„Herdanziehung“ in der Domäne Dahlem

Eine Ausstellung über die Bedeutung des Kochens

Schnell wird klar: Die Küche ist ein politischer Raum.

Ida Luise Krenzlin
4 Min
Die Schau „Herdanziehung“ wird im Herrenhaus der Domäne Dahlem gezeigt.

Die Schau „Herdanziehung“ wird im Herrenhaus der Domäne Dahlem gezeigt.

© K. Wendlandt

Ein riesiges Mobile aus Spülbürsten, Teigschabern und Quirlen hängt von der Decke im Raum „Die Flut der Dinge“. Es geht um Küchenhelfer, nützliche und überflüssige. Dinge, die wohl in den Tiefen so ziemlich aller Küchenschränke schlummern dürften. Saftpressen, eine Nudelmaschine, die selten benutzt wird, ein antiquierter Standmixer.

Die gerade eröffnete Ausstellung „Herdanziehung“ im Herrenhaus auf der Domäne Dahlem widmet sich der Küche und ihrer Bedeutung in der Gesellschaft. Schnell wird klar: Die Küche ist ein politischer Raum. Warum gibt es so wenige Frauen unter den Sterneköchen, während im Alltag noch immer Frauen viel mehr Zeit in der Küche verbringen? Die Ausstellung lädt ein, darüber nachzudenken.

Inklusion: Wie kochen Blinde?

Küchen-Minna, Flotte Lotte, Frauenstolz, bis weit ins 20. Jahrhundert verraten allein schon die weiblichen Bezeichnungen für Küchengeräte, wer die Arbeit mit ihnen verrichten sollte. Zwar tragen Küchengeräte heute geschlechtsneutrale Namen, doch noch immer werden sie in der Werbung von Frauen präsentiert.

In der Kochmaschine musste vor der Zubereitung erst ein Feuer entfacht werden.  

In der Kochmaschine musste vor der Zubereitung erst ein Feuer entfacht werden.  

© Ida Luise Krenzlin

Die Ausstellung „Herdanziehung“ widmet sich neben Genderaspekten auch dem Thema Inklusion. Wie kochen Blinde? Eine sprechende Waage zum Beispiel ist ein wichtiges Utensil für blinde Menschen. Oder der singende Eierkocher, der durch verschiedene Melodien klar macht, ob ein Ei weich, mittel oder hart gekocht ist. Ein groß aufgezogenes Bild zeigt vier nebeneinander liegende Kochfelder eines Induktionsherdes. Eine Anordnung für Blinde, die so nicht über heiße Töpfe fassen müssen.

In einem der sieben Räume der Ausstellung dürfen Schubladen eines DDR-Küchenbüfetts geöffnet werden. Besucher sind angehalten, Dinge auch anzufassen.

Küchenarbeit war jahrhundertelang schwere körperliche Arbeit

Die Ausstellung in den hellen Räumen des Herrenhauses widmet sich auch der Geschichte der Küche und des Herds. Von der Feuerstelle über die klobige Kochmaschine bis zum Thermomix. Tanja Petersen hat die Ausstellung kuratiert. Sie ist die Museumsleiterin auf der Domäne Dahlem.

Der Käfig wurde über die Feuerstelle gesetzt zum Schutz vor den Flammen. 

Der Käfig wurde über die Feuerstelle gesetzt zum Schutz vor den Flammen. 

© Ida Luise Krenzlin

Küchenarbeit war jahrhundertelang schwere körperliche Arbeit. Früher musste man Holz und Reisig sammeln, um ein Feuer zu entfachen, heute reicht ein Knopfdruck. Große Puppenstuben zeigen, wie Küchen in den verschiedenen Jahrhunderten eingerichtet waren. Von der offenen, rußenden Feuerstelle bis zur 70er-Küche mit Dunstabzugshaube. Heute sind diese schon wieder fast aus der Mode. 

Küche ist divers

Küchen werden immer teurer, sie sind echte Statussymbole geworden. Auf der anderen Seite wird weniger gekocht, stattdessen auswärts gegessen. Oder Radkuriere bringen in großen Thermoboxen das Essen. In den Innenstadtbezirken bestimmen sie das Straßenbild. Andererseits gibt es den Trend, sehr aufwendig spezielle Ernährungsweisen zu zelebrieren. Es wird fermentiert, eingelegt und eingekocht, Obst und Gemüse auf kleinen Ackerflächen mitten in der Stadt angebaut.


Tipps

Herdanziehung: Ausstellung im Herrenhaus der Domäne Dahlem und Museum Culinarium, Königin-Luise-Straße 49, 14195 Berlin, Sonnabend und Sonntag von 10 Uhr bis 17 Uhr, Eintritt 5 Euro, ermäßigt 3 Euro, bis 18 Jahre Eintritt frei.

Die Domäne Dahlem ist ganzjährig von 7 Uhr bis 22 Uhr geöffnet, Eintritt frei. Hofladen mit Fleischprodukten der eigenen Sattelschweine ist am Sonnabend von 8 bis 14 Uhr geöffnet, Ökomarkt auf dem Gelände auch am Sonnabend von 8 bis 13 Uhr.

Konzert „Wenn ich die schöne Zeit sich nahen sehe“, Sonnabend um 18 Uhr, 18 Euro, ermäßigt 13 Euro.  


Spannend sind auch die Hörstationen. Hier erzählen Menschen aus ihren Küchenalltag. Vom Kochen und Essen in einer Studenten-WG, vom Zubereiten von Speisen in einer Familie, die aus verschiedenen Religionen oder Nationalitäten besteht. Küche ist divers. So unterschiedlich wie die Menschen sind, so unterschiedlich wird gekocht, gespeist und die Küche als sozialer Raum genutzt.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de

Lesen Sie mehr zum Thema