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Bei einem Besuch des Tschechow-Museums 2004 in Jalta hatte ihr die Gärtnerin einen kleinen schwarzen Stein geschenkt. Da war die Krim noch ein autonomes Gebiet der Ukraine. Der lungenkranke Anton Tschechow hatte sich hier am Meer wegen der Luft 1898 eine weiße Jugendstilvilla gebaut.
Manchmal drückt Antje Leetz den Stein in der Tasche ganz fest, wenn die Erinnerungen kommen. Schöne und bittere. Oft in der S-Bahn von Berlin nach Potsdam. Auf dem Weg zu Tochter und Enkeln. Die Berliner Übersetzerin und Autorin Antje Leetz hat aus Recherchen für fast 50 Rundfunksendungen ein bewegendes Buch geschrieben: „Der schwarze Stein aus Tschechows Garten“, heißt es.
Die Autorin weiß: Auch Liebe zu anderen Ländern kann weh tun. Wegen der Leidenschaft, aber auch wegen der Enttäuschungen. „Ich habe das Manuskript am 24. Februar 2022 ganz tief in meinem Herzen begraben. An diesem Tag vernahm ich mit Schrecken die Nachricht, dass Russland in die Ukraine einmarschiert ist.“
Wer heute von Russland spricht, tut dies mit Verzweiflung über den Krieg. Wer – trotz allem - von Tolstoi, Bulgakow, Granin, Kollontai, Gorki und langen privaten Freundschaften erzählen will, erntet häufig Empörung.
Tschechows Haus in Jalta
© Avalon.red/imago
Antje Leetz kann nicht anders. Sie will, wenn auch unter Schmerzen, von ihrer Liebe zu russischen Menschen erzählen, von den Jahren mit ihnen. Das lässt sie sich nicht verbieten. Das Gegen-den Strom-Schwimmen hat in ihrer Familie Tradition.
Antje Leetz wurde 1947 in Frankfurt a.M. geboren. Ihre Großmutter Johanna Kirchner, eine namhafte Pionierin der Arbeiterwohlfahrt und Widerstandskämpferin der Résistance, war von der Vichy-Regierung an die Gestapo ausgeliefert und 1944 in Plötzensee hingerichtet worden. Antjes Mutter, Kommunistin, bekam als Ärztin in Westdeutschland Berufsverbot und ging 1957 in die DDR.
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Hier studierte Antje Leetz an der Humboldt-Universität zu Berlin Germanistik und Slawistik und arbeitete danach als Lektorin für moderne russische Literatur. Von 1970 bis 1985 wurde der Verlag Volk und Welt ihre „Universität“. Hier erlebte sie, wie trotz politischer Einmischung der SED in alle Bereiche des Kulturlebens, gute Bücher entstanden. In hohen Auflagen, ohne Profitdruck. Denn die DDR war wie Russland ein Leseland. Bei Volk und Welt erschienen legendäre sowjetische Schriftsteller wie Platonow, Trifonow, Granin, Okudshawa, Aitmatow. Der Kultroman von Michael Bulgagow „Meister und Margerita“ brachte dem Verlag Gewinne ein, die Defizite ausglichen bei weniger populären Büchern, die sich nach heutigen Maßstäben „nicht rechnen“.
Hier verliebte sich Antje Leetz in ihren erfahrenen Kollegen Ralf Schröder. Er wurde der Vater ihrer beiden Kinder. In ihrem Buch erinnert sie sich: „Ralf brachte mir bei, wie hartnäckig man sein muss, und manchmal listig, wenn man um das Erscheinen kritischer Literatur kämpft, gegen den Widerstand der Zensur.“
Straßenszene in Moskau 1985. Von '85-'88 verbrachte Leetz Zeit in Moskau.
