Archäologen fanden an einer Kirche eine Kassette aus dem Jahr 1887. Es ist ein seltener Fund: Der Schatz von Friedrichsfelde

Der Kaiser war am Sonnabend in Baden-Baden auf dem Bahnhofe anwesend, von wo der Kaiser von Brasilien die Rückreise über Köln, Brüssel und Paris angetreten hat. Am Sonnabend Nachmittag machte der Kaiser einen Spaziergang. - Diese Nachricht steht in altdeutscher Schrift auf der ersten Seite der Friedrichsfelder Zeitung vom 4. Oktober 1887. Restauratoren zogen gestern diese Zeitung und weitere Zeitdokumente aus einer mit Grünspan versetzten Kupferkassette. Archäologen hatten die Kassette bei Grabungen an der Straße Am Tierpark in Friedrichsfelde entdeckt. "Das ist ein ganz seltener Fund, ich wüsste nicht, dass es so etwas schon einmal in Berlin gegeben hat", sagt Matthias Wemhoff, Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte. Für die Heimatgeschichte von Friedrichsfelde sei dieser Fund "sehr bedeutend".Die knapp ein Kilogramm schwere Kassette war von Gemeindemitgliedern des Dorfes Friedrichsfelde am 13. Oktober 1887 mit wichtigen Dokumenten gefüllt worden. An jenem Tag legten sie den Grundstein für eine Backsteinkirche im neoromanischen Stil. Außer der Friedrichsfelder Zeitung kam auch auch die Preußische Zeitung in die Kassette, ebenso der Eisenbahnfahrplan vom 1. Oktober 1887. Der Zug, der um 11.14 Uhr von der Friedrichstraße losfuhr, kam 11.43 Uhr in Rummelsburg an.Auch ein Heftchen über die Sonnenfinsternis am 19. August 1887 wollten die Gemeindemitglieder den nachfolgenden Generationen hinterlassen. Jede Phase des zweiminütigen Verschwindens der Sonne ist darin dokumentiert, so ein Naturereignis muss die Leute schon damals schwer beeindruckt haben. In die Kassette kamen außerdem Satzungen und Statute des Gesangsvereins, der Ortskrankenkasse und des Bürgervereins mit den Namen der Mitglieder sowie das Programm und die Urkunde zur Grundsteinlegung. Alle wichtigen Leute des Dorfes haben unterschrieben.Die gefüllte Kassette wurde mit Zinn luftdicht verlötet und im Fundament versenkt, dort wo später der Altar stand. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Kirche zerstört und 1951 in kleinerer Form neu gebaut. Wo einst der Altar war, entstand ein Gehweg.Jetzt wird die Straße am Tierpark verbreitert. Vor Beginn der Bauarbeiten gruben Archäologen gezielt an der Kirche. "Wir haben dort archäologische Funde vermutet", sagt Michael Hofmann vom Landesdenkmalamt."Wir sind diejenigen, an die sich die Botschaft in der Kassette richtet", sagt Museumsdirektor Wemhoff. Die historischen Dokumente werden nun im Museum gelesen und gescannt, der Fund soll zudem in Buchform dokumentiert und anschließend der Kirchengemeinde Friedrichsfelde übergeben werden. "Wir stellen die Dokumente sicherlich aus", sagt Edgar Dusdal, Pfarrer der Paul-Gerhardt-Gemeinde. Der Geistliche wirkt nicht sonderlich überrascht vom Inhalt der Kassette. "Das war zu erwarten", sagt Dusdal. Er hatte auf private Aufzeichnungen, persönliche Dokumente gehofft.Die gibt es vielleicht doch noch: Auf der Rückseite eines Programmheftes für ein Kirchenkonzert stehen Kritzeleien mit Bleistift. Noch weiß niemand, was sie bedeuten.------------------------------Foto: Himmlisches Schauspiel: In die Kassette legte die Kirchengemeinde auch ein Heftchen über die totale Sonnenfinsternis vom 19. August 1887.Foto: Historischer Kraftakt: Restaurator Hermann Born öffnet die Seitenwand der Kupferkassette. Das sieht man schon, Papier liegt ...

