt ausreichend niedrige Beweggründe, wie Gier, Machtlust, Profistreben. Es gibt genug Überhöhungen, mal sind es Befreiungskriege, mal Sicherheitsinteressen, mal die Heimat. Kriege sind, so zeigen es Shakespeare und Verdi, wie lodernde Flammen, die sich selbst verzehren. Einmal in Brand gesteckt, wird die Erde abgefackelt, es gibt kein Halten. Wenn der Wahnsinn sich Bahn bricht, verhallt der Ruf nach Frieden. Erst am Ende, als die Täterin erlöscht, wird der Weg frei für ein Ende des Mordens. Von Waffenstillstand ist noch lange keine Rede – erst muss noch Macbeth von Macduff gemeuchelt werden, und man ahnt es: Auch dieser Mord ist nicht das Ende der Geschichte.

Die Staatsoper Berlin lieferte ein Produkt herausragender Qualität

Die Oper ist jedoch eine Art Innehalten. Sie zeigt in all ihrer Drastik, dass es für die Menschheit eigentlich nur einen Ausweg aus dem Krieg gibt: nämlich ihn gar nicht erst zu beginnen. Die Demonstranten vor der Oper haben alles Recht, ungerecht zu sein. Sie sind Zeugen des namenlosen Grauens, das dieser Krieg ausgelöst hat. Sie sind keine Darsteller, auch wenn ihr Protest von ukrainischer Seite mit organisiert ist. Vor der Aufführung hatten der ukrainische Botschafter Oleksii Makeiev und Berlins Kultursenator Joe Chialo die Fotoausstellung „Russian War Crimes“ in der Humboldt-Universität direkt gegenüber der Staatsoper besucht. Eine Schriftstellerin aus dem Donbass sagte auf der Demo, die Russen würden die Kultur nur als Vorwand verwenden. Ein deutscher Historiker sagte, dies sei schon unter Stalin so gewesen, Aufführungen von Tschaikowski hätten dazu gedient, die Verbrechen zu verschleiern. Bilder zeigten Anna Netrebko in blutverschmiertem Gewand. Andere wiesen darauf hin, dass der Krieg nicht vor den Institutionen der Kultur Halt mache. 

Am Ende der Aufführung stand jedoch ein Triumph für Netrebko. Sie und vor allem Luca Salsi als Macbeth sowie Fabio Sartori als Macduff machten klar, dass es bei dieser Oper nicht um einen Krieg geht, sondern um alle Kriege. Dass die Aufgabe der Kunst darin besteht, mit der höchstmöglichen Perfektion zu zeigen, was den Menschen zum Wolf macht, wozu das führt und wie es am besten verhindert wird. Die künstlerische Botschaft ist die Grundlage für Politik und Welt. Was Herrschende und Untergebene draus machen, ist nicht mehr die Sache der Kunst. Sie spricht eine andere Sprache als die Welt. Doch kann sie überall verstanden werden, in Moskau, Kiew, Washington, London, Peking und Berlin.

Buhrufe waren nach der Pause nicht mehr zu hören. Minutenlange, einhellige Standing Ovations für die Sängerin, große Begeisterung für alle Mitwirkenden. Die Staatsoper und die brillante Staatskapelle unter Bertrand de Billy lieferten mit der Aufführung eine Produktion von herausragender Qualität.

Nach der Aufführung harren einige Demonstranten noch vor der Oper aus. Ein Mann sagt zu einem Besucher, es sei falsch, in die Aufführung zu gehen. Er sagt: „Nehmen Sie sich in Acht, die Russen werden Ihnen von hinten in den Rücken stechen.“ Die Demonstranten singen zum Abschluss die ukrainische Nationalhymne. Daniel, ein junger Mann aus Kiew, der an der FU Berlin Marketing studiert, sagt, er fühle sich zwar spirituell als Europäer, wolle jedoch in die USA auswandern, weil er dort für sich bessere Zukunftschancen sieht. Ein Polizist sagt, die Versammlung sei ein Routineeinsatz gewesen, ohne besondere Vorkommnisse.

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