© Vasiliy Yegorov/imago
Originaltöne aus Russland
Sie strebte aus der stagnierenden DDR weg, ging als Austauschredakteurin von 1985 bis 1988 nach Moskau, arbeitete danach als freiberufliche Autorin, Herausgeberin und Übersetzerin. Immer wieder fuhr sie auch nach der Wende durch Russland. Immer mit der Eisenbahn. Um das Leben kennenzulernen. Selbst bis zur kleinen Bahnstation Astapowo 370 km südlich von Moskau, auf der am 20. November 1910 Lew Tolstoi im Häuschen des Bahnhofvorstehers Osolin an einer Lungenentzündung starb.
Von ihren Reisen brachte Antje Leetz Interviews, Originaltöne für große Rundfunksendungen mit. Sie liefen bis 2021 in allen deutschen öffentlich-rechtlichen Sendern. So hatte sie auch schon aufgezeichnete Gespräche mit der fast hundertjährigen Holocaust-Überlebenden Maria König aus Lodz (poln. Łódź) verarbeitet. 2021 erschien ihr Buch „Marischa - Mehr als ein Wunder. Eine Überlebensgeschichte“. Thomas Kuczinski schrieb in einer Rezension: „Wer glaubt, das alles zu kennen, (...) wird überrascht sein, denn da ist ein ganz besonderer Ton. […] Ein Kunstwerk […] dessen Lektüre jedem ans Herz gelegt sei.“
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Das gilt auch für „Der schwarze Stein aus Tschechows Garten“. Antje Leetz hat eine wunderbare Art zu erzählen, in kurzen Sätzen, mit reizvollen Anfängen. Alles fließt zusammen zu lebendigen Bildern. Nicht nur dieser Krieg, schreibt sie, tut ihr weh, sondern jedes Schicksal, von dem sie erfährt. Die schon lange währende Entfremdung der Deutschen von diesem Land ist ihr besonders schmerzlich.
Jahrzehntelange Freundschaften und herzliche Gespräche am Küchentisch
In 13 innigen Erzählungen taucht die Autorin ein in bewegende Biografien. Von ihnen erfuhr sie in jahrzehntelangen Freundschaften, herzlichen Gesprächen an Küchentischen, wo es immer auch viel zu essen und zu trinken gab. Wie bei ihrer Moskauer Freundin Ljudmila Petruschewskaja, deren Familienmitglieder fast alle, angefangen mit dem Großvater, einem bekannten Sprachwissenschaftler, Opfer des Stalin-Terrors und zugleich des deutschen Überfalls wurden.
Antje Leetz: Der Schwarze Stein aus Teschechows Garten
In dem Buch erinnert sich Ljudmila Petruschewskaja: „Ganz zu Anfang des Krieges wurden wir aus Moskau nach Kuibyschew evakuiert. Aber auch dort waren wir immer Außenseiter, denn wir waren ja ‚Volksfeinde‘. So wurden Menschen bezeichnet, die angeblich für ausländische Mächte spioniert und dem sowjetischen Staat geschadet haben sollen. In Wirklichkeit waren das fabrizierte Anschuldigungen gegen alte Revolutionäre und Bolschewiki, die entweder erschossen wurden oder alle Rechte verloren, auch das Recht auf Arbeit.“
Heute gehört in Deutschland viel Mut dazu, sich zu Russlands leidgeplagten, gastfreundlichen Menschen und zur jahrhundertelangen gemeinsamen deutsch-russischen Geschichte zu bekennen. Sechs Zarinnen kamen immerhin aus Deutschland, verbanden Kaiser- mit preußischen Königshäusern, prägten die Potsdamer und Weimarer Geschichte.
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Antje Leetz schildert in ihren subtilen Geschichten ergreifende Details aus persönlichen Begegnungen. Auch mit wichtigen Schriftstellern, wie etwa Daniil Granin, der 1973 in Berlin gemeinsam mit ihr zuerst Ernst Busch und danach Wolf Biermann besuchte. Ein Treffen, das ihr in peinlicher Erinnerung blieb. Wie sollte sie als junge Frau diesem hochverehrten russischen Gast Biermanns deftige Flüche – „Diesen Politikern aus dem ZK müsste man auf den Schwanz treten!“ – übersetzen?
