FRIEDRICHSHAIN. Irritiert bleibt Dawn Reilly stehen. Etwas ist anders als vor acht Jahren, als sie mit Freunden schon mal die Mühlenstraße entlang gewandert war und die vielen bunten Bilder der East Side Gallery bestaunt hatte. Jetzt steht Reilly, Lehrerin an einer High School in Pennsylva- nia/USA, vor einer Lücke. Statt der bunten Mauer ist da ein mannshoher Bauzaun, hinter dem vertrocknete Sträucher sowie Bauschutthaufen zu sehen sind. "Wieso fehlt hier ein Stück, ich dachte, das ist ein Denkmal", meint Dawn Reilly kopfschüttelnd.So wie ihr geht es vielen Touristen, die zur East Side Gallery kommen. Seit einer Wochen fehlen in dem 1,3 Kilometer langen, von Künstlern bemalten Denkmal 40 Meter. 34 Segmente wurden mit hohem technischen Aufwand aus der einstigen DDR-Hinterlandmauer herausgeschnitten. Die Anschutz Entertainment Group (AEG), die auf der gegenüberliegenden Seite der Mühlenstraße ihre Sport- und Veranstaltungsarena O2 World bauen möchte, wollte einen freien Blick von der Halle zur Spree. Auf einem Bauschild der AEG am Durchbruch ist zu sehen, wie schön es dort, wo jetzt der Bauzaun scharfkantige Mauerteile begrenzt, einmal sein soll: Eine breite Freitreppe zur Spree hinunter, ein Schiffsanleger, ein grüner Park rechts und links und ein Uferwanderweg sollen dort entstehen.Doch die vorwiegend ausländischen Touristen an der East Side Gallery kümmern sich nicht um das Bauschild, zumal dieses ausschließlich in Deutsch verfasst ist. Sie suchen die Mauer, wie sie in ihren Reiseführern angepriesen wird. Und sie wundern sich über die Lücke. "Ich finde es blöd, dass man die Teile rausgebrochen hat, die Mauer ist ein Stück Geschichte, mit dem man sorgsam umgehen sollte", sagt Warren Smart. Der Student aus Newton Abbot, einem Ort etwa 320 Kilometer südwestlich von London, ist mit einem Freund auf Fußballtour durch Deutschland. Seit einem Monat fahren sie die WM-Städte ab, und pünktlich vor dem Finale sind sie wieder in Berlin. Die East Side Gallery gehört ebenso zu ihrem Programm wie der Reichstag und die Fanmeile. Die Anschutz Entertainment Group ist Warren ein Begriff - in ihrer Arena Staples Center in Los Angeles war er schon mal. "Prima, dass Berlin auch so eine Halle kriegt", sagt er. Aber das mit der Mauer, das findet er "nicht okay".Nur Neugierige, die am Bauzaun vorbei gucken, können das fehlende Stück finden. Die Mini-Mauer ist etwa 20 Meter weiter westlich, im Abstand von rund zehn Metern parallel zur "großen Mauer", aufgestellt worden. Für viele Touristen ist dies ein völlig neues Fotomotiv - sie knipsen jetzt zwei Mauern auf einmal. Manche finden das allerdings wenig spannend. So wie eine Gruppe Japaner, die sich vor der Lücke unisono umdreht - und die Tankstelle auf der anderen Straßenseite fotografiert.Im kommenden Jahr sollen alle Mauersegmente saniert werden. Wann genau der Spree-Park angelegt wird, ist ungewiss. Als nächstes wird im Frühherbst am Durchbruch eine Werbetafel der AEG aufgestellt. Die LCD-Anzeige, auf der die Veranstaltungen in der Arena O2 World angepriesen werden, soll 75 Quadratmeter groß sein.------------------------------"Es ist nicht okay, dass ein Denkmal kaputt gemacht wird." Warren Smart, Tourist aus England------------------------------Foto: Für einen Schnappschuss fürs heimische Fotoalbum ist die East Side Gallery immer noch gut. Auch mit Lücke.
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