Wir stehen am Goethe-Denkmal im Berliner Tiergarten. Der Meister steht oben und blickt aufs Holocaust-Mahnmal. In Weimar sieht er hinüber nach Buchenwald, denke ich. Als ich es Thomas Lucker sage, sieht der mich kurz an, dann erzählt er weiter von der Arbeit, die vor ihm liegt. Der Goethe des Berliner Bildhauers Fritz Schaper, der ihn 1880 aus dem Marmor schlug, steht seit einem halben Jahr wieder hier. In den 80er-Jahren waren die Marmordenkmäler extrem bedroht durch den sauren Regen. Also brachte man sie im Lapidarium am Halleschen Ufer in Sicherheit und ersetzte sie durch Betonfassungen. Heute ist der saure Regen keine Gefahr mehr, der Beton kommt weg und die Carrara-Schönheiten dürfen wieder den Tiergarten bevölkern.Dafür ist die 1997 gegründete Firma "Restaurierung am Oberbaum" zuständig. Thomas Lucker ist einer der Eigentümer. "Bevor man Hand an die Denkmäler legt, muss man sie gründlich untersuchen. Dazu gehört eine Ultraschallmessung zur Erforschung des Innenlebens der marmornen Leiber. Manche sehen von außen noch ganz intakt aus, aber innen zerbröseln sie." Der Marmor ist porös. Dringt Wasser ein, so richtet das keinen großen Schaden an, wenn das aber gefriert, dehnt es sich aus und es entstehen Mikrorisse, die im Laufe der Zeit dazu führen, dass der Stein an vielen winzigen Stellen gesprengt wird. Hinzu kommt: Marmor dehnt sich und schrumpft je nach Wetterlage. Er ist temperaturabhängig. Er lebt. Darum sind viele der Auffassung, solche Denkmäler gehörten nicht nach draußen sondern in voll klimatisierte Gebäude. Thomas Lucker ist da anderer Meinung. Sie waren für draußen gedacht, für Spaziergänger, für Passanten. Nicht fürs Museum. Wenn man die Helden aus Marmor gründlich untersucht und dabei feststellt, sie vertragen die Witterung, dann soll man sie draußen aufstellen, mitten unter die Menschen. Das ist ihr Ort.Thomas Lucker zeigt mir, dass Sockel und Figuren ein Patchwork sind. Goethe und die Figuren wurden aus sechzig Teilen zusammengesetzt. Unmöglich, alle Fugstellen zu erkennen, aber die eine oder andere ist doch - einmal aufmerksam geworden - leicht zu sehen. Selbst der Sockel besteht schon aus 18 verschiedenen Stücken. Die auffälligste Lücke ist freilich, dass einer der die allegorischen Figuren begleitenden Knaben fehlt. Der ist derzeit in Arbeit. Das Original ist verschollen. Nun hat man historische Aufnahmen gefunden, die eine "verlässliche Rekonstruktion" ermöglichen. Noch im Laufe dieses Sommers wird der Knabe den Platz seines Vorgängers einnehmen."Bei der Restaurierung muss man abwägen", sagt Lucker. "Es geht einerseits um die Erhaltung des Erscheinungsbildes und der Substanz. Mit einer Ruine aber ist niemandem geholfen. Nichts ist schwieriger und teurer instand zu halten als eine Ruine. Andererseits geht es darum, die Intention des Künstlers, so weit wir sie kennen, zu retten. Das Kunstwerk also weiterhin lesbar zu machen. Darum ergänzen wir dort, wo es nötig und möglich ist. Aber wir versuchen, nicht so zu tun, als habe die Geschichte nicht stattgefunden. Sehen Sie die abgesplitterten Stellen auf Goethes Schenkel? Schussspuren. Auch am Sockel gibt es jede Menge Einschüsse. Solche Spuren lassen wir. Sie erinnern uns. Und dazu sind Denkmäler ja da."Thomas Lucker geht mit mir um das sechs Meter hohe Denkmal herum. Er zeigt mir den ergänzten Arm eines der Knaben. Er ist heller als der Rest. "Das gibt sich nach ein paar Jahren", sagt Lucker. Die unschöne Fehlstelle an einer der Stufen des Sockels wird demnächst auch repariert werden. Ist der Blick erst einmal geschärft, erkennt man, wo Nasen ergänzt, wo Finger, wo Flügel wieder angebracht wurden. Kleine Stücke klebt man übrigens einfach an. Große müssen eingefugt werden. Thomas Lucker spricht über seine