Kohleöfen gehörten zum alten Berlin wie das Außenklo für mehrere Mietparteien auf halber Treppe. Schwarze Rauchschwaden und beißender Geruch prägten das Bild jedes Winters. Schnee blieb nur einen Augenblick weiß. Und wer schon einmal versucht hat, ein Berliner Zimmer per Kachelofen im Winter warm zu kriegen, weiß von den Mühen des Frühaufstehen, Anheizens und des Briketts-aus-dem Keller-Schleppens.
Aber zuerst mussten sie ja in den Keller hinein. Hatte man Glück, erledigte das ein Kohleträger, wie dieser in der Tucholskystraße/ Ecke Oranienburger Straße im Jahr 1981 (im Hintergrund ist das alte Postfuhramt zu sehen.) Sie schafften bis zu 100 Kilo in Paketen oder der Kiepe. Hatte man weniger Glück, kippte das Kohleauto den Briketthaufen auf die Straße, und der Besteller musste zusehen, wie er das Zeug in den Keller bekam.
Ein Kohleträger bei der Arbeit in der Tucholskystraße Ecke Oranienburger Straße (im Hintergrund: das alte Postfuhramt). Aufnahme von 1981.
© Hans Martin Sewcz Lizenz
Voraussetzung für die Lieferung war die Kohlekarte, die man Anfang des Jahres erhielt. Ein Dokument, auf dem verzeichnet war, wie viele Personen der jeweilige Haushalt umfasste und welche Menge an Brennstoff die Familie also zum ermäßigten Preis erwerben konnte. Einer alleinstehenden Person standen zwölf Zentner zum subventionierten Preis zu.
Der Berliner Fotograf Hans Martin Sewcz hat der Berliner Zeitung Bilder aus seinem Archiv zur Verfügung gestellt. Die Straßenszenen dokumentieren den DDR-Alltag in Berlin-Mitte in den 70er und 80er Jahren.
Eine Frau mit Einkaufstasche überquert die Rosenthaler Straße, aufgenommen im Jahr 1979.
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Sewcz studierte von 1975 bis 1981 Fotografie an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst. Sein Lebensmittelpunkt blieb aber immer Berlin. Schon damals widmete sich der Fotograf vor allem der Alltagskultur, subversiv auf den Verfall der sozialistischen Gesellschaft hinweisend.
Die wenigen Kohleträger, die es heute noch gibt, beliefern zum größten Teil Haushalte, die sich einen Kamin oder ähnliches gönnen. Etwa 60 Prozent der Wohnungen im Ostteil von Berlin hatten 1989 noch Kohleheizungen, der Westen deutlich weniger. Die meisten Häuser haben nach der Sanierung auf moderne Heizanlagen umgestellt.
Seit 2015 sind Holz- und Kohleöfen aus den Jahren vor 1985 verboten; rauchende Schornsteine sind ebenso selten geworden wie echte Schornsteinfeger mit Besen, Kugel und Zylinder. Weniger als zwei Prozent der Wohnfläche werden noch mit Kohle geheizt.
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