Dass mit Flüchtlingen aus arabischen Ländern der Antisemitismus in Deutschland zunimmt, ist eine These, die kaum hinterfragt wird. Aber ein Fragezeichen stand dann doch hinter dem Titel der Veranstaltung am Donnerstagabend im Jüdischen Museum. „Importierter Antisemitismus?“, lautete er. Und das ist ein Thema, das viele zu beschäftigen scheint. Der große Saal in der M.W. Blumenthal Akademie war nicht nur bis auf den letzten Platz besetzt, die Leute standen sogar entlang der Wände.
Zunächst wollte man sich mit Tatsachen befassen, und so durfte als erster Mathias Berek vom Zentrum für Antisemitismusforschung der TU das Wort ergreifen. Er hat untersucht, ob es eine Verbindung zwischen Immigration und Antisemitismus gibt. Die zentrale Antwort seiner im April veröffentlichten Studie verblüfft: „Es gibt keine.“ Was es allerdings gibt, ist ein gefühlter Anstieg von Antisemitismus. Acht von zehn Juden in Deutschland hätten das Gefühl, dass der Antisemitismus zunimmt, sagte Felix Klein, der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung.
Kritik an der Fokussierung auf Muslime
„Das muss uns alarmieren.“ Er wies auch auf Schwächen der Studie hin, bei der es sich nicht um eine repräsentative Studie unter Geflüchteten handelt, sondern für die Experten, also Menschen, die im Bildungssektor oder unter Flüchtlingen arbeiten, nach ihren Einschätzungen befragt und Kriminalstatistiken ausgewertet worden sind. Eine Informationsstelle Antisemitismus, die alltägliche Pöbeleien, Drohungen und Beleidigungen erfasst, die nicht in den strafbaren Bereich fallen, müsse es für das gesamte Land geben, und nicht nur in Berlin, sagte er.
Früh gab es auf dem Podium Kritik an der Fokussierung auf Muslime. „Das Land ist nicht entnazifiziert worden, wie man jetzt in Chemnitz sehen kann“, warf der Islamwissenschaftler Muhammed Sameer Murtaza ein. „Antisemitismus wird oft funktionalisiert, wird als Waffe benutzt, mit der man gegen andere marginalisierte Gruppen vorgeht“, sagte Dervis Hizarci, Lehrer und Vorstandsvorsitzender der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus „Warum fokussieren wir uns auf Muslime, wenn 90 Prozent der antisemitischen Straftaten von Rechtsextremen verübt werden?“ Die Deutschen dürften sich nicht zu entlasten versuchen, indem sie auf Muslime zeigen, sagte Felix Klein. Dafür gab es Beifall.
Austausch zwischen jüdischen und muslimischen Berlinern
Und auch das Ranking von Feindlichkeit und Rassismus ist ein Problem, das auf dem Podium angesprochen wurde. Zwar sagte Klein, dass es genauso schlimm sei, wenn etwa eine Frau, die ein Kopftuch trage, angegriffen würde. Aber wahr ist auch, dass es einen Antisemitismus-Beauftragten in Deutschland gibt, aber keinen, der sich mit Moslemfeindlichkeit beschäftigt. Einen Lösungsvorschlag, der sich nicht auf bestimmte Bevölkerungsgruppen konzentriert, weder als Täter noch als Opfer, machte Murtaza. Man müsse den ersten Satz des Grundgesetzes ins Zentrum rücken: Die Würde des Menschen ist unantastbar. „Das ist ein Auftrag an jeden einzelnen, der in die Zukunft weist.“ Großer Beifall.
Irena Fliter, selbst Jüdin, berichtete von ihrer Graswurzelarbeit in Neukölln. Sie leitet dort das Projekt Shalom Rollberg, das den Austausch zwischen jüdischen und muslimischen Berlinern fördert. „Warum kommen von Ihnen keine Projekte?“, fragte sie den Antisemitismusbeauftragten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, als der sich nach Handlungsmöglichkeiten erkundigte. Dass er im Anschluss auf sie zuging, ist vielleicht ein kleiner Schritt, aber diese Schritte braucht es.
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