Anna Prohaska und Daniel Barenboim

Wenig Lust auf Melancholie

Die Ophelia aus Shakespeares „Hamlet“ hat zahllose Maler und Komponisten inspiriert. Diverse Ophelia-Lieder, etwa von Richard Strauss und Franz Schubert, sang am Sonnabend Anna Prohaska im Schillertheater - mit Daniel Barenboim am Klavier.

Clemens Haustein
3 Min
Der Dirigent und Pianist Daniel Barenboim.

Der Dirigent und Pianist Daniel Barenboim.

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Hat uns eine Figur wie Ophelia heute noch etwas zu sagen? Jene Gestalt aus Shakespeares „Hamlet“, die über ihrer Liebe zum wahnsinnigen Hamlet selbst wahnsinnig wird, in melancholischer Stimmung auf eine Weide steigt, von dort in einen Bach fällt und ertrinkt. Eine Reihe von Malern des 19. Jahrhunderts ließ sich von dieser Geschichte zu geheimnisvoll düsteren Ophelia-Bildern inspirieren: blasse Haut, Sumpfblumen im Haar. Aber das ist gut hundert Jahre her.

Wenn man Anna Prohaska folgt, hat Ophelia als Frauenfigur mittlerweile ausgedient. Die Sopranistin verfügt zwar über langes, schwarzes Haar, das man sich gut mit frisch gepflücktem Blumenschmuck vorstellen kann, und sie trägt bei ihrem nachmittäglichen Liederabend am Samstag einen Armreif, der auch den Arm einer Nixe auf einem Bild von Arnold Böcklin zieren könnte – doch die schwermütige Frauenfigur aus dem „Hamlet“ zu geben, darauf hat Prohaska weniger Lust.

Sämtliche verfügbaren Ophelia-Liedkompositionen standen bei ihrem Auftritt im Schillertheater mit Daniel Barenboim am Klavier auf dem Programm. Der Knoten platzte so recht erst bei den Ophelia-Liedern von Richard Strauss. Was bezeichnend war, weil Strauss Shakespeares Text größtenteils ironisch behandelt. Wenn es im vierten Lied heißt: „Er ist hin! Er ist hin!“ klingt das nach bayrischem Sarkasmus, der deutlich humoristisch gemeint ist.

Vokale kneten

Anna Prohaska singt das umwerfend: mit stimmlicher Schönheit, Charme, geglückter Ironie. Bei Brahms, Berlioz und Wolfgang Rihm hingegen knetet die Sopranistin sorgfältig Vokale, schuftet um Legato und intime Klangmomente. Daraus ergibt sich eine eindrucksvolle Textverständlichkeit, nahezu makelloser Gesang – der Blick in das rätselhafte Innenleben der Lieder bleibt bei dieser handwerklichen Sorgfalt aber verstellt. Beispielhaft zeigt das Robert Schumanns „Mädchen-Schwermut“, in dem die Singstimme meist resigniert auf einem Ton verharrt.

Prohaska singt das mit gesundem Klang – und schwächt damit den Eindruck depressiver Erstarrung, die Schumann hier komponiert hat. – Daniel Barenboim hält sich in der Begleitung den gesamten Nachmittag über nahezu demonstrativ zurück – und wirkt dabei, als würde er einen Ferrari im Schritttempo über einen holprigen Feldweg fahren. Prohaska hat damit alle gestalterischen Freiheiten, allerdings fehlt ihr etwa in Schuberts dramatischem „Geistertanz“ fast schon die klangliche Unterstützung aus der Begleitung. So war Ophelias Melancholie doch noch zu hören: in Barenboims introvertierter, fast brüchig klingender Begleitung.

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