Kolumne

Arztbesuche und Notaufnahmen: Das falsche Gerede von der „Flatrate-Mentalität“

Das Gesundheitssystem in Deutschland kommt an seine Grenzen. Und schuld daran sollen natürlich die Patienten sein. Was für ein Unsinn. Eine Kolumne.

4 Min
Notaufnahme in Deutschland: Bitte fernbleiben!

Notaufnahme in Deutschland: Bitte fernbleiben!

© lausitznews.de/Imago

Es passierte, als ich zur Straßenbahnhaltestelle rannte. Die Bahn fuhr ein, ich wollte sie noch erwischen. In Berlin weiß man ja nie, ob die nächsten zwei Bahnen nicht ausfallen. Nach wenigen Schritten schoss ein Schmerz in meine rechte Hüfte und von dort das Bein hinunter.

Kann passieren. Ich schreibe das nicht auf, um bemitleidet zu werden. Sondern weil es mich zu einer der Personen werden ließ, die, nach Aussage einiger Politiker, das große Problem des deutschen Gesundheitssystems sind: Menschen, die zum Arzt gehen wollen. Obwohl es noch gar nicht um Leben oder Tod geht. Zu einem Facharzt sogar!

Das ist nun wirklich zu viel. Das ist die „Flatrate-Mentalität“, die Tino Sorge, der gesundheitspolitische Sprecher von CDU und CSU, vor einer Woche erst wieder beklagt hat. Die Leute dächten, nur weil sie ihre Beiträge für die Krankenkasse zahlen, stünden ihnen „beliebige“ Arztbesuche zu, sagte er.

Die Schmerzen in meiner Hüfte ließen nach, verschwanden aber nicht. Ich tat, was man als das Gesundheitssystem schonender Bürger tun muss: Ich googelte meine Symptome, cremte, schonte, dehnte. Ich hörte auf, Sport zu treiben, der die Sache schlimmer machen könnte. Zum Arzt ging ich erst mal nicht.

Eine Freundin erzählte mir von einer ihrer Freundinnen. Die habe Schmerzen in der Hüfte nicht beachtet und schließlich eine Entzündung gehabt, seit Wochen sei sie krankgeschrieben. Sie empfahl mir einen Orthopäden. Termine gibt es dort wieder im Oktober. Einmal in der Woche ist Akutsprechstunde. Morgens um acht. Als mein Freund hingehen wollte, der seit Wochen Schmerzen in der Schulter hat, standen die Leute schon kurz vor acht um den halben Häuserblock an.

Berliner mit Flatrate-Mentalität?

Berliner mit Flatrate-Mentalität, nehme ich an. Das Problem des Gesundheitssystems ist nicht etwa, dass es zu wenig Ärzte gibt, nein, es gibt nur zu viele Menschen, die sich für Patienten halten! Mal wieder zum Orthopäden, ist ja all-inclusive, wer steht da nicht gern in einer Schlange, wie man sie sonst nur von Wohnungsbesichtigungen kennt.

Noch verwerflicher, als zum Arzt zu gehen, ist es, eine Notaufnahme aufzusuchen. Ständig liest und hört man, dass die meisten Leute, die dort nachts oder am Wochenende stundenlang warten, das schöne System verstopfen und damit kaputtmachen. Mit harmlosen Wehwehchen. Neulich schlugen CDU und CSU eine Gebühr für den Besuch in Notaufnahmen vor. Zur Abschreckung.

Wenn ich solche Vorschläge höre, muss ich an meine Erlebnisse in Notaufnahmen denken. Einmal fuhr ich nachts hin, weil ich plötzlich starken Ausschlag hatte. Ich war kurz zuvor von einer Reise aus Afrika wiedergekommen. Der Arzt interessierte sich nicht dafür, er sagte, ich sei eben plötzlich allergisch auf irgendwas und schickte mich nach Hause. Wahrscheinlich machte er einen Vermerk für die Statistik unverschämter Besuche in der Notaufnahme. Zwei Tage später hatte ich 40 Grad Fieber, mein Hausarzt stellte fest, dass ich mir einen exotischen Infekt eingefangen hatte.

Ein Jahr später begleitete ich meinen damaligen Freund in die Notaufnahme. Er hatte Bauchweh wie nie zuvor in seinem Leben. Der Arzt sagte, es gehe ein Virus um, und schickte ihn mit Schmerzmitteln weg. Ohne große Untersuchung. Wieder so ein überflüssiger Patient. Das Bauchweh wurde schlimmer. Wir überlegten, ob wir uns noch mal in die Notaufnahme trauen sollten. Als wir hinfuhren, war sein Blinddarm schon geplatzt.

Ärzte, die bei Patienten eine Flatrate-Mentalität vermuten, behandeln sie vielleicht auch so. Kurzer Blick, das war’s. Das kann ziemlich teuer werden. Mein Freund brauchte eine Not-OP und lag fast zwei Wochen im Krankenhaus.

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