Im Fernsehen läuft das Kinderprogramm. Die beiden Kleineren hocken auf dem Sofa, gefangen von den flimmernden Bildern. Die Eltern hantieren in der Küche. Es riecht nach Mokka. Es gibt auch Kuchen. Began Tercic stellt ihn auf den kleinen Couchtisch.
Dunkler Boden, Kirschen, Sahne, Schokolade: Donauwelle – ein deutscher Kuchen. Began Tercic lacht. „Nein, das ist ein bosnischer Kuchen“, sagt er. Das Rezept stammt aus Bosnien, so wie er und seine Familie. In kulinarischer Hinsicht scheint es Verbindungen nach Deutschland zu gegeben. Ein schöner Zufall, denn dies ist die Geschichte einer Trennung.
Fünf Menschen gehören zur Familie. Began Tercic und Narda Sukalo sind die Eltern. Die Kinder – das sind Ferid, der Vierzehnjährige, Sejda, sieben Jahre alt, und der Kleine. Wir haben zum Schutz der Familie alle Namen verändert. Sie hat sich zu einem Treffen bereiterklärt, weil sie hofft, dass sich ihre schwierige Lage dadurch irgendwie verbessert.
Mittlerweile würde die Familie fast alles versuchen, um in Deutschland endlich anzukommen. Began Tercic glaubt kaum noch daran. „Für uns gibt es keine Möglichkeit in diesem Land“, sagt er. Allerdings fällt ihm keine Alternative ein.
Und vielleicht wendet sich doch noch alles zum Guten. Fragt sich nur, ob die Familie so lange durchhält. Sie ist ein Fall für die Berliner Härtefallkommission. Wenn sie diese Kommission überzeugt, könnte der Innensenator einen Aufenthalt aus humanitären Gründen erlauben.
Verzwickter Einzelfall
Die Geschichte der Familie Tercic und Sukalo ist verzwickt und tragisch, ein Einzelfall – und dann aber doch wieder ein Fall, der zeigt, was Menschen passiert in diesem Land. Und sie zeigt auch, dass Gesetze eben nie auf alle Lebenslagen passen können. Das Ausländerrecht ist dafür auch gar nicht gemacht.
In erster Linie soll es dazu dienen, dass nicht zu viele fremde Menschen in Deutschland bleiben. So ist es immer gewesen, und solange jedes Jahr nur ein paar Tausend kamen, hat sich niemand für die Lücken im Gesetz interessiert. Das ist anders geworden.
Die Angst vor Überfremdung geht um und treibt Politiker an, die Lücken zu schließen und es Zuwanderern schwerer zu machen. Besonders, wenn sie vor der Armut in ihrer Heimat fliehen und ganz besonders, wenn sie Bosnier sind wie die Familie von Began Tercic.
11.605 Bosnier lebten laut Ausländerzentralregister Ende 2016 in Berlin, 5745 Männer und 5860 Frauen, Kinder bereits eingerechnet. Einige Jahre zuvor waren es dreimal so viele. 2014 kam ein Drittel der Menschen, die in Berlin einen Asylantrag stellten, aus Bosnien, aus Serbien oder Mazedonien.
Die Anerkennungsquote lag bei 0,01 Prozent. So sagte es der damalige Innensenator Frank Henkel (CDU). Er rechtfertigte mit dieser Zahl eine Gesetzesänderung, mit der diese Länder als sichere Herkunftsländer eingestuft wurden.
„Wir hatten nichts zu essen“
Die Zahlen sanken dann. Es kamen nun viel weniger Menschen nach Deutschland. Heute sind nur noch jene im Verfahren, deren Fälle besonders kompliziert sind. Wie der der Familie von Began Tercic.
Die Fünf sind 2014 nach Deutschland gekommen. Damals waren sie zu viert. Began Tercic ist 39 Jahre alt, seine Lebenspartnerin ebenso. In Bosnien hat er als Tagelöhner gearbeitet. Zehn Euro am Tag. Wenn es Arbeit gab. Oft gab es keine. „Wir hatten nichts zu essen“, sagt Began Tercic. Die Familie hatte keine Wohnung. Sie lebte mal bei diesen Verwandten, mal bei jenen.
Irgendwann haben sie sich überlegt, ob es vielleicht in Deutschland eine Zukunft für sie geben könnte. Wie so viele in jener Zeit. „Viele Freunde sind nach Deutschland gegangen“, sagt Began Tercic. Ein Cousin war bereits hier. Er sagte immer wieder, sie sollten doch kommen. „Ich hatte aber nicht erwartet, wie es hier sein würde“, sagt Began Tercic. „So kalt.“ Er meint nicht nur das Wetter. Er versteht nicht, wie sie ticken, diese Deutschen. Und seine Lebensumstände sind ja auch wirklich sehr kompliziert.
