Die eleganten jungen Damen, die einen im Gucci-Showroom in der Via Broletto begrüßen, sehen aus, als ob sie einfach nur die Rolle gewechselt hätten: Statt auf dem Laufsteg stehen sie nun repräsentativ hinter dem Empfangstresen. Zwischen Blugirl und Gianfranco Ferré, der zwei Schauen hat - eine für die Einkäufer, eine für die Presse -, ist im eng getakteten Tagesplan der Mailänder Modewoche gerade noch genug Zeit, um hier vorbeizuschauen. Und die Kollektion, die am Tag vorher über den Catwalk geschwebt ist, ganz aus der Nähe zu betrachten, anzufassen und die Qualität der Materialien im Detail akribisch zu überprüfen.Ein ganzer Schwarm von Berichterstattern nutzt die Gunst der Stunde und hat sich zum "Reseeing" angemeldet. Kurze Wartezeit im exquisiten Empfangsbereich, ein Traum in Creme und Marmor; goldgetönte Spiegel verkleiden die Säulen. In ihnen spiegelt sich die Videoprojektion der Schau - die perfekte Einstimmung auf das anschließende Wiedersehen mit allen neuen Kreationen. Wir werden von der deutschen Presseagentin abgeholt. Im Fahrstuhl kurze Überlegung, ob wir alle reinpassen. Kein Problem, die Journalistinnen der deutschen Modehefte achten natürlich auf ihre Linie.Der Gucci-Showroom selber gleicht eher einer Boutique. Nur zu Beginn sind die ersten Outfits, die den Ton der Kollektion angegeben und die Schau eröffnet haben, noch einmal auf Puppen präsentiert. Der Rest hängt auf Bügeln: Tulpenröcke mit hohen Taillen, Haremshosen, ein Overall. Starke Farben stechen hervor, ein Hauch von Marrakesch: Türkis, Orange, Hortensienlila, Irisblau, Pink und Jadegrün. "Verführerische Eleganz", so beschreibt die Kreativdirektorin Frida Giannini ihre Vision.Verführt wird eine Kollegin allerdings als erstes von der "Snaffle Bit Bag". "Endlich mal wieder ein kleine Tasche für den ganzen Tag", jubelt sie, und die Augen leuchten, während sie die braune Tasche mit den handwerklichen, ein wenig hippiesken Details dreht und wendet und gar nicht mehr aus der Hand geben möchte. Das Prädikat "Will ich haben" steht ihr auf der Stirn geschrieben. Die Tasche kommt, huschhusch, zurück ins Regal, wir sollen uns nun den über und über mit Federn, Perlen und Bändern besetzten Abendkleidern zuwenden. Diese Gebilde, die die Schau beendet haben, sind von einer geradezu niederschmetternden Aufwendigkeit, ungewöhnlich für eine Prêt-à -porter-Kollektion. "Alles Handarbeit", erklärt die PR-Agentin. Und dann sagt sie: "Was davon tatsächlich ins Geschäft kommt, wird man sehen." Denn das ist immer die große Frage bei den sogenannten "Showpieces" - jenen Kleidern, die mehr oder weniger nur für den Laufsteg gemacht sind, um einen Look auf die Spitze zu treiben. Und um die Zuschauer zu unterhalten. Werden sie für Magazine fotografiert, steht unter diesen Modellen dann gerne "Preis auf Anfrage".Mailand, das sich in diesem Jahr neu erfinden wollte, hat sich als Stadt in einen öffentlichen Showroom verwandelt. Überall in der City waren Veranstaltungsplätze eingerichtet, auf Videowänden konnten Passanten die aktuellen Schauen sehen: Mode als öffentliches Ereignis. Um junge Designer zu unterstützen, hatten Dolce & Gabbana sogar die erste Etage ihres von David Chipperfield entworfenen Geschäfts in der Via Spiga freigemacht. Sie wurde sozusagen zum Showroom für Avantgardemode. Normalerweise eine unbezahlbare Lage. Domenico Dolce und Stefano Gabbana selber stellten übrigens für den nächsten Sommer eine fast ausschließlich weiße Kollektion vor: zarte Kleider, wie aus feiner Tischwäsche gemacht.Rochas, ein wirklich traditionelles französisches Haus, zeigte selbstverständlich in Paris, wo nach Mailand die nächste Modewoche ihren Lauf nahm. Für die Kollektion ist seit 2008 Marco Zanini verantwortlich, ein Italiener mit schwedischen Vorfahren. Gleich hinter dem Centre Pompidou, in einer kleinen Seitenstraße, liegt die Agentur Gibo, in der die Rochas-Kollektion einige