Aus der Fassung

Herausragende Reihe: Das ZDF hat vier weitere Kurzgeschichten von Ferdinand von Schirach verfilmt

Torsten Wahl
4 Min

Immer dann, wenn Strafverteidiger Friedrich Kronberg (Moritz Bleibtreu) zum Schluss die breite Treppe des Gerichts hinunter geht, wird er ungewohnt pathetisch. Er sinniert darüber, dass uns mitunter nur noch das Recht vom Chaos trenne: „Eine dünne Schicht aus Eis. Darunter ist es kalt und man stirbt schnell.“

Der gemütlich wirkende Büromöbel-Vertreter (Marcus Mittermeier) war von einer Sekunde auf die andere Seite geschleudert worden. Nachdem ihn ein Mädchen aus der Klasse seiner Frau des sexuellen Missbrauchs beschuldigt hatte, verlor er alles: seine Frau, seinen Beruf, seine Freiheit. Jahre nach der Entlassung sieht er das Mädchen wieder, inzwischen eine junge Frau (Maria Dragus). Mit einem Messer verfolgt er sie und ihren Freund ins Kino – es ist ausgerechnet das „Intimes“ in Friedrichshain. Kronberg kümmert sich um ihn.

Die Episode „Kinder“ ist die erste von vier weiteren Verfilmungen der Kurzgeschichten von Ferdinand von Schirach. 2013 hatte das ZDF sechs Stücke aus dem Bestseller-Band „Verbrechen“ gezeigt, damals noch mit Josef Bierbichler als Anwalt, 2015 folgten sechs Folgen aus „Schuld“, schon mit Moritz Bleibtreu. Danach stellten die Produzenten Oliver Berben und Jan Ehlert fest, dass sie immer noch nicht alle Lieblingsstücke aus den Büchern Ferdinand von Schirachs in die „ZDF-Galerie“ gestellt hatten und entschieden sich für drei weitere Stories aus „Schuld“ und eine aus „Verbrechen“. Die aktuelle Staffel sollte „noch genauer, noch emotionaler“ als die Vorgänger sein und einen noch höherem Schauwert besitzen.

Dabei ist die trockene Lakonie die eigentliche Stärke der Vorlagen. Wer die Geschichten kennt, ist immer wieder verblüfft darüber, wie aus den knappen Short Stories – die Episode „Anatomie“ ist nur so lang wie dieser Text hier! – Kriminalstücke von einer dreiviertel Stunde Länge werden, die in der eintönigen deutschen Krimiserienlandschaft immer noch einzigartig dastehen. Denn der Täter ist meist bekannt – es ist die Frage nach der Schuld, die für Spannung sorgt. Fast immer sind die Dinge komplizierter, als es anfangs den Anschein hat. So rollt „Anatomie“ auf, wie ein Sadist die Entführung einer jungen Frau vorbreitet. Doch vor Gericht steht ein Mann, der den potenziellen Täter überfahren hat – Martin Brambach macht auch aus dieser kurzen Rolle ein Kabinettstück. Ist er nun schuldig oder hat er Schlimmeres verhindert? Im Buch war die Figur des Unfallfahrers nur am Rande erwähnt worden. Komplett neu erfunden wurde die Mutter des Sadisten, gespielt von Iris Berben, die nun erklären muss: „Es wäre besser gewesen, mein Sohn hätte nie gelebt.“

Zum Glück haben sich die Autoren von „Schuld“ nur selten zu solchen Überbetonungen hinreißen lassen – die vier Episoden wollen nicht alles erklären, sondern lassen dem Zuschauer ungewöhnlich viel Raum. Regisseur Hannu Salonen, der sich im Saarbrücker „Tatort“ so oft in Spielereien verrannt hat, gelingen hier sehr konzentrierte Stücke. Die Zeitsprünge werden elegant gelöst, prägende Elemente der Storys schweben immer durchs Bild und bieten Assoziationen an.

Dazu kann „Schuld“ mit großartigen Schauspielern aufwarten – selbst in Nebenrollen. Einige ragen aus dem tollen Ensemble noch heraus. Josefine Preuß beweist im bestürzenden Geschwisterdrama „Das Cello“, dass sie auch in Tragödien bestehen kann. Lars Eidinger wiederum zeigt in „Familie“ als zausliger Kleinkrimineller ungewohnte komische Talente. Marcus Mittermeier spielt in der Startfolge „Kinder“ den klassische Mann von nebenan, den harmlose Sätze wie „Er mochte Kinder schon immer gern“ in den Abgrund reißen. Moritz Bleibtreu darf nüchterner Moderator der Dramen bleiben – sein Anwalt Friedrich Kronberg geht nur im Abgangsmonolog etwas aus sich heraus.

Jede Folge kann den Zuschauer so aus der Fassung bringen, dass er erstmal gar nichts mehr sehen will. Jede Folge hat aber genauso das Potenzial, dass man sofort weitergucken will – das ZDF stellt alle vier neuen Ausgaben mit Sendestart komplett in die Mediathek.

Ausstrahlung im ZDF: jeweils freitags, 21.15 Uhr, Kinder (15.9.), Anatomie (22.9.) Das Cello (29.9.) Familie (6.10.)

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de

Lesen Sie mehr zum Thema