Berlin-Fragebogen

Ariana Baborie über Berlin: „In der U8 hatte ich nachts schon Angst um Leib und Leben“

Ihre Heimatstadt Berlin sei wie ein toxischer Ex, findet die Podcasterin und Moderatorin Ariana Baborie: ständige Beschwerden, aber keiner kann sich wirklich lösen. Woran liegt’s?

9 Min
Isst am liebsten im Grill Royal: Ariana Baborie

Isst am liebsten im Grill Royal: Ariana Baborie

© Eyecandy Berlin

Vom Starschnitt bis zu Dr. Sommer: Über Jahrzehnte hinweg hat die Zeitschrift Bravo die Jugendkultur in Deutschland geprägt. Dass die erste Ausgabe im August 1956 erschien, dieses Jahr also schon der 70. Geburtstag ansteht, dürfte dennoch manchen überraschen.

Und nach 70 Jahren lohnt ein Rückblick durchaus, wie ihn jetzt die ARD-Doku-Serie „BRAVO – Headlines, Hypes und Herzschmerz“ anstellt. Ariana Baborie, Gazelle Vollhase und Aurel Mertz erinnern sich darin als Leser an die Bedeutung des Magazins in ihrer Jugend.

Der Dreiteiler beleuchtet die Entwicklung des Heftes zwischen 1991 und 2015, von der Hochphase als wöchentliches Massenphänomen bis zur Neuausrichtung im Netz. Im Netz ist auch Ariana Baborie präsent – und nicht nur mit ihren Podcasts sehr erfolgreich. Uns hat die Berlinerin von wilden Zeiten in Kreuzberg und im hiesigen ÖPNV erzählt.

1. Frau Baborie, Sie sind 1988 in West-Berlin zur Welt gekommen und hier mit Deutsch und Persisch zweisprachig aufgewachsen. Wie kam es dazu?

Wie es zu meiner Geburt beziehungsweise Entstehung kam, lasse ich hier lieber aus, falls Minderjährige mitlesen. Zum Rest: Mein Vater ist in Afghanistan geboren, meine Mutter im Schwabenland. Ich wurde also gleichzeitig mit orientalischer Gastfreundlichkeit und dem Satz „Du schuldest mir noch 50 Cent“ großgezogen. Mit zwei Sprachen aufzuwachsen, habe ich immer als sehr bereichernd empfunden. Auch, weil ich dadurch in zwei Sprachen fluchen konnte – das erweitert sowohl den Wortschatz als auch die Persönlichkeit.

2. Welche sind Ihre prägendsten Kindheits- und Jugenderinnerungen an die Stadt?

Dazu gehört auf jeden Fall die Bibliothek im Rathaus Friedenau. Zwischen ihren Regalen habe ich ganze Sommer verbracht und müsste heute eigentlich drei Nuancen heller sein. Stundenlang Comics lesen, Bücher aussuchen und Musik hören – Ace of Base auf Kassette! Genauso prägend waren für mich der Wochenmarkt am Breslauer Platz und die legendären Fahrten im Doppeldeckerbus, oben ganz vorne, wo ich immer dachte: Ich lenke diesen Bus jetzt wirklich.

Später war ich viel auf Flohmärkten unterwegs – Maybachufer, Straße des 17. Juni, Mauerpark. Ich hatte eine völlig irrationale Begeisterung für Dinge, die aussahen wie „vintage“ und eigentlich nur alt waren. Dazu gehörte auch, Schallplatten zu kaufen, obwohl ich gar keinen Plattenspieler besaß. Und als Teenie dann die Steglitzer Schloßstraße und den Kudamm – shoppen, vorm KFC rumhängen und sich extrem erwachsen fühlen, obwohl man eigentlich nur Pommes gegessen hat.

3. In welchen Berliner Stadtteilen haben Sie schon gewohnt?

Geboren und aufgewachsen bin ich in Friedenau: grün, idyllisch, familiär. Eine so harmonische Ecke Berlins, dass sich Menschen dort tatsächlich noch „Guten Morgen“ sagen! Ich bin bis heute wahnsinnig gerne dort. Meine erste eigene Wohnung hatte ich dann in Steglitz. Der Rentneranteil war zwar beeindruckend hoch, aber dafür musste ich nachts immerhin keine Angst haben. Außerdem hat Steglitz etwas sehr Bodenständiges – niemand tut dort so, als würde er gerade ein Start-up für fermentierte Hafermilch gründen.

In Prenzlauer Berg habe ich auch schon gewohnt. Dort ist wirklich jedes Klischee ein kleines bisschen wahr: Bioläden, Spielplätze, Matcha, Pop-up-Stores und Menschen, die sehr viel über Sauerteig wissen. Aber ich muss zugeben: Es ist auch schön. Viel Grün, tolle Altbauten und das Gefühl, dass man plötzlich freiwillig über Kinderwagenreifen spricht.

