Auslandskorrespondentin

Lebensreise nach Jerusalem

Seit 43 Jahren arbeitet die Berlinerin Anne Ponger als Israel-Korrespondentin. Doch der Reiz des nahöstlichen Nervenkitzels hat im Laufe der Jahrzehnte seinen Tribut gefordert. Jetzt sucht sie nur noch Frieden.

Jennifer Bligh
5 Min
Gut bewacht: Soldat vor dem Felsendom in Jerusalem.

Gut bewacht: Soldat vor dem Felsendom in Jerusalem.

© dpa Lizenz

Die Neuköllnerin Anne Ponger ist vor 43 Jahren nach Israel gezogen und arbeitet seitdem als Auslandskorrespondentin für Zeitungen und den Hörfunk. Wenn ihr heutzutage jedoch das Friedensgefühl im Heiligen Land abhanden kommt, fliegt sie zurück in ihre alte Heimat Berlin.

Der erste Schritt in Richtung Israel war mit Musik untermalt. „Ich habe Uri am 30. November 1963 bei einer Tanzparty in Wien kennengelernt“, erinnert sich Anne Ponger. Der Israeli Uri Ponger studierte Architektur an der Wiener Universität, die blonde Berlinerin absolvierte dort ein Auslandsjahr in Germanistik, Theaterwissenschaften und Dramaturgie, während am Ende ihrer Straße in Neukölln die Mauer gebaut wurde. Als Anne Ponger zurück nach Berlin zog, war die Stadt „auf einmal klein und hatte einen Todesstreifen mit Wachtürmen“, sagt sie.

Attraktive Israelis

Ihr Plan ist, irgendwann nach Israel zu ziehen. „Mein Uri hatte von Anfang an gesagt, dass er eine Frau braucht, die einmal mit ihm nach Israel kommt“, erzählt sie. Also fängt sie an, Hebräisch zu lernen. Heimlich. „Ich wollte Uri überraschen, der inzwischen in Karlsruhe studierte.“ In dem Sprachkurs im Jüdischen Gemeindehaus waren viele Frauen, die israelische Freunde hatten. „Mein Gott, sind die Israelis attraktiv“, waren sich alle einig. Überhaupt sei es die Entdeckung ihrer Generation gewesen, dass es Juden in Berlin gebe. Freiwilligendienste im israelischen Kibbutz wurden populär, der Sozialistische Deutsche Studentenbund organisierte Reisen ins Heilige Land, und die jüdische Gemeinde in Berlin wurde immer aktiver.

Als deutsche Nichtjüdin hätte sie in Israel aber keinen einfachen Stand gehabt. „Daher habe ich beim Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde in Karlsruhe Privatunterricht genommen und gelernt, was Frauen für einen Übertritt wissen müssen“, erzählt Ponger. Ein halbes Jahr vor der Hochzeit 1968 ist sie zum Judentum übergetreten. Mit dem Wissen, was es für jüdische Feiertage gibt, was man bei der Kindererziehung beachten muss und natürlich, wie man koscheres Essen kocht. „Beispielsweise muss das Haus vor Pessach absolut koscher gemacht werden, theoretisch darf da kein Brotkrümel im Brotkasten und kein Bier im Kühlschrank sein.“

Als Anne Ponger mit Uri 1970 mit dem Schiff in Haifa ankommt und anfängt, als Auslandskorrespondentin für die Wiener Zeitung Presse und deutsche Rundfunkanstalten zu arbeiten, hat noch jeder Dritte eine KZ-Nummer auf dem Unterarm. Der erste Botschafter, ein ehemaliges Mitglied der Wehrmacht, ist erst fünf Jahre zuvor mit antideutschen Demonstrationen begrüßt worden. Auf den Straßen stand mit Kreide „Go home“. Persönlich angegriffen fühlt sie sich davon jedoch nicht. Vielmehr bewährt es sich, dass sie Hebräisch spricht und übergetreten ist. „Weil ich so unisraelisch aussah, haben mich tatsächlich häufig Leute auf der Straße gefragt, wie viel Uhr es ist, nur um beiläufig herauszufinden, ob ich Jüdin bin“, erzählt sie.

Seit dem Sechstagekrieg im Juni 1967 ist der Bedarf an Berichten aus Israel extrem hoch. Ponger fängt bald an, auch für die Neue Zürcher Zeitung und etliche Wochenmagazine zu schreiben, in den Achtzigerjahren schließlich exklusiv für die Süddeutsche Zeitung. Sie erinnert sich gerne daran, wie viel Zeit ihr für Geschichten zur Verfügung stand. Diskussionen mit den Heimatredaktionen um Zeit und Ausgaben gibt es nicht, dafür unzählige Flüge in arabische Länder. Immer mit dabei: die Reise-Schreibmaschine, auf der Ponger ihre Berichte über den israelisch-ägyptischen Friedensprozess oder die Vorgänge zur israelisch-palästinensischen Aussöhnung in Tunis, Marokko oder Katar tippt.

Im Zeitalter vor E-Mail und Internet mussten die Korrespondenten erst zur Zensurbehörde pilgern, die die Artikel auf Militärgeheimnisse überprüfte, und dann zur Hauptpost, wo das Faxgerät stand. Bei Radiobeiträgen war das Telefon eine Alternative „wenn es schnell gehen musste“. Wie beispielsweise am 6. Oktober 1973, als der Yom-Kippur-Krieg um 14 Uhr ausbricht. Anne Ponger ist die Erste, die live sendet, für den Südwestfunk in Baden-Baden. Bis heute zitieren Freunde ihre Worte „Alle sind im Luftschutzkeller, selbst mein Mann mit unserem kleinen Sohn, nur ich halte hier oben für meine Hörer die Stellung!“ Sie sitzt am Schreibtisch, während der Luftalarm heult und im israelischen Radio die Anweisungen durchgegeben werden: Fenster verkleben und Glühbirnen blau anmalen, damit die Städte nachts nicht von Flugzeugen erkannt werden können.

Jahrelanger Nervenkitzel

Die Berlinerin ist eine Vollblutjournalistin, die jahrzehntelang immer mitten im Getümmel war. Doch der Reiz des nahöstlichen Nervenkitzels hat im Laufe der Jahrzehnte seinen Tribut gefordert, gibt sie zu und lässt den Blick weit über das Geländer ihrer Dachterrasse in Jerusalem schweifen. Man kann praktisch bis Bethlehem blicken. Wenn Israel jetzt Konflikte mit Gaza, Syrien, Libanon oder Iran drohen, packt die mittlerweile 70-Jährige ohne Gewissensbisse ihren Koffer und geht mit ihrem Mann Uri, manchmal auch Sohn Amos auf Reisen oder fliegt nach Berlin zu ihrer Familie. „Die Zeiten der Kugelhagel, mit dem Kopf im Sinai-Sand oder zwischen den Fronten in Beirut, sind für mich Geschichte. Ich habe 43 Jahre durchgehalten. Für den Rest des Lebens brauche ich so viel Frieden wie möglich und will nicht mehr über Politik, sondern nur noch über Friedliches schreiben.“ Anne Pongers zweite Liebe nach dem Journalismus ist der Film. „Und Leinwandkonflikte nehme ich während der Filmfestspiele in Jerusalem und Berlin gerne in Kauf.“

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