Die Berliner Charité (französisch: Barmherzigkeit) blickt auf eine jahrhundertealte Tradition zurück. Eine im späten 19. Jahrhundert angesiedelte Fernsehserie macht einen Teil davon lebendig: Die Hauptfigur in "Charité" (immer dienstags im Ersten) trifft auf herausragende Mediziner wie Rudolf Virchow (Ernst Stötzner), Robert Koch (Justus von Dohnány), Emil von Behring (Matthias Koeberlin) und Paul Ehrlich (Christoph Bach).
Die erfolgreiche ARD-Reihe feiert die Ärzte als Helden. Auch heute lehren und operieren hier Menschen, die den Leitspruch der Berliner Klinik "Forschen. Lehren. Heilen. Helfen" leben. Wir stellen vier von ihnen vor:
Unter die Haut: Prof. Dr. Sebastian Bachmann, Anatom
Prof. Dr. Sebastian Bachmann, Anatom.
© Rolf Kremming
Die Hand mit dem Skalpell führt einen Schnitt von der Mitte des Brustkorbes bis kurz unter den Nabel. Es ist so still, dass die Anwesenden den Schnitt zu hören glauben. Berlin, 29. November 1713, Theatrum anatomicum, 5 Uhr: Hofrat Christian Maximilian Spener führt die erste öffentliche Sektion in der Stadt durch.
Prof. Dr. Sebastian Bachmann ist einer der zahlreichen Nachfolger des Hofrats: Er leitet das Institut für Vegetative Anatomie der Charité. „Die Anatomie liegt mir sozusagen im Blut. Ein Vorfahre von mir, Herr Hoffmann – der mit den Hoffmannstropfen – , hat sich schon vor über 300 Jahren für ein anatomisches Institut in Berlin stark gemacht.“
Die Lehre vom Aufbau des Körpers ist längst Bestandteil eines jeden Medizinstudiums. Es gibt heute mehr Frauen als Männer unter den Studierenden der Anatomie – Frauen wurden erst 1914 zu diesem Studium zugelassen.
Bachmann hat in Kiel, Salzburg und Paris studiert, in Heidelberg geforscht. Er ist seit 1995 Professor an der Charité, wo er geboren wurde. Sein besonderes Interesse gilt der Niere mit ihren 26 verschiedenen Zelltypen und ihrem Einfluss auf den Blutdruck. „Unsere Grundlagenforschungen können Pharmazeuten bei der Entwicklung besserer Medikamente helfen.“
Mitten ins Herz: Prof. Dr. Karl Stangl, Kardiologe
Prof. Dr. Karl Stangl, Kardiologe.
© Rolf Kremming
Manchmal ist alles ganz einfach. Da hört ein Medizinstudent in der ersten Vorlesung, das Herz sei der Motor des Lebens, und beschließt, Kardiologe zu werden. „Auch wenn es simpel klingt, es war wirklich so“, sagt Prof. Dr. Karl Stangl. „Ich habe seitdem nie daran gezweifelt, Herzspezialist zu werden.“
Stangl – Studium in Regensburg, Doktorarbeit am Klinikum rechts der Isar (München), seit 1992 Kardiologe, seit 1999 Professor an der Charité – ist Leiter des Herzkatheterlabors und stellvertretender Klinikdirektor, ein weltweit anerkannter Experte für Implantationen von Herzklappen mit einem Herzkatheter.
„Die Aortenstenose ist die häufigste erworbene Herzklappenerkrankung in den westlichen Industrieländern“, sagt der Professor. „Ähnlich eines verkalkten Wasserhahns ist hier der Blutfluss gestört und das Herz muss stärker pumpen.“ Meist betrifft es Menschen ab 60. Luftnot, Herzschmerzen und Ohnmachtsanfälle sind die häufigsten Symptome.
Knapp 1000 Herzklappen haben Stangl und sein Team bisher eingesetzt. Der Vorteil der minimal-invasiven Herzkathetertechnik ist, dass der Brustkorb nicht geöffnet wird und keine Herz-Lungen-Maschine nötig ist. Die Operation ist im Vergleich zum herkömmlichen Eingriff weniger gefährlich.
Ab in den Weltraum: Prof. Dr. Hanns-Christian Gunga, Physiologe
Der Mann mit Hut: Prof. Dr. Hanns-Christian Gunga, Physiologe.
© Rolf Kremming
Von einem Extrem ins andere: Das gefällt dem Professor. Durch Goldminen in Afrika zu robben, durch 60 Zentimeter enge Gänge in 1800 Meter Tiefe. Oder Forscher der Neumayer-Station III in der Antarktis zu untersuchen. Oder Parabelflüge zu machen. „Es geht steil rauf und kopfüber steil runter. In den 20 Sekunden des Falls wird der Körper ähnlich belastet wie der eines Astronauten.“
Seit 2008 ist Prof. Dr. Hanns-Christian Gunga stellvertretender Leiter des Instituts für Physiologie der Charité und Sprecher des Zentrums für Weltraummedizin und Extreme Umwelten. „Ich bin neugierig und will die Dinge um mich herum begreifen.“ Mit seinem Team sucht er Antworten auf die Frage: Was passiert mit einem Menschen in Extremsituationen, mit seinem Körper, mit seinem Geist?
Für die Flüge in den Weltraum hat Gungas Team ein Gerät entwickelt, das die Körperwärme misst. „Das ist besonders bei Außenbordeinsätzen wichtig. Vorn die knallende Sonne mit 200 Grad plus und im Rücken 180 Grad Minus.“ Ein Gerät auch für Feuerwehr- und auch Bergbauleute.
Es spielt für Professor Gunga keine Rolle, ob das, was er heute erforscht, seinen Nutzen sofort beweist. Alles braucht seine Zeit, wie das Laufband, das Physiologe Nathan Zuntz vor 120 Jahren in der Invalidenstraße erstmals vorstellte.
Auf die Knochen: Prof. Dr. Markus Scheibel, Chirurg
Prof. Dr. Markus Scheibel, Chirurg (rechts) mit einem Patienten.
© Rolf Kremming
Beizeiten geht das Leben krumm. Markus kennt das. Als 15-Jähriger turnte er von Sieg zu Sieg. Viele sahen in ihm schon einen Olympioniken. Dann ein Sturz – teilweise Lähmung in den Beinen, spinaler Schock, Gehunfähigkeit. „Ich war geschockt und vielleicht auch ein wenig verbittert“, erinnert er sich. „Doch während der Reha erlebte ich auch, wie erleichternd es ist, kompetent und gut versorgt zu werden. Damals entstand bei mir der Wunsch, Arzt zu werden und anderen Menschen zu helfen, so wie mir geholfen wurde.“
Heute, nach Studium in Leipzig und Stationen in Heidelberg und München ist Markus Scheibel Professor für Arthroskopie und Sportmedizin an der Charité, wo er neue konservative Heilbehandlungen und neue Methoden der minimal-invasiven OP-Technik erforscht. Als Präsident der Deutschen Vereinigung für Schulter- und Ellenbogenchirurgie und weltweit anerkannter Schulterspezialist leitet er internationale Projekte. 2007 entwickelte er eine neue Technik: Arthroskopische Pfannenrekonstruktion nach Scheibel.
„Obwohl ich schon über 5000 Mal erfolgreich operiert habe, bin ich immer noch der Meinung, die beste OP ist die, die vermeidbar ist. Deshalb versuche ich mit allen Mitteln, Beschwerden konventionell zu beheben.“ In vier von fünf Fällen hat er Erfolg.
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