Meine wildeste Zeit hatte ich in Kreuzberg. Ich habe direkt am Kottbusser Tor gewohnt. Am 1. Mai sind immer alle Freunde zu mir gekommen und wir haben bei mir vom Balkon aus gefeiert. Es war wild, laut, chaotisch – gleichzeitig war das aber auch die Zeit, in der mein Auto aufgebrochen und mir nachts hinterhergepfiffen wurde. Also diese typische Berliner Mischung aus Freiheit und latentem Stress.

Zur Person
Eyecandy Berlin

Zur Person

Ariana Baborie machte zunächst eine Ausbildung zur Werbetexterin und arbeitete dann als Radiomoderatorin. Es folgten Comedy- und TV-Auftritte. Ihr Podcast „Herrengedeck“ zusammen mit Laura Larsson wurde 2020 mit dem Deutschen Comedypreis bedacht. Zuletzt konnte man Ariana Baborie mit Judith Rakers im ARD-Podcast „Baborie & Rakers – Was war los gewesen?“ hören, der sich gerade in eine Pause auf unbestimmte Zeit verabschiedet hat. Dafür sind alle Folgen der Bravo-Doku-Serie mit ihr in der ARD-Mediathek abrufbar.

4. 2024 sind Sie zum ersten Mal Mutter geworden. Welche hiesigen Elternklischees konnten Sie seither widerlegen oder bestätigen – und welchen sind Sie selbst anheimgefallen?

Ich musste feststellen, dass erstaunlich viele Elternklischees tatsächlich stimmen – und andere kompletter Quatsch sind. Widerlegen kann ich zum Beispiel, dass man als Mutter automatisch zur Helikopter-Glucke wird und sein Kind nie aus der Hand gibt. Oder, dass alle Eltern ihre Kinder ausschließlich mit Bio-Hafer-Blissballs aus nachhaltiger Cashewmus-Produktion ernähren. Mein Kind bekommt auch mal ein Franzbrötchen für einen Euro, und überlebt erstaunlicherweise trotzdem. Bestätigen kann ich dafür definitiv die Existenz der „Wart’s mal ab“-Mütter. Egal, worüber man spricht – Schlaf, Zähne, Kita, Autonomiephase –, irgendwo steht immer jemand bereit, der einem düster die nächste Stufe mit einem „Wart’s mal ab“ ankündigt.

Einigen Klischees bin ich leider selbst zum Opfer gefallen: Ich habe inzwischen ein Lastenrad und gehöre zu den Personen, die mitten im schönsten Brunch mit Freunden sagen: „Wir müssen leider los, es ist Mittagsschlafzeit, sonst zerschießt uns das komplett den Rhythmus.“ Früher hätte ich über solche Menschen gelacht. Heute BIN ich solche Menschen.

5. Ist Berlin eine familienfreundliche Stadt?

Berlin ist für mich, seit ich denken kann, die Stadt der Widersprüche. So auch in Sachen Familienfreundlichkeit. Man findet hier Spielplätze, Kinder-Cafés und Geschäfte mit Trageberatung und Musselintüchern für 400 Euro. Aber sobald man mal mit dem Kinderwagen U-Bahn fahren muss oder in einem Restaurant einen Wickeltisch braucht, merkt man: Die Stadt wurde hauptsächlich für Singles mit Jutebeutel gebaut. Man bekommt hier an jeder Ecke vegane Hundeleckerlies, aber keinen funktionierenden Fahrstuhl am Bahnhof – dit is Berlin!

6. In der Außenwahrnehmung schwankt Berlin irgendwo zwischen verwahrlostem Shithole und Abenteuerspielplatz für Künstler und Kreative. Was sagen Sie dazu?

Menschen zerreißen Berlin gern, aber komischerweise ziehen trotzdem alle her. Die Stadt ist wie ein toxischer Ex – ständige Beschwerden, aber keiner kann sich wirklich lösen. Ich muss ehrlicherweise sagen: Ich weiß nicht, ob ich Berlin gewählt hätte, wenn ich nicht hier geboren wäre. Heute halten mich vor allem meine Familie und meine Freundinnen und Freunde hier. Und diesen Berliner Winter, der hier gefühlt von Oktober bis Mai geht, finde ich extrem hart. Es ist einfach sieben Monate lang grau, dunkel und emotional herausfordernd.

Gleichzeitig entstehen aber Dinge, die in perfekt-geschniegelten Städten wahrscheinlich nie passieren würden. Wer wie ich einmal ahnungslos auf einer Fetischparty in einer alten Lagerhalle gelandet ist, wo Menschen sich mit Ledergürteln fesseln und gegenseitig auf den Bauch urinieren, weiß, was ich meine. Ja, Berlin ist dreckig, laut und absurd – aber genau daraus entsteht oft auch Kreativität. Gute Kunst passiert selten dort, wo die Hecken perfekt geschnitten sind und um 18 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt werden. Berlin ist keine Wellness-Oase, Berlin ist ein Großstadt-Fiebertraum.