BLZ
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Der Kaiser war am Sonnabend in Baden-Baden auf dem Bahnhofe anwesend, von wo der Kaiser von Brasilien die Rückreise über Köln, Brüssel und Paris angetreten hat. Am Sonnabend Nachmittag machte der Kaiser einen Spaziergang. - Diese Nachricht steht in altdeutscher Schrift auf der ersten Seite der Friedrichsfelder Zeitung vom 4. Oktober 1887. Restauratoren zogen gestern diese Zeitung und weitere Zeitdokumente aus einer mit Grünspan versetzten Kupferkassette. Archäologen hatten die Kassette bei Grabungen an der Straße Am Tierpark in Friedrichsfelde entdeckt. "Das ist ein ganz seltener Fund, ich wüsste nicht, dass es so etwas schon einmal in Berlin gegeben hat", sagt Matthias Wemhoff, Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte. Für die Heimatgeschichte von Friedrichsfelde sei dieser Fund "sehr bedeutend".Die knapp ein Kilogramm schwere Kassette war von Gemeindemitgliedern des Dorfes Friedrichsfelde am 13. Oktober 1887 mit wichtigen Dokumenten gefüllt worden. An jenem Tag legten sie den Grundstein für eine Backsteinkirche im neoromanischen Stil. Außer der Friedrichsfelder Zeitung kam auch auch die Preußische Zeitung in die Kassette, ebenso der Eisenbahnfahrplan vom 1. Oktober 1887. Der Zug, der um 11.14 Uhr von der Friedrichstraße losfuhr, kam 11.43 Uhr in Rummelsburg an.Auch ein Heftchen über die Sonnenfinsternis am 19. August 1887 wollten die Gemeindemitglieder den nachfolgenden Generationen hinterlassen. Jede Phase des zweiminütigen Verschwindens der Sonne ist darin dokumentiert, so ein Naturereignis muss die Leute schon damals schwer beeindruckt haben. In die Kassette kamen außerdem Satzungen und Statute des Gesangsvereins, der Ortskrankenkasse und des Bürgervereins mit den Namen der Mitglieder sowie das Programm und die Urkunde zur Grundsteinlegung. Alle wichtigen Leute des Dorfes haben unterschrieben.Die gefüllte Kassette wurde mit Zinn luftdicht verlötet und im Fundament versenkt, dort wo später der Altar stand. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Kirche zerstört und 1951 in kleinerer Form neu gebaut. Wo einst der Altar war, entstand ein Gehweg.Jetzt wird die Straße am Tierpark verbreitert. Vor Beginn der Bauarbeiten gruben Archäologen gezielt an der Kirche. "Wir haben dort archäologische Funde vermutet", sagt Michael Hofmann vom Landesdenkmalamt."Wir sind diejenigen, an die sich die Botschaft in der Kassette richtet", sagt Museumsdirektor Wemhoff. Die historischen Dokumente werden nun im Museum gelesen und gescannt, der Fund soll zudem in Buchform dokumentiert und anschließend der Kirchengemeinde Friedrichsfelde übergeben werden. "Wir stellen die Dokumente sicherlich aus", sagt Edgar Dusdal, Pfarrer der Paul-Gerhardt-Gemeinde. Der Geistliche wirkt nicht sonderlich überrascht vom Inhalt der Kassette. "Das war zu erwarten", sagt Dusdal. Er hatte auf private Aufzeichnungen, persönliche Dokumente gehofft.Die gibt es vielleicht doch noch: Auf der Rückseite eines Programmheftes für ein Kirchenkonzert stehen Kritzeleien mit Bleistift. Noch weiß niemand, was sie bedeuten.------------------------------Foto: Himmlisches Schauspiel: In die Kassette legte die Kirchengemeinde auch ein Heftchen über die totale Sonnenfinsternis vom 19. August 1887.Foto: Historischer Kraftakt: Restaurator Hermann Born öffnet die Seitenwand der Kupferkassette. Das sieht man schon, Papier liegt drin.

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