Zum Jahreswechsel 1965/66 ist bei der Defa die Hölle los. Die SED hat zwei ihrer Filme aufs Abstellgleis verbannt, die laut Parteiführung „pessimistisch“ und „skeptizistisch“ sein sollen. Niemand darf sie mehr sehen. Und das ist erst der Anfang. Alle Produktionen, die gerade in Arbeit sind, kommen auf den Prüfstand. Eine Sitzung jagt die andere. Regisseure, Autoren, Dramaturgen haben schlaflose Nächte. Jeder versucht zu retten, was nicht mehr zu retten ist. Am Ende verschwinden zwölf Spielfilme im Tresor.
Ein Fiasko für alle Beteiligten: politisch, künstlerisch, finanziell. Doch es gibt einen Film, der die Krise abmildert, zumindest in ökonomischer Hinsicht. Im Februar 1966 hat „Die Söhne der großen Bärin“ Premiere, der erste „Indianerfilm“ der Defa. Amerikanische Geschichte, erzählt aus der Perspektive der Ureinwohner. Ein Gegenentwurf zu den Western aus Hollywood, in denen oft nur Cowboys die Guten sind. Bei der Defa ist es Häuptling Tokei-ihto, gespielt von Gojko Mitić. Den wollen auf Anhieb rund fünf Millionen Zuschauer sehen.
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Das hätte die Defa schon früher haben können. Bereits Ende 1956 brachte der Prager Autor Hanuš Burger hier sein Exposé „Der letzte Kriegspfad“ vorbei. Ein Stoff nach dem Roman „Die letzte Grenze“ von Howard Fast, geplant als Kinder- und Jugendfilm. Burger ist in der DDR kein Unbekannter. Sein Stück „Tom Sawyers großes Abenteuer“, das er gemeinsam mit Stefan Heym verfasst hat, läuft mit großem Erfolg am Berliner Theater der Freundschaft. Nun also eine Legende über die Cheyenne, die 1878 ihre trostlose Reservation in Oklahoma verlassen, um in ihre angestammte Heimat zurückzukehren.
Burger hat den Roman geschickt verwandelt: Er erzählt aus der Perspektive eines 14-jährigen weißen Jungen, der mit einem gleichaltrigen Cheyenne befreundet ist und sich als Dolmetscher eines Reporters anheuern lässt. Hautnah erlebt er die Tapferkeit des kleinen Stammes gegen die Übermacht der Armee: 12.000 Soldaten gegen nur 80 kampffähige Männer. Am Ende dürfen sie nicht einmal mehr in ihr Reservat zurück, weil dort inzwischen Öl gefunden wurde.
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Die Dramaturgin Eleonore Schmidt-Schwarze lobt, Burgers Entwurf befriedige „nicht nur das Bedürfnis der Kinder nach einem abenteuerlichen romantischen Indianerfilm. Er spricht auch ihr Gerechtigkeitsgefühl an, indem sie den Kampf eines kleinen Volksstammes gegen die Übermacht des Unterdrückerstaates miterleben.“ Ein Film, der gerade auch politisch zur Defa passen müsste.
Das Exposé geht im Studio von Hand zu Hand, doch Enthusiasmus sieht anders aus. Immer wieder wird die Frage laut, ob sich die Defa nun auch noch mit amerikanischer Historie befassen müsse, wo es in der deutschen genug zu entdecken gebe. Mal abgesehen vom Aufwand, der mit einem „Indianerfilm“ verbunden ist.
„Die letzte Grenze“ stirbt dann einen leisen Tod. Im Juli 1958 tagt eine Filmkonferenz der SED und setzt beim Kinderkino andere Akzente: Im Vordergrund solle das Leben der Pioniere stehen. Und einen Stoff von Howard Fast kann man in Babelsberg auch nicht mehr verfilmen: Der Autor hat nach den Enthüllungen über die Stalinzeit und der Niederschlagung des ungarischen Aufstands die Kommunistische Partei verlassen. Von jetzt an gilt er als Renegat.
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