Began Tercic ist nicht der Vater
Die Familie kommt Anfang 2015 in einem Heim in Köpenick unter. Sie beantragt Asyl. Das Verfahren läuft. Irgendwann in dieser Zeit wird Narda Sukalo wieder schwanger. Es ist schwierig, darüber mit dem Paar zu reden, weil nur Began Tercic spricht und Narda Sukalo schweigt.
Offenbar hatte sie zeitweilig einen anderen Partner. Sie haben sich dann getrennt, später aber wieder versöhnt. Wie es passiert ist, ist auch nicht wichtig. Nur eins zählt: Began Tercic ist nicht der Vater. Der Erzeuger ist ein Deutscher. Das ist belegt. Er hat die Vaterschaft anerkannt. Er zahlt Unterhalt, 150 Euro im Monat.
Das Kind eines Deutschen ist nach bundesdeutschem Recht ein deutsches Kind. Mit allen Rechten und Pflichten, die an diese Staatsbürgerschaft geknüpft sind. Bei Familie Tercic und Sukalo hängt das Aufenthaltsrecht der ganzen Familie an diesem deutschen Kind.
Es ist ein Junge. Er ist zwei Jahre alt. Sein Name soll in dieser Geschichte Ensar sein. Wie es jedes andere Kind in seinem Alter auch tun würde, sitzt er auf dem Sofa und zeigt ab und an begeistert auf den Fernseher, wenn dort etwas explodiert oder durch die Luft fliegt. Dass die Familie nur seinetwegen eine Chance auf ein Leben in Deutschland hat, ist ihm nicht bewusst.
Began Tercic ist illegal hier
Ensar hat ein Recht darauf, in Deutschland aufzuwachsen. Und weil er ja versorgt werden muss, erhielt die Mutter einen Aufenthaltstitel. Ihre anderen beiden minderjährigen Kinder auch.
Nicht aber Began Tercic, der nicht der Vater dieses einen Kindes ist und auch nicht verheiratet mit Narda Sukalo. Rein rechtlich gesehen, ist er in Deutschland nur ein Tourist. Mit einem Touristenvisum darf er einreisen. Drei Monate darf er bleiben, dann muss er wieder gehen. Ein Kommen und Gehen, so hat es Began Tercic eine Weile gehalten. Er war in Slowenien zum Arbeiten. Dann kam er zurück, besuchte seine Kinder, reiste wieder ab.
Zurzeit hat Began Tercic allerdings gar keine Papiere. Weder einen Ausweis, noch ein Aufenthaltsrecht. Began Tercic ist illegal hier. Er glaubt, keine Wahl zu haben. Seit einem Jahr geht es ihm so. Damals ist etwas Schreckliches passiert.
Began Tercic war gerade in Slowenien zum Arbeiten, als sein älterer Sohn den Vater auf dem Handy anrief. „Er hat mich gebeten, schnell zu kommen. Seine Stimme war ganz verändert. Er wollte am Telefon nicht darüber sprechen“, sagt Began Tercic. Der Vater spürte die Verzweiflung und fuhr nach Deutschland. Und es war viel schlimmer, als er es sich ausgemalt hatte.
„Ich war nicht hier, als das passiert ist. Ich habe ihn alleingelassen“
Ein Mann aus Afghanistan, ebenfalls ein Bewohner des Heims in Köpenick, hatte den damals Dreizehnjährigen in sexueller Absicht berührt. Er hatte ihn immer wieder in sein Zimmer eingeladen. Die Mutter hatte keinen Verdacht geschöpft und den Jungen gehen lassen. Der Mann wollte ihm angeblich etwas auf dem Computer zeigen. Dann wurde er übergriffig. Der Junge war nicht das einzige Opfer dieses Mannes.
Noch zwei andere Kinder aus dem Heim wurden von ihm sexuell genötigt. Das ist dokumentiert. Der Mann wurde angezeigt und aus dem Heim geworfen. Er kam in Haft. Irgendwann wurde das Verfahren eingestellt. Heimleiter Peter Hermanns hat eine Akte darüber.
Der Junge ist seitdem in der Charité in therapeutischer Behandlung. Eine Gutachterin des Klinikums kam zu der Auffassung, dass es wichtig für den Jungen wäre, wenn sein Vater an seiner Seite wäre. „Ich war nicht hier, als das passiert ist. Ich habe ihn alleingelassen“, sagt Began Tercic. Das kann er sich selbst nicht verzeihen. Er, der Vater, sieht sich in der Rolle des Beschützers. Wie konnte er nur seine Kinder schutzlos zurücklassen? Das wird nie wieder passieren, hat er sich vorgenommen.
