Auslese

Träume vom Vierten Reich

Recep Tayyip Erdogans Kölner Rede hat auch in den türkischen Medien ein großes Echo gefunden.

Frank Nordhausen
3 Min
Zehntausende Gegendemonstranten haben sich auf dem Kölner Ebertplatz versammelt, um gegen den Auftritt des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan zu protestieren.

Zehntausende Gegendemonstranten haben sich auf dem Kölner Ebertplatz versammelt, um gegen den Auftritt des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan zu protestieren.

© imago/Future Image Lizenz

In Köln habe der Regierungschef Recep Tayyip Erdogan von rund 20.000 Türken ein „warmes Willkommen“ trotz der „schwarzen Kampagne“ der deutschen Medien erfahren, schreibt die regierungsnahe Istanbuler Zeitung Aksam. Nicht nur dieses Blatt hebt die scharfe Medienschelte des türkischen Regierungschefs hervor, die besonders dem Spiegel und dessen kritischer Berichterstattung über die Grubenkatastrophe von Soma galt. Die Erdogan-treue Yeni Safak kommentiert, der Premier habe den deutschen Medien eine Lektion in Demokratie erteilt, indem er ihnen „Respekt vor der Entscheidung der Bürger“ abnötigte. Wie das eine mit dem anderen zusammenhängt, wurde nicht erläutert.

Der Kölner Auftritt fand ein großes Echo. Fast alle würdigen, dass Erdogan keine Buh-Rufe für Angela Merkel zuließ und sogar Beifall für sie einforderte. Das passt zu einer neuen Sichtweise in Ankara, die der Yeni-Safak-Chefredakteur kürzlich in einem Artikel formulierte. Darin präsentierