Zeiten ändern sich, auch bei Julian Reichelt. Noch im August 2021 schmauste der damalige Bild-Chefredakteur in einem Berliner Nobelrestaurant – zusammen mit dem damaligen Außenminister Heiko Maas und Vitali Klitschko, dem ehemaligen Boxprofi und heutigen Bürgermeister von Kiew. Damals schrieb ich über dieses Treffen als Ort der Macht: Politik und Medien an einem Tisch und vor aller Augen, weil sich niemand an der Szene störte. Reichelt reagierte sofort: Es sei nicht Vitali Klitschko, sondern sein Bruder Vladimir gewesen. Schade, aber knapp daneben ist eben auch vorbei.
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Heute scheint die Welt eine andere. Der Ukraine-Krieg hält die Klitschkos in Atem, Außenminister Heiko Maas erlag dem Afghanistan-Debakel und Julian Reichelt seinen Sex- und Korruptionsaffären. Denn kurz nach der Restaurantszene wurde öffentlich, wovon niemand gewusst haben will: Reichelt nutzte seine Position und bekam Sex gegen Jobs. „Vögeln, fördern, feuern“ titelte damals der Spiegel. Aus dem „Reichelt-Skandal“ wurde die „Springer-Affäre“ und Reichelt zu einem Symptom einer Unternehmenskultur, in der gedeckelt wird, was nicht ins Springer-Geschäftsmodell passt. Die Medien stürzten sich wie Hyänen auf den Fall. Der Bild-Chef wurde ein Geschäftsrisiko für den Verlag und musste gehen – zu Recht, auch wenn kaum jemand nach Deckeln in anderen Medienhäusern fragte. Aber in Nachbars Garten buddelt es sich ja meist leichter.
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Julian Reichelt sah sich als Opfer
Und Reichelt? Er sah sich als Opfer eines „Vernichtungsfeldzugs“ und tendenziöser Berichterstattung – es scheint Ironie (oder Karma). Der Ex-Bild-Chef jedenfalls tat, was viele tun, die sich missverstanden fühlen und den Anschluss verlieren – er eröffnete einen YouTube-Kanal. Das kann spannend sein (wie im Fall des Rezo) oder überflüssig (wie im Fall Reichelt): In bester Boulevard-Manier macht der Geld mit Hass und Hetze. Reichelt teilt aus, gegen alle und jede:n – Migrantin:innen, Politiker:innen, Klimaaktivist:innen – und pauschalisiert, dass sich die Balken biegen. Das wäre schockierend, wäre es nicht so durchschaubar. Denn Reichelts Masche ist weder neu noch besonders originell.
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Sie erinnert mich an Glenn Beck – eine Ikone konservativen Talk-Radios in den USA. Lange Zeit war Glenn Beck wie Julian Reichelt auf Steroiden: Er verglich die norwegische Arbeiterjugendliga (und die Opfer der Anschläge in Norwegen im Jahr 2011) mit der Hitlerjugend, behauptete, der damalige US-Präsident Obama baue Konzentrationslager für politische Gegner:innen, und schwor, es gebe „mehr Beweise für die Auferstehung Jesu als für den vom Menschen verursachten Klimawandel“. Millionen Zuhörer:innen folgten ihm. Dann kam Donald Trump. Er baute seine politische Karriere auf Hass und Hetze, und Beck sah sich in der Verantwortung. In einem Interview im Jahr 2017 entschuldigte sich Beck für Jahre der Desinformation. Er habe wissentlich Lügen gestreut, um Geld zu machen. Das tue ihm nun leid.
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Schwarz-Weiß-Muster, die wehtun
Auch Reichelt will Geld machen und ist auf der Jagd nach Klicks. Er schreit, klagt an und bedient Schwarz-Weiß-Muster, die wehtun. Nebenbei erklärt er uns die Welt. Dabei hat die Geschichte doch gezeigt: Kleine, weiße Männer, die einem die Welt erklären, sind selten eine gute Idee. Sind sind oft ein Ärgernis ohne gutes Ende.
Transparenzhinweis: Eine vorherige Version dieses Textes enthielt einen missverständlichen Vergleich bezogen auf Julian Reichelt. Die Redaktion hat diesen Vergleich entfernt.
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