Tage nach der Schau angesehen werden kann. Große Milchglastüren und die schicken, vor der Tür rauchenden Menschen lassen ahnen, dass hier die Adresse sein muss. Nach dem Klingeln schieben sich die Türen zur Seite, und die Assistentin Melissa nimmt den Besucher an die Hand.Ein großer, sachlich-nüchterner Raum verbreitet Arbeitsatmosphäre. Mehrere Kollektionen hängen auf den Kleiderständern. Einkäufer befühlen die Materialien, halten sich auch gern einmal ein Kleid an, um die Proportion zu überprüfen. Auf einem Tisch liegt das "Mood Book", das Stimmungsbuch, in dem der Designer zusammengetragen hat, was ihn zu seiner Kollektion inspirierte. Auf den ersten Seiten finden sich Fotos von nebelverhangenen schwedischen Seenlandschaften. Müdes Grün, sanftes Blau und Grau - genau die Farben, die sich in den Kleidern, Blusen, Hosen und auch den Accessoires wiederfinden.Zaninis Reise zu seinen schwedischen Wurzeln liegt der Kollektion für den Sommer 2011 zugrunde. Er beauftragte die in Schweden für ihre traditionellen Stoffdrucke bekannte Künstlerin Slotts Barbro mit den Dessins, Fotografien zeigen eine ältere Dame in ihrem verkramten Atelier. Nie zuvor war sie in Paris. Leicht vorzustellen, was die Präsentation für sie bedeutet haben muss. Weil aber Rochas nun mal französisch ist, hat Marco Zanini Zitate von Françoise Sagan zu den schwedischen Idyllen kombinieren lassen. Künstlerfreiheit! Und damit niemand auf die Idee käme, dass es sich auf den Fotos um alte Stoffe handeln könnte, steht auf jedem Teil "Rochas 2011".Fast alle Kleidungsstücke sind aus Seide, fließende Abendkleider, Hemdblusenkleider und gewebte Mäntel, die auf den ersten Blick wie aus Wolle gemacht aussehen. Ein wenig nostalgisch wirkt das; manches hat den Anschein des Getragenen. Ein brauner Seidenstoff wurde in China wochenlang in Schlamm vergraben, um die speziell verwaschene "alte" Farbigkeit zu erhalten.Hier wie auch im Showroom von Viktor & Rolf gibt es zwischen den Laufsteg-Stücken immer ein paar kommerziellere Kleider für die weniger extravagante Kundin. Die Schau dient gerade Modekünstlern dazu, eine Idee in ihrem Extrem zu zeigen. In dieser Saison konzentrieren sich die beiden Belgier auf ein Thema: das Herrenhemd. Was typisch männlich ist, soll in ultimative Weiblichkeit umgewandelt werden. So etwa, wenn sich der typische Streifen des Bankers auf einem transparenten Kaftankleid wiederfindet.Was Viktor & Rolf aus dem Herrenhemd machen, hat durchaus theatralischen Charakter. Manschetten und Krägen sind an unerwarteten Stellen angebracht, etwa als Abschluss eines Hosenbeins. Manchmal sind es gleich mehrere Manschetten, die über einen Arm verteilt sind, etwa bei einem voluminösen Minikleid. Die feinen Details, von den Manschettenknöpfen bis zu den Kragenstäben aus Perlmutt, die als Schmuckelemente eingesetzt werden, lassen sich tatsächlich nur erkennen, wenn man die Kleider aus nächster Nähe betrachtet. Und manches lässt sich nur verstehen, wenn man es erklärt bekommt. Der Showroom-Besuch vermittelt die handwerkliche Qualität, die Schauen eine Stimmung. Nach dem Glamourspektakel auf dem Laufsteg und dem Blitzlichtgewitter beginnt der Kampf um den Erfolg. Allein in Mailand gab es fast achtzig Schauen, in Paris an die hundert. In den Showrooms entscheiden Einkäufer und Presse über Erfolg oder Misserfolg einer Kollektion. Und mitunter darüber, ob es in der nächsten Saison wieder eine Schau geben kann.------------------------------Foto: Ode an die Pagode - oder doch eher Delft? Ärmelfantasie des niederländischen Designerduos Viktor & Rolf.Foto: Stockholm liegt in Paris: Für Rochas kombinierte Marco Zanini schwedische Druckmuster mit französischer Lyrik.Foto: Ein schöner Rücken kann immer entzücken: Entwurf für die blaue Stunde von John Galliano, auf Alabasterhaut getragen bei der Pariser Fashion Week.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de