Erst der Skandal um die Echo-Verleihung an Kollegah und Farid Bang hat das Thema Antisemitismus in Deutschland groß auf die Tagesordnung gebracht. Die beiden Rapper hatte für ihre judenfeindlichen Zeilen die Auszeichnung der deutschen Musikindustrie erhalten, was zu einem Proteststurm und zigfacher Distanzierung von Musikschaffenden führte. Dabei sind antisemitische Anfeindungen und Übergriffe längst keine Seltenheit mehr.
Die Attacke auf einen jungen Kippa-Träger in Berlin hat dann auch die Politik auf den Plan gerufen. Am Sonntag thematisierte Bundeskanzlerin Merkel das Problem im israelischen Fernsehen. „Das bedrückt uns“, sagte Merkel.
Bei „Anne Will“ sind sich denn auch alle Gäste einig, dass Antisemitismus hart bekämpft werden muss. Ob dieser allerdings ein Problem sei, das erst durch den verstärkten Zuzug von Muslimen aufgetreten sei, ist umstritten. Der ehemalige Botschafter Israels in Deutschland, Shimon Stein sagt: „Man soll nicht so tun, als ob der Antisemitismus jetzt erst mit der Flüchtlingskrise nach Deutschland gekommen ist“.
Mansour kritisiert Integrationskurse
Dem widerspricht Psychologe und Autor Ahmad Mansour, für den Judenfeindlichkeit zu seiner Kindheit und Jugend dazugehörte. Mansour wuchs als Sohn einer arabischen Familie in Israel auf und wandte sich später gegen dieses Feindbild.
Mansour will muslimischen Antisemitismus innerhalb der muslimischen Gemeinschaften bekämpfen und sieht die Moscheen in der Pflicht. Diese sollten das Existenzrecht Israels anerkennen und in ihre Freitagsgebete aufnehmen.
Aber auch die deutsche Integrationspolitik kann nicht bei ihm punkten. „In Integrationskursen wird über Mülltrennung geredet, aber nicht über Israel oder die Rolle der Frau“, so Mansour.
Kauder will Konsequenzen für Schulen
Volker Kauder sieht mit Sorge die jüngsten Entwicklungen in Deutschland und fordert null Toleranz. Gerade an Schulen ist Antisemitismus ein Thema, wie das Beispiel eines 14-jährigen jüdischen Schülers in Berlin zeigt, der nach Mobbing die Schule wechselte. „Welt“-Chefredakteur Ulf Poschardt hatte angesichts solcher Vorfälle in einer Kolumne geschrieben, Deutschland drohe den Kampf gegen den Antisemitismus zu verlieren, und zeigte sich auch bei „Anne Will“ empört.
Kauder fordert als Konsequenz eine Meldepflicht für antisemitische Vorkommnisse an Schulen: Ein Beauftragter solle alle Fälle von Beschimpfungen oder Schulhof-Rangeleien gegen jüdische Schüler systematisch untersuchen.
Katja Kipping findet das übertrieben: „Aus jeder Meldung bei der Polizei wird ja sofort ein Vorgang, bei dem Zeugenaussagen aufgenommen werden“, sagt sie. Man habe auch ohne Zugewanderte ein Antisemitismus-Problem sagt die Linke und verweist auf den „Rechtsruck“ in der Bevölkerung, der auch Figuren wie Kollegah salonfähig machte. (cm)
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de