Haben Sie sich heute Morgen so richtig fit und ausgeschlafen gefühlt? Ja? Herzlichen Glückwunsch! Mit dem Gefühl, einen erholsamen Schlaf gehabt zu haben, gehören Sie zu einer Minderheit. Laut einer Studie der DAK schlafen 80 Prozent der Deutschen schlecht. Dr. Dieter Kuntz, Leiter der Klinik für Schlaf- und Chronomedizin im St. Hedwig-Krankenhaus erklärt. warum das so ist und was man dagegen tun kann.
Was unterscheidet gesunden und ungesunden Schlaf?
Es gibt zwei Arten von Störungen, die jemanden dazu bringen sollten, zum Schlafmediziner zu gehen. Zum einen sind das motorische Probleme während des Schlafes. Wer mit 50, 60, 70 Jahren anfängt im Schlaf zu reden, zu treten, zu schreien, zu gestikulieren, der sollte unbedingt zu einem Arzt gehen. Das könnten Vorboten anderer Krankheiten sein und man kann mit frühzeitiger Therapie Schlimmeres verhindern. Die zweite Gruppe sind Patienten mit chronisch unerholsamen Schlaf. Diejenigen, die eine Durchschlafstörungen haben und am nächsten Tag nicht mehr so funktionieren, wie sie sollten.
Laut einer DAK-Studie schlafen 80 Prozent der Arbeitnehmer schlecht…
Man muss diese Studie genauer betrachten. Die Aussagen, die aus dieser Studie publiziert worden sind, sind durch die Zahlen nicht gerechtfertigt. Man muss sich anschauen, wie die Studie aufgebaut ist. Das sehe ich sehr kritisch. Eine der Fragen war: Haben sie in den letzten vier Wochen erlebt, dass sie gestörten Schlaf hatten. Darauf haben 80 Prozent mit „Ja“ geantwortet. Ich frage mich ernsthaft, warum es nicht 100 Prozent waren. Das hat aber nichts mit einer behandlungsbedürftigen Schlafstörung zu tun. Wir sollten bei den altbekannten Zahlen bleiben. Und die sind eindrucksvoll genug: In der westlichen Welt haben zehn Prozent der Normalbevölkerung chronisch unerholsamen Schlaf. Mein Eindruck ist nicht, dass Schlafstörungen zunehmen.
Weit verbreitet sind sie aber schon.
Ich denke, dass Schlafstörungen das letzte vergessene Fach der Medizin sind. Schlafstörungen sind in der Tat weit verbreitet, insbesondere der unerholsamer Schlaf. Er wird in unserer Gesellschaft aber mich ernst genommen. Wir wissen seit zwanzig oder dreißig Jahren, dass der beste Vorhersager für Depressionen chronisch gestörter Schlaf ist. Warum kümmert sich dann keiner darum?
Wie meinen Sie das?
Ich denke nur an Burn-out. Wenn Sie eine Nacht schlecht schlafen, müssen Sie am nächsten Tag doppelt so hochdrehen, um die gleiche Leistung zu bringen. Das heißt, Sie sind gestresst, obwohl Sie gar nicht mehr Leistung bringen, einfach weil sie nicht so leistungsfähig sind. Dann kommen Sie am Abend nicht runter und schlafen in der Nacht schlecht. Und weil Sie schlecht schlafen, sind sie am nächsten Tag wieder nicht leistungsfähig und müssen noch höher drehen. Das kann man jedem Kleinkind erklären, aber in der Wissenschaft und der Arbeitsmedizin geht es unter. Ich verstehe es nicht.
Zudem ist die Hemmschwelle groß, zum Arzt zu gehen, wenn man schlecht schläft. Warum eigentlich?
Schlafstörungen kommen so häufig vor, dass jeder glaubt, zu wissen wo es herkommt. Jeder schläft jede Nacht und ist deshalb auch für sich selber Experte. Das ist gefährlich. Außerdem gibt es in Deutschland keine gesetzliche Grundlage der Vergütung für Diagnostik und Therapie von schlafbezogenen Störungen des Gehirns. Es gibt hierzulande 350 Schlaflabore. Und 348 verdienen ihr Geld mit Schnarchen und Atemaussetzern. Das wird finanziert. Für das, was im Gehirn stattfindet, ist kein Geld da. Nur zwei Kliniken sind auf rein psychosomatische Schlafstörungen spezialisiert. Eine davon ist in Berlin das St. Hedwig-Krankenhaus. Ich kann Ihnen sagen, das ist nicht einfach. Mein Schreibtisch ist voll mit Krankengeschichten, bei denen sich die Krankenkassen weigern, die Kosten im Nachhinein zu übernehmen.
Sie behandeln Patienten und bekommen es nicht finanziert?
Ja. Und ich kann dazu sagen: Die DAK, die so laut ruft, dass es so viele Schlafstörungen gibt, ist die Kassen, die am härtesten darum kämpft, nicht zu bezahlen. Das ist doch bemerkenswert erschreckend.
Wann sollten Patienten zu Ihnen kommen?
Wenn der Patient keinen Grund sieht, warum er morgens nicht ausgeschlafen ist, sollte er zum Arzt gehen.
Welchen Patienten können Sie helfen?
Jemand, der kommt und sagt: Mein Leben ist in Ordnung, ich habe mich durchchecken lassen, ich habe wirklich keine Depression, ich bin glücklich, es ist alles schön, aber ich kann nicht schlafen und bin immer müde und nachmittags breche ich auseinander. Das sind die Patienten, die wirklich zu uns kommen sollten.
Kann man guten Schlaf lernen?
Nicht so einfach, wie man Vokabeln lernt. Man muss verstehen, wie Schlaf funktioniert. Dann kann man eine Menge erreichen. Zum Beispiel durch Weglassen von Dingen, die den Schlaf stören. Man kann auch schlaffördernde Maßnahmen ergreifen. Das ist aber nur ein Teil der Wahrheit. Bei vielen Patienten finden wir im Schlaflabor Dinge, die Patienten nicht erzählen können. Warum nicht? Weil sie nachts schlafen und nicht mitbekommen, was diesen Schlaf so unerholsam macht.
Was passiert noch in der Nacht?
Man lernt Vokabeln wirklich im Schlaf. Auch der Metabolismus läuft nachts ab. Warum gehen wir nicht abends auf die Toilette, sondern morgens nach dem Aufstehen? Weil nachts wird die Nahrung dort eingebaut, wo sie gebraucht wird. Nachts findet die Regeneration des Nervensystems statt, da kommt das Immunsystem in Gang. Tagsüber kämpfen wir mit einem Löwen, da sind wir nach außen gerichtet. Nachts wird das alles wieder aufgeräumt. Das ist ein maximal aktiver Zustand. Wenn das nachts nicht stattfindet, bekommen sie Störungen in jedem Bericht der Medizin. Wenn Sie schlecht schlafen, bekommen sie schneller einen Schnupfen. Wenn sie schlecht schlafen, findet der Impferfolg nicht statt.
Schläft man anders, wenn man intensiv träumt?
Jeder träumt jede Nacht wild. Auch Sie haben heute Nacht mit dem CIA gekämpft. Das bekommen Sie nur nicht mit. Wenn das gesamte Gehirn im REM-Schlaf ist, realisieren Sie es nicht. Nur wenn ein Teil des Gehirns wach ist, kann man sich später erinnern. Träume sind da und sie sind nichts Besonderes. Aber wer Träume realisiert, hat einen qualitativ beeinträchtigen Schlaf. Spannend wird es, wenn man den Traum mitmacht, wenn man spricht oder Ähnliches. Spätestens dann sollte man sich beim Arzt vorstellen.
Wenn man sich also nicht an Träume erinnert, ist das ein Zeichen für guten Schlaf?
Es ist das beste Zeichen!
Für eine Studie zur Wirksamkeit eines neuen Medikamentes sucht die Klinik für Schlaf- und Chronomedizin des St. Hedwig-Krankenhauses Patienten mit Ein- und Durchschlafstörungen. Bei Interesse melden Sie sich: 030-2311 2901.
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