Mit dem Begriff „Selbstoptimierung“ weiß die gängigste aller Internet-Suchmaschinen so einiges anzufangen. Keine Sekunde braucht sie, um exakt 96000 Treffer zu präsentieren. Der erste stammt aus dem Jahr 2013, ein Artikel aus der Wochenzeitung Zeit, Titel: „Das tollere Ich“. Auch die meisten anderen Überschriften lassen erahnen, dass in den Texten mit kritischen Untertönen zu rechnen ist: „Der vermessene Körper“, „Mensch in der Mangel“, „Ich, ich, ich – die Selbstoptimierung macht uns verrückt“ – der Verdacht, dass zu diesem Thema erstens schon so ziemlich alles gesagt wurde und es zweitens kein akutes Defizit an mahnenden Worten in Richtung Selbstverbesserer zu beklagen gilt, liegt nicht in so furchtbar großer Ferne.
Der WDR hat im Sommer 2015 trotzdem einen Zweiteiler ausgestrahlt, in dem man erfuhr, dass es keine Knalleridee ist, seine Leistungsfähigkeit mit Kokain zu steigern, und dass die Anhäufung von Daten über die eigenen Lebensgewohnheiten auch Nachteile mit sich bringt. In der ARD ist davon Montagabend nun die konzentrierte Fassung zu sehen, und auch wenn der Erkenntnisgewinn durch die Kürzung von 90 auf 60 Minuten nicht größer geworden ist: Ein paar Denkanstöße gibt einem „Fast perfekt – Anke Engelke und die Selbstoptimierer“ dann doch, und das auf eine enorm kurzweilige Weise.
Was bedeutet es für unsere Gesellschaft, wenn wir nie zufrieden sind mit uns. Was bedeutet es, wenn wir uns zwecks Selbstoptimierung vermessen und unsere Daten auch Dritten zugänglich machen? Anke Engelke spricht etwa mit einem Zukunftsforscher über die Folgen von Selbstoptimierung und Effizienzdenken. Sie trifft Menschen mit Down-Syndrom und deren Eltern, die mit den Auswirkungen von Perfektionsdrang und Leistungsdruck leben müssen.
Fast perfekt – Anke Engelke und die Selbstoptimierer: Ein Film von Gesine Enwaldt und Ravi Karmalker. Sendetermin: 11. Januar, 20.15 Uhr, ARD
Das liegt nicht zuletzt an Anke Engelke. Zwar stammt der Film von Gesine Enwaldt und Ravi Karmalker, doch nach außen hin ist es ihr Werk. Ganz bewusst wird den Zuschauern suggeriert, sie würden mitverfolgen, wie sich Engelke ausschließlich von ihren eigenen Gedanken, Erkenntnissen und Schlussfolgerungen beflügelt auf einen Road Trip durch die Welt der Selbstoptimierung begibt und sich ihre Gesprächspartner höchstpersönlich aussucht. Man nimmt ihr die Neugier ab, die sie dabei an den Tag legt. Nicht zuletzt ihre Empathie und ihr Humor machen diesen Film zu etwas Besonderem.
Als eine aufwendig geschminkte 29-jährige unter großen Qualen ihr babylonisches Alter verrät, deklamiert Engelke entsetzt: „Oh, dann Sie ja bald tot!“ Ihr Mitgefühl ist gefragt, als eine vierfache Mutter mit noch nicht optimierter Figur über den Sinn des Lebens nachdenkt und zu weinen beginnt. Nicht ihre Familie tröstet die in Tränen Aufgelöste, sondern die Berühmtheit aus dem Fernsehen; aufgesetzt und klebrig wirkt da gar nichts. Engelke lässt sich zur Verbesserung ihrer mathematischen Fähigkeiten Gleichstrom durch den Schädel jagen und ist aktiv dabei, wenn Menschen in einem Workshop ihr Selbstwertgefühl verbessern. Die Suche nach der Frage, warum so viele sich nicht gut genug finden und welche Folgen das hat, wird zu einer persönlichen Angelegenheit. So bindet man Zuschauer. Für Engelke spricht natürlich auch ihre Interviewtechnik: Ihre Gesprächspartner haben plötzlich eine Frau vor sich, die staunen und lebensklug parlieren kann, die sich selbst einbringt und reflektiert, die alles hören will, nur keine Phrasen. Weil Engelke sich öffnet, öffnet sich im besten Fall auch ihr Gegenüber. So sind für diesen Film einige sehr gute Gespräche entstanden, etwa mit Eltern, deren Kinder vom Down-Syndrom betroffen sind.
Aus ihrer – und der Autoren – Skepsis gegenüber Selbstoptimierung macht Engelke keinen Hehl, sie ist vielmehr der Impetus dieser Reportage. Sicher gibt sie auch anderen Meinungen Raum, doch wenn ein Geschäftsmann über den Nutzen seiner Software zur Selbstvermessung redet, spricht ihre Mimik Bände. Auch die Dramaturgie der Reportage, die Abfolge der Interviews also, lenkt die Gedankengänge der Zuschauer in eine ziemlich eindeutige Richtung: Vom Gespräch mit dem App-Anbieter ist es nicht weit bis zur Feststellung, dass die meisten Frühdiagnosen von Down-Syndrom zu einer Abtreibung führen.
Droht uns eine normierte Gesellschaft der Schönen und Gesunden? Aus der Perspektive Engelkes und der Autoren scheint es diese Gefahr zu geben. Das lässt sich nach diesen 60 Minuten zweifelsfrei sagen.
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