steinernen Denkmäler wie ein Arzt über seine Patienten. Er geht sorgfältig um mit ihnen. Sandstrahler zum Beispiel sind eine Therapie, die die Herrschaften eher umbringt als sie zu heilen. Gereinigt werden sie also mit heißem Dampf. Wenn er schwarze Krusten beseitigen muss, dann lässt Lucker seinen Patienten Kompressen anlegen. Jedes Jahr, das gehört zur Wartung der Marmorfiguren hier im Tiergarten, muss jede von von ihnen genauestens überprüft werden. Offene Stellen werden sorgsam geschlossen, kleinere Schäden sofort repariert. Sie wachsen sich sonst leicht aus und werden schnell größere, teurere, am Ende gar irreparable Schäden. Auch Helden aus Marmor müssen zur Vorsorgeuntersuchung.Der 1959 in der Nähe von Cuxhaven geborene Thomas Lucker wuchs zeitweise auf dem väterlichen Frachtschiff auf. Gelernt hat er zunächst Steinbildhauer, daran schloss sich ein Studium der Bildhauerei an. Der ist er treugeblieben. Thomas Lucker ist Unternehmer, Familienvater und Künstler. Der Künstler überträgt Fotografien auf Kalkstein - über Umrisszeichnungen, Transferfolien oder durch Belichtung des Steins. Man kann seine kleinen Reliefs in der Galerie "Tief im Blut" bei Helga Maria Bischoff besichtigen.War dieser Marmor immer so weiß wie er jetzt vor uns steht? Ist es denkbar, dass die im Marmor zart herausgearbeiteten Stoffmuster ursprünglich auch durch farbige Bemalung betont wurden? Die Tafel auf der Rückseite des Denkmals war doch sicher einmal bemalt? "Wir haben die Anlage gründlich untersucht, aber nirgends auch nur die kleinste Spur eines Farbrestes gefunden. Andererseits gab es im 19. Jahrhundert bemalte Denkmäler. Bei dem Beethoven-Haydn-Mozart-Denkmal hier im Tiergarten fanden wir Hinweise auf eine ursprüngliche Bemalung. Da wir aber nichts Genaues über sie feststellen konnten, verzichteten wir darauf, das Denkmal spekulativ zu bemalen und haben einzig die Metallteile wieder vergolden lassen. Das Komponistendenkmal ist ja schon frühes zwanzigstes Jahrhundert, eines der wenigen Beispiele symbolistischer Kunst im Berliner öffentlichen Raum. Im Prinzip wäre es schon denkbar, dass es auch bei Goethe Bemalungen gab. Zumal ...", jetzt lacht er. Ich weiß nicht, ob er darüber lacht, dass es ihm erst jetzt einfällt oder um nicht über die Brutalität seiner Vorgänger in Rage zu geraten. "... die Nazis, als sie den Tiergarten für die Olympischen Spiele fit machten, den Marmor nicht nur mit Sandstrahlern, sondern sogar mit Salzsäure reinigten. Der Marmor sollte weiß sein, wie frisch aus dem Steinbruch geschlagen." Wo alles den eigenen Vorstellungen entsprechend zusammengeschlagen und niedergemetzelt wird, da macht man natürlich nicht halt vor den Denkmälern des 19. Jahrhunderts. "Jedenfalls", meint Lucker, "bei einer solchen Prozedur würden auch kleinste Farbreste für immer verschwinden".Thomas Luckers Firma betreibt nicht nur Baurestaurierung. Sie kümmert sich auch um die Erhaltung archäologischer Stätten und sie arbeitet in Museen. In der ägyptischen Sammlung des Neuen Museums zum Beispiel gibt es Opferkammern des Alten Reichs. Thomas Lucker hat sie nach mehr als einhundertfünfzig Jahren so aufbauen lassen, dass der Museumsbesucher sie begehen kann. Er besichtigt nicht nur Reliefs, er tritt ein in einen mehr als viereinhalb Jahrtausende alten Kultraum. Thomas Lucker möchte, dass wir nicht nur sehen, was war, sondern dass wir es auch spüren können. Er meint: "Wir nehmen die Welt mit allen Sinnesorganen, mit unserem ganzen Körper wahr. Wir verstehen nur, was wir begreifen."------------------------------Foto: Der Bildhauer und Restaurator Thomas Lucker weiß um jede Fugstelle dieses Patchworks: Goethe und Figuren sind aus sechzig Teilen zusammengesetzt.
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