Und da ist, gleich als erste Geschichte, ihr Besuch bei Irina, der Tochter von Ilja Ehrenburg, in einem neungeschossigen Moskauer Haus aus den 60er-Jahren. Ein Moment, aus dem eine tiefe Freundschaft wurde: „In der Tür steht die 84-jährige, knabenhaft wirkende, kleine Frau. Ich trete ein, und mich umgibt sofort ein besonderer Charme – eine Mischung aus französischer Boheme und russischer Anarchie […] Die schweren grünen Vorhänge, die ich schon von der Straße aus gesehen habe, verdunkeln das Arbeitszimmer. […] An den Wänden dicht an dicht Originale von Pablo Picasso, Henri Matisse, Robert Falk, Marc Chagall. Das alles völlig ungesichert [gegen Diebstahl].“
Die Autorin und Übersetzerin Antje Leetz
© privat
Auch das Schicksal von Alexander Askoldow hat sich ihr tief eingebrannt. Er war der Regisseur des berühmten Films „Die Kommissarin“, der 1988 wegen seiner hohen Meisterschaft und humanistischen Haltung auf der Berlinale mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde. Im Sommer 1987 war das Meisterwerk auf Drängen des kolumbianischen Schriftstellers Gabriel García Márquez aus einem sowjetischen Giftschrank geholt und im Jahr darauf zum ersten Mal im Moskauer Kino „Warszawa“ gezeigt worden. Antje Leetz erlebte, wie dieser große Askoldow aus Freude darüber weinte. Die eigenen Kollegen hatten 1967 den Film nach der Fertigstellung als „antisowjetisch“ bei der Partei denunziert.
Als Antje Leetz Askoldow in den 90er-Jahren in Berlin persönlich kennenlernte, saß er gerade am Drehbuch über das Schicksal des berühmten jüdischen Schauspielers Solomon Michailowitsch Michoels. Dessen Popularität als Vorsitzender des jüdischen antifaschistischen Komitees war Stalin und der Staatssicherheit NKWD ein Dorn im Auge. Er starb 1948 bei einem fingierten Verkehrsunfall. Der Film, geplant mit Robert De Niro in der Hauptrolle, wurde nichts. Aber ein Roman entstand. Antje Leetz übersetzte ihn gemeinsam mit dem zum Freund gewordenen Askoldow „Heimkehr nach Jerusalem“ erschien 1998.
Im Jahr 2002 erforschte Antje Leetz in Moskauer Archivräumen für den Sender SFB die ewig unter Verschluss gehaltenen Tagebücher der Alexandra Kollontai (1872-1952), jener berühmten Schriftstellerin, Volkskommissarin und Politikerin, die, wie sie in ihrem Buch schreibt, als „Botschafterin in Schweden in der Geheimdiplomatie großen Einfluss darauf hatte, dass Schweden nicht auf deutscher Seite in den Krieg eintrat, sondern neutral blieb.“
Kluge, besonnene, vermittelnde Stimmen und Begegnungen braucht es auch heute. Man kann sich nur wünschen, dass Antje Leetz’ Buch viele Leser findet, die sich hoffentlich inspirieren lassen von all den mutigen Menschen, von denen die Autorin erzählt.
Das Buch „Der schwarze Stein aus Tschechows Garten. Meine schmerzliche Liebe zu Russland“ ist soeben im Verlag Edition Schwarzdruck erschienen. Am 11. September liest die Autorin um 19 Uhr im Max-Lingner-Haus in Pankow aus ihrem Buch.
Hartmut Sommerschuh lebt als Autor in Potsdam. Vom November 1989 bis 2003 war er Redaktionsleiter, nach der Zusammenlegung von SFB und ORB zum RBB bis 2016 verantwortlicher Redakteur der Umweltfernsehreihe „OZON“.
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