Am Ende des Saales hängen an schwarzen Stellwänden Plakate mit der Aufschrift "Berlin braucht Qualität von Henkel". Die Junge Union hat sie drucken lassen. Das Wort Qualität ist fett gedruckt, so dass man nicht genau weiß, wo die Betonung liegt. Braucht Berlin nun endlich mal Qualität von Henkel - oder endlich Henkels Qualitäten?So beginnt die erste von fünf geplanten Regionalkonferenzen der CDU Berlin im Willy-Brandt-Saal des Rathauses Schöneberg mit einem Missverständnis. Frank Henkel, der vom Landesvorstand vorgeschlagene Kandidat für den Landesvorsitz, steht am Mittwochabend an der breiten Fensterseite des ehemaligen Plenarsaals neben Monika Grütters, die seine wichtigste Stellvertreterin werden soll. Vor beiden sitzen im Halbrund etwa 250 Mitglieder aus den Kreisen Tempelhof-Schöneberg, Neukölln und Treptow-Köpenick. Auch Dieter Walther ist darunter, ein bislang unbekannter Christdemokrat aus Zehlendorf, der sich erst am Montag zu seiner Kandidatur für den Landesvorsitz angemeldet hat - unabgesprochen und überraschend. Er muss aber noch ein bisschen warten, erst reden die beiden offiziellen Bewerber.Zunächst ist Grütters dran. Sie ist ein bisschen unsicher, blickt oft auf ihre Notizen. Sie freue sich über diesen "beispiellosen Marathon an Mitgliederversammlungen", der bis Mitte November geplant ist. Sie sei seit 27 Jahren in der Partei, sagt sie, und habe selten so gelitten wie seit September, als der CDU erst ihr Fraktionsvorsitzender Friedbert Pflüger abhanden kam, dann ihr Parteivorsitzender Ingo Schmitt. "Wir wollen Rot-Rot ablösen, weil diese Stadt wieder ein sympathisches Gesicht in der Republik braucht", sagt Grütters unter Applaus. Sie und Henkel, sagt sie, ergänzten sich und könnten die verschiedenen Facetten einer Volkspartei abbilden.Henkel beginnt wie gewohnt laut und energisch. "Wir stecken ohne Zweifel in einer tiefen Krise", sagt er. Er habe sich um die Kandidatur als Parteichef nicht gerissen, aber: "Es ist ein fantastischer Job, der Vorsitzende dieser fantastischen Partei mit ihren 12 500 leidenschaftlichen Mitgliedern zu sein." Er wolle einen kooperativen Führungsstil pflegen und trete, wie Grütters, für eine neue Umgangskultur ein. "Ich wünsche mir eine produktive Unruhe in der Partei, aber nach außen müssen wir geschlossen auftreten." Es müssten wieder Inhalte im Vordergrund stehen, Arbeitsplätze, Wirtschaft, Bildung, Sicherheit, Integration und: "Das soziale Herz der Union muss wieder lauter schlagen."Bevor die Diskussion mit den Mitgliedern beginnt, bekommt der neue Kandidat Dieter Walther das Mikrofon. Der 62-Jährige ehemalige Telekom-Betriebsrat bringt etwas Irritation in den Saal, denn er greift Frank Henkel direkt an. Auch Henkel sei mitverantwortlich für die schlechten Umfragewerte der Union, die derzeit bei 18 Prozent liegt. "Es kann nicht sein, dass wir hier Etikettenschwindel betreiben", ruft Walther. Friedbert Pflüger sei dafür in die Wüste geschickt worden, dass er als Fraktionschef auch den Parteivorsitz beansprucht habe - und jetzt solle Henkel, Pflügers Nachfolger in der Fraktion, den Parteiposten oben drauf bekommen. "Das ist für mich unvorstellbar." Er bekommt Applaus, allerdings gibt es dann auch Gelächter, als er vorschlägt, dass die CDU der "Weltöffentlichkeit klar machen müsse, was wir eigentlich wollen".Die Zuhörer nutzen die Gelegenheit, Frustration loszuwerden. Die CDU sei verkrustet, verstaubt und einfach nicht mehr zeitgemäß, sagt einer. Ein anderer erklärt, es sei unerträglich gewesen, was den Mitgliedern in den vergangenen Wochen angetan wurde. "Meine Krisenbewältigung wird sein, dass ich zunächst mal Ingo Schmitt nicht mehr in den Bundestag wähle", ruft er, und viele klatschen Beifall. Der nächste mahnt mehr Mitgliederbeteiligung an, einer möchte die CDU wieder als christlich-soziale Partei verstanden wissen. Mehr Mitgliederbeteiligung, auf welche Weise auch immer, versprechen am Ende alle Kandidaten.------------------------------"Das Wichtigste ist jetzt die Diskussion. So gab es das noch nie." Monika Grütters------------------------------Foto: Duo der Hoffnung: Frank Henkel, designierter Parteivorsitzender, und Monika Grütters, künftige Hauptvize, sollen die Berliner Union aus der Krise führen. Gestern Abend stellten sie sich der Diskussion.
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