Berlin - Tiefgefrorene Teigklumpen als äußerstes Mittel des Freiheitskampfes? Willkommen im Prenzlauer Berg. Dort ist das Käthe-Kollwitz-Denkmal mit Spätzle beworfen worden – tiefgefroren. Im Internet bekennen sich unbekannte Teig-Terroristen unter dem Slogan „Free Schwabylon“ zu der Tat.
Im Bekennerschreiben im Internet heißt es, man wolle nicht akzeptieren, dass man von Berlinern wie Bürger zweiter Klasse behandelt werde. Lange genug habe die schwäbische Bevölkerung Berlins unter „Fremdherrschaft und Diskriminierung“ gelebt. „Lange genug mussten sie ihre Weckle als ,Schrippe‘ kaufen und ihre Fleischküchle als ,Buletten’.“ Das Kollwitz-Denkmal sei das Symbol einer autoritären Berliner Minderheit. „Wir haben es mit Spätzle beworfen, weil wir wütend sind.“
Auf der Website werden konkrete politische Forderungen aufgestellt: Die Unbekannten streben die Einrichtung eines autonomen schwäbischen Bezirks in Berlin an – „Schwabylon“ genannt. „In einem Viereck um den Kollwitzplatz sollen Schwäbinnen und Schwaben so schwäbisch sein können, wie sie wollen.“ Die autonome schwäbische Zone solle von der Danziger Straße im Norden begrenzt werden, der Metzer Straße im Süden, der Schönhauser Allee im Westen und bis zur Prenzlauer Allee im Osten reichen.
Noch mehr Schwaben-Terror angekündigt
Damit nicht genug: Der „antischwäbische Agitator“ Wolfgang Thierse, der am Kollwitzplatz wohnt, solle ausgewiesen werden. Dann folgt im Netz noch eine Drohung: Wo die Terror-Spätzle herkommen, gebe es noch mehr. „Unsere Spätzleschaber werden nicht ruhen, bis Schwabylon frei ist. Und sei es, dass der gesamte Prenzlberg unter einer Spätzleschicht schwäbischer Wut verschwindet.“
An diesem Dienstag versinkt der Bezirk zunächst einmal in Gleichgültigkeit. Mütter hetzen mit ihren Kinderwagen und Latte-Macchiato-Bechern an dem Denkmal vorbei, ohne die Spätzle zu beachten. Nur ein Rentner bleibt stehen. Doch der politische Hintergrund der Tat erschließt sich ihm nicht. Als der 68-Jährige von der Forderung hört,einen schwäbischen Bezirk in seinem Kiez zu errichten, bleibt er gelassen: „Es gibt doch Mietverträge, mich bekommen die hier nicht weg.“
Gegenüber vom Kollwitzdenkmal steht die „einzige echte Berlinerin am Kollwitzplatz“. Zumindest sagt das die Kellnerin des Kollberg 35 von sich. Als Ur-Berlinerin mit entsprechender Mundart sei sie für Touristen eine Attraktion, sagt die 26-Jährige. Dennoch verstehe sie die Unbekannten. „Hier am Kollwitzplatz ist es schon extrem.“ Sie zeigt auf den Laden neben ihrem Restaurant: „Schwaben raus“ steht da mit roter Farbe, daneben hat jemand „Schwabenfotze“ auf eine Bank geschmiert. „Dabei waren die Restaurantbesitzer Perser, die da drüben sind eigentlich Italiener. “
Nur wenige Hundert Meter von dem Denkmal entfernt steht Bäckerin Filiz Akduzyun im Kollwitzer Back vor einem Korb mit Schrippen, also im Zentrum des Kulturkampfes, könnte man meinen. Ja, es komme vor, sagt sie, dass Schwaben bei ihr ihre Schrippen als Weckle bestellen. Doch unter Kulturkampf ordnet die 39-Jährige das nicht ein. „Bei uns heißen die Schrippen sowieso Bäckerbrötchen und die bekommen alle, egal, ob sie Schrippen oder Weckle bestellen.“
Unbeeindruckt vom Anschlag zeigte sich am Dienstag auch der Mann, der die neue Schwaben-Debatte mit seinen Weckle-Bemerkungen ausgelöst hatte. Wolfgang Thierse (SPD) sagte, die Aktion am Kollwitzplatz sei „so schlecht und einfallslos“, dass sie ganz sicher nicht von Schwaben erdacht und ausgeführt wurde. „Schwaben würden ihre kostbaren Spätzle nicht auf Denkmäler werfen und verschmieren, nur um Aufmerksamkeit zu erregen.“
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