7. Welcher ist Ihr Lieblingsort in Berlin?

Jeder Berliner nennt jetzt wahrscheinlich irgendeine geheime Weinbar in Moabit. Mein Lieblingsort in Berlin ist ehrlich gesagt immer der Ort, an dem gerade niemand einen E-Scooter mitten auf den Gehweg gelegt hat, der nervtötend piept, weil der Akku gewechselt werden muss.

8. Ihre persönliche No-go-Area?

Ganz klar: die U8! Das ist keine U-Bahn-Linie, das ist ein soziales Experiment. Dort hatte ich nachts schon Angst um Leib und Leben, wurde von der Polizei aus der Bahn evakuiert, weil ein Mann mit einer Eisenkette schlagend durch die Waggons gerannt ist, und habe menschliche Exkremente gesehen. Und im Hintergrund läuft dazu Céline Dion auf der Panflöte. In dieser Bahn lernt man mehr über Menschen als in drei Semestern Psychologie.

9. Ein Abend mit Freunden – in welchem Restaurant wird reserviert? 

In Berlin kann man die absurdesten Gastronomiekonzepte finden – Restaurants in alten Waschsalons, Naturwein aus Senfgläsern oder Oliven, die auf einem Dachziegel serviert werden. Aber ich liebe vor allem zwei Dinge: gutes Essen und dabei Menschen beobachten. Deshalb: Grill Royal. Man geht für das Essen hin und bleibt wegen der Möglichkeit, heimlich drei Promi-Trennungen mitzuerleben.

10. Einkaufen in der Stadt – wo kennt Ihre Kreditkarte kein Limit?

Ehrlicherweise kaufe ich inzwischen das meiste online, weil meine aktuelle Lebenssituation als berufstätige Mutter mit Kleinkind und Hund logistisch kaum etwas anderes zulässt. Was mich aber jedes Mal kriegt: Concept-Stores. Ich betrete sie mit dem festen Vorsatz: „Ich schaue nur mal“. Und komme heraus mit fünf Glückwunschkarten zur Geburt (obwohl gerade niemand in meinem Umfeld schwanger ist, aber die Farben einfach so schön waren), einem handgefertigten Keramikbecher für 48 Euro und einem kleinen Dackel aus Holz, der im Maul einen Bleistift halten kann.

11. Der beste Stadtteil Berlins?

Berlin lebt davon, dass sich jeder Bezirk anfühlt wie ein eigenes kleines Land – mit eigener Sprache, eigener Kleiderordnung und einer eigenen Definition davon, was guter Kaffee ist. Ich kann ehrlich gesagt an fast jedem Berliner Stadtteil etwas Schönes und gleichzeitig etwas völlig Schreckliches finden. Vermutlich ist das das Geheimnis dieser Stadt: Es wäre unerträglich, wenn es perfekt wäre.

12. Was nervt Sie am meisten an der Stadt?

Mich nervt, dass Berliner oft richtig stolz darauf sind, unfreundlich zu sein. Nein Leute, das ist keine Persönlichkeit, das ist einfach unsympathisch. Ich habe beruflich mal zwei Jahre in Köln gelebt und vorher immer von der berühmten rheinischen Frohnatur gehört. Lange hielt ich das für ein Gerücht. Bis ich dort an meinem ersten Tag völlig verzweifelt an einem Fahrkartenautomaten stand und versuchte, mit zu vielen Münzen ein Ticket zu ziehen – und plötzlich ein Mann neben mir auftauchte mit den Worten: „Määädsche, bruchsde Hülp? Komm, ich zeig dir dat.“ Seitdem vermisse ich diese Freundlichkeit schon sehr. 

Das Verrückte ist: Berlin nervt einen zu ungefähr 80 Prozent der Zeit – und dann passiert plötzlich wieder dieser eine magische Moment, weswegen man trotzdem bleibt.

13. Wie sieht Ihr perfektes Berlin-Wochenende aus – vom ersten Kaffee am Morgen bis zum letzten Drink in der Nacht?

Früher hätte mein perfektes Berlin-Wochenende deutlich später begonnen und deutlich spektakulärer geendet, aber alles hat ja seine Zeit. Heute wäre es: erster Kaffee in der Sonne, ohne großes Ziel mit Freunden durch einen Kiez spazieren, spontan in eine Galerieeröffnung reinstolpern, dort zwei Crémant umsonst trinken und so tun, als würde man die Kunst verstehen, abends entspannt essen gehen, lange quatschen und irgendwann mit einem leichten Schwips nach Hause fahren. Auf dem Heimweg kurz denken: „Vielleicht ist Berlin ja doch die beste Stadt der Welt“ – bis am nächsten Morgen wieder jemand in der U8 schreit und mit Bierdosen wirft.

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