Keine Kontakte zur Nachbarschaft
Schon gar nicht in einem Land, in das so viele alleinreisende Männer gekommen sind. Es sind ebenfalls Geflüchtete, aber diese Männer ohne Familien seien ein Problem, findet Began Tercic. Und schon klingt der Bosnier genau wie manch ein Deutscher, der sich vor Männern fürchtet, die ohne Familie aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan nach Deutschland gekommen sind.
Heimleiter Peter Hermanns greift ein in das Gespräch. Ein so pauschales Bild von alleinreisenden Männern mag er nicht stehen lassen. Began Tercic schweigt. Er bewundert diesen Heimleiter, der sich für ihn einsetzt. Seine Meinung teilt er nicht.
Zurzeit wohnt die ganze Familie in einer kleinen Wohnung in Köpenick. Ende des vergangenen Jahres hat Peter Hermanns eine Wohnung für sie gefunden. Ihn rührt diese Familie. Er will nicht, dass sie auseinandergerissen werden.
Drei Zimmer haben sie: ein Wohnzimmer, ein Schlafzimmer für die Kinder, eins für die Eltern. Aber sie sind weiter oft im Heim. Sie haben dort Freunde. In dem Haus, in dem sie jetzt wohnen, haben sie keinen Kontakt. In der Nachbarschaft auch nicht.
Die Eltern der Klassenkameraden leben in einer anderen Welt
Landsleute? Es leben zu wenig Bosnier in Berlin, sagt die Familie. Vielleicht gibt es auch keinen Wunsch nach kulturellem Austausch. Narda Sukalo besucht jeden Tag einen Sprachkurs. Began Tercic spricht nur englisch. Die Kinder gehen zur Schule. Der ältere Sohn ist gerade auf Klassenfahrt.
„Da durfte er kein Handy mitnehmen“, sagt Began Tercic. Das hält er für problematisch. Er versteht es nicht. Die beiden kleineren Kinder auf dem Sofa spielen auf Handys und sehen gleichzeitig fern. Die deutsche Lehrerin und die Eltern der Klassenkameraden leben in einer anderen Welt, das spürt er.
Began Tercic geht oft in die Schule. Seine Tochter, sieben Jahre alt, besucht jetzt eine normale Schulklasse, keine Willkommensklasse mehr. Die Lehrer kümmern sich nicht genug, findet Began Tercic. Seine Tochter soll aber eine gute Schulbildung bekommen. Dafür will er sorgen. Die Kinder haben ein Recht, hier zu sein. Und er muss da sein, damit es läuft.
Alles hängt in der Luft
Finanziell gesehen schadet die Anwesenheit des Vaters der Familie. Sie haben ihn angemeldet beim Vermieter. Seitdem haben sie 400 Euro weniger als vorher. Denn für ihn zahlt das Jobcenter nicht, und die Behörde kommt ja für die Miete auf. Sein Mietanteil und der Mehrbedarf für Alleinerziehende, den die Familie vorher bekommen hat, fallen nun weg. 850 Euro haben die Fünf zurzeit zum Leben, plus 150 Euro vom Vater des jüngsten Sohnes.
Wie es weitergeht, ist unklar. Der Fall liegt der Ausländerbehörde zur Entscheidung vor. „Aber die entscheiden nicht“, sagt Heimleiter Hermanns. Die Härtefallkommission wird sich aber erst mit dem Fall befassen, wenn eine negative Entscheidung vorliegt. Die Familie hat sich jetzt an den Petitionsausschuss des Abgeordnetenhauses gewandt.
Alles hängt irgendwie in der Luft. Began Tercic hat ein Jobangebot in Deutschland. Aber er hat keine Arbeitserlaubnis. Er könnte nach Bosnien fahren und ein Arbeitsvisum beantragen. Das würde etwa sechs Monate dauern.
Sie kommen finanziell einfach nicht klar
Anschließend könnte Began Tercic mit dem Dokument und dem Arbeitgeber bei der Ausländerbehörde vorsprechen. Sechs Monate wären wohl zu überbrücken, aber der potenzielle Arbeitgeber wäre nicht bereit, derartige Umstände in Kauf zu nehmen.
„Vielleicht muss ich nach Bosnien zurückgehen“, sagt Began Tercic. Sie kommen finanziell einfach nicht klar. Wenn er gehen würde, hätte die Familie mehr Geld. Er käme dann wieder alle paar Monate zu Besuch. Die Familie wäre auseinandergerissen und er ein Vater auf Besuch. Und dann denkt er an seine Kinder. „Ich will das nicht“, sagt er, „eigentlich geht es auch nicht.“
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