Körperpolitik

Auf dem Weg zum Wannsee: Was zwei nackte Männeroberkörper in mir auslösten

Wie schön, wenn Körper im Jahr 2025 unperfekt und nackt sind. Denn sie erinnern an die gute alte Zeit, als noch Unschuld in der Welt war.

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So nicht! Muskeln und Bodybuilding sind doch wirklich von gestern.

So nicht! Muskeln und Bodybuilding sind doch wirklich von gestern.

© Kleymenov Evgenii/imago

Als wir dann endlich einmal loskamen, weil für einen kurzen Augenblick wirklich Sommer war, fuhren wir an den Wannsee. Die Sonne schien, ja, sie schien wirklich. Wir konnten es nicht glauben und rieben uns die Augen. Die Fenster des Autos heruntergelassen, der Fahrtwind fegte lauwarm durchs Gesicht. Das Gefühl von Freiheit, das Sommer und Sonne so mit sich bringen, umspülte uns.

Wir fuhren an den See, der, wie sich später herausstellte, eine grüne Brühe war, in der man nicht gern schwamm. Aber ansonsten war das Strandbad Wannsee natürlich mal wieder der allerbeste citynahe Beach- und Wohlfühlort, eine Oase, seit 1907 „Badewanne der Berliner“ – und noch immer so irre charmant. Wo man Ostsee-Gefühle fühlen kann, wenn Geld und Benzin nicht bis an den echten Strand reichen. Aber was ich erzählen will, das spielte sich ja sowieso noch zuvor ab, nämlich während der Fahrt.

Als ich nämlich Richtung Heerstraße abfuhr, traf mein Blick einen Motorradfahrer, der einen Helm trug, aber ansonsten wenig. Seinen Oberkörper umwehte der Fahrtwind. Und sein Körper war ein normaler, kein idealer. Ich musste lachen, mir gefielen sein Bauch und die Zufriedenheit, die er ausstrahlte.

Nur wenige Augenblicke später, wieder im Rückspiegel, sah ich einen weiteren nackten Männeroberkörper, diesmal ein Autofahrer, dem wohl einfach zu warm war, der es vielleicht auch einfach mal richtig genial fand, dass die Sonne schien. Er war eher der dünne Typ, mit struppigen Haaren (auch auf der Brust). Keiner, der seinen Körper zur Schau trägt, weil er in seiner Freizeit so viel an ihm arbeitet und stolz mit den Muskeln protzen will. Beide Männeroberkörper hatten im Gegenteil eine Unschuld an sich, sie erinnerten mich an heiße Tage der frühen 80er-Jahre, als noch fast niemand ins Gym ging. Oder sogar noch weiter zurück, an Zeiten, als alle Menschen noch ohne viele Klamotten auf unserem Planeten herumspazierten.

Heute ist Nacktheit ein schwer umkämpfter Begriff. Viele progressive Frauen tragen ihre Oberkörper gerade in Berlin kaum bedeckt, als selbstbestimmte feministische Geste. Und auch bei Paraden wie dem CSD gerade wieder. Das ist wunderbar. Aber viele nehmen Nacktheit auch als aggressiv wahr, was man auch verstehen kann. Die beiden Männeroberkörper im Straßenverkehr haben mich in andere Zeiten katapultiert, als ein Körper einfach ein Körper war, der manchmal etwas Lüftung gut vertragen kann, weil ihm schlicht zu heiß ist.

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