Die entscheidende Frage stellt sich die Zeugin gleich selbst. "Warum ich das getan habe?", sagt Alice Ströver und schweigt einen Moment. Sie senkt den Kopf und legt ihre Lesebrille auf die dicke Aktenmappe, die sie am Freitag in den Untersuchungsausschuss zur Tempodrom-Affäre mitgebracht hat. "Ja ...", sagt Ströver. Pause. "Eine gute Frage!", ruft ein Abgeordneter.Es ist auch wirklich schwer zu erklären. Ströver, grüne Kulturpolitikerin und 2001 Staatssekretärin im rot-grünen Übergangssenat, stufte Ende August jenes Jahres einen millionenschweren Lottomittel-Antrag des noch nicht fertig gebauten Tempodroms als "dringend befürwortet" ein. Noch kurz zuvor hatte sie diese Dringlichkeit nicht gesehen. Im Gegenteil. Die "größten Bedenken" habe sie gehabt, ob das Tempodrom, jener kühne Kulturbau am Anhalter Bahnhof, denn noch einmal mit öffentlichem Geld unterstützt werden dürfe.Schließlich waren in das eigentlich private Projekt schon Millionen geflossen, vom Land verbürgte Kredite, EU-Fördermittel, Geld vom Bund. Es bestand die Gefahr einer Dauersubvention. Ihre Bedenken habe sie auch mitgeteilt, sagt Ströver, sofern sie als Staatssekretärin denn beteiligt war. Sogar handschriftlich notiert hat sie ihre Skepsis, ihre Warnung, ihre Zweifel, und zwar noch auf dem Befürwortungsschrieb. Warum sie aber letztlich doch eindeutig Ja sagte? "Es war ein politischer Beschluss, und ich habe ihn mitgetragen", sagt Alice Ströver. Und etwas präziser: "Der Druck von der Verwaltung für Stadtentwicklung war so groß." Vom damaligen Senator Peter Strieder (SPD) sei dieser Druck gekommen. Da mussten auch die größten Bedenken einer dringenden Befürwortung weichen.Die Lage im Herbst 2001 war sicher kompliziert. Berlin stand kurz vor den Neuwahlen zum Abgeordnetenhaus, der Bankenskandal harrte seiner Aufklärung, der von der PDS tolerierte Senat aus SPD und Grünen wollte einen "Mentalitätswechsel" repräsentieren. Und nun drohte in Kreuzberg eine Bauruine, weil die Finanzierung des Tempodroms zusammenbrach. Fast sieben Millionen Euro bewilligte der Senat dem Haus schließlich kurz vor der Wahl. Die Baukosten stiegen damit auf knapp 30 Millionen Euro; ursprünglich geplant war gut die Hälfte davon.Auch Adrienne Goehler rettete das Tempodrom mit. "Ich bekenne mich dazu", sagt sie, damals Strövers Chefin als Kultursenatorin der Grünen. Sie gibt sich am Freitag im Ausschuss deutlich weniger zerknirscht als ihre ehemalige Staatssekretärin. "Bocksbeinig" seien die Grünen bei der Entscheidung gewesen, "widerborstig", "animosig" und "äußerst zurückhaltend". Nur eine Ruine wollten sie natürlich nicht, auch nicht eine Inanspruchnahme der Landesbürgschaft über zehn Millionen Euro für den Baukredit.------------------------------"Ich hatte keine Neigung zu einer Bauruine." Adrienne Goehler, Ex-Kultursenatorin (Grüne)
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