Aufgetischt

Mittagessen ohne schönen Schein

Tina Hüttl
3 Min
KIEZKANTINE: Oderberger Straße 50, 10435 Berlin, Tel.: 448 44 84. Mo–Fr 10–12 Uhr Frühstück, 12–16 Uhr Mittagessen.

KIEZKANTINE: Oderberger Straße 50, 10435 Berlin, Tel.: 448 44 84. Mo–Fr 10–12 Uhr Frühstück, 12–16 Uhr Mittagessen.

© Lizenz

In meiner Zeitung habe ich gelesen, dass an einem Wochenende bis zu 50 000 Menschen durch die Oderberger Straße Richtung Mauerpark ziehen. 50 000 Menschen. Ich frage mich: Welche Straße kann das unbeschadet verkraften? Wohl keine. Die Oderberger Straße ist längst ruiniert, mit zu touristischen Läden, zu teuren Latte Macchiatos und zu vielen zu schlechten Asia-, Pizza- und Falafel-Restaurants. Das ist nicht weiter verwerflich, für die lokale Gastronomie und Wirtschaft wundervoll und für Touristen sehr praktisch. Nur sind die, die die Oderberger Straße schon lange kennen, verständlicherweise etwas genervt davon.

Ein paar wenige Oasen in dieser Straße gibt es noch. Die Rote Lotte ist so eine, die Oderquelle eine andere. Und natürlich noch die Kiezkantine.

Die Kiezkantine ist eine Geschichte für sich, eine, die von guten Menschen und guten Ideen handelt. In diesem Jahr feiert sie ihr 20-jähriges Jubiläum.

Einsatz für psychisch Erkrankte

Alles begann anno 1993 mit der „Sozialkantine“, einem ABM-Projekt, in dem arbeitslose Gastronomen wieder eine Stelle und die Gäste kostenlose Sozialberatung und subventioniertes Essen bekamen.

Ich kenne die Kiezkantine seit ungefähr 15 Jahren. Damals aß ich oft dort zu Mittag, weil einem meiner Freunde das subventionierte Essen, das mit Studentenausweis noch günstiger war, so gut schmeckte.

Mein Besuch heute ist der erste seit vielen Jahren. Die Kiezkantine sieht noch genauso aus wie früher. Zwei, drei Stufen führen in den kleinen Laden, in dem man zuerst an der Registrierkasse sein Essen bezahlt, um dann den Bon am Tisch der Bedienung zur Bestellung zu geben. Jeden Tag wechseln die drei bis vier Angebote ab, immer ist ein vegetarisches Gericht dabei. Heute sind das Käse-Tortellini mit Tomaten, Basilikum und Radicchio. Diese Kombination klingt für mich allerdings etwas abschreckend. Ich nehme stattdessen lieber das Huhn in indischer Kräuterkruste mit Kartoffel-Rote-Bete-Püree, das mit 4,90 Euro phänomenal preiswert ist. (Und für Schüler, Studenten, Arbeitslose, Rentner und Schwerbehinderte wird es sogar noch einen Euro billiger.)

Der junge Mann, der mir den Bon abnimmt, ist sehr engagiert bei der Sache. Es ist seine dritte Arbeitswoche hier. Im November vor zehn Jahren wechselte die Kiezkantine ihren Träger, nun wird sie von dem gemeinnützigen Verein Pinel geführt. Pinel setzt sich für psychisch Erkrankte ein, denen Plätze in betreuten Wohngruppen angeboten werden und Jobs wie hier in der Kiezkantine. Psychisch labile Menschen sollen wieder ans Arbeitsleben herangeführt werden.

Gespräche übers Scheitern

In der Kiezkantine fühlt man diese besondere Gemeinschaft von Menschen, die froh sind, dass man sie nicht isoliert. Das überträgt sich, selbst die Gäste grüßen einander, auch wenn sie sich gar nicht kennen. Gegenseitig hält man sich die Tür auf, wenn gerade keine Hand frei ist; die Mitarbeiter fragen nach, wie es geschmeckt hat und wie es einem geht.

Es kann natürlich vorkommen – so, wie es mir passiert ist –, dass man plötzlich in ein Gespräch über bipolare Störungen, manische Depression und den letzten Krankenhausaufenthalt verwickelt wird. Aber ehrlich gesagt: In einer Welt, in der alle vornehmlich ums Funktionieren und den schönen Schein bemüht sind, tut es gut, wenn Menschen auch mal darüber reden können, wie sie gescheitert sind.

Übers Essen sage ich jetzt mal nicht so viel. Nur, dass das Rote-Bete-Püree sehr gut war und das Huhn in Kräuterkruste interessant schmeckte. Die Soße würde ich das nächste Mal einfach weglassen.

Ich empfehle den Besuch der Kiezkantine sehr. Es ist ein Ort, in dem es um wichtigere Dinge geht als nur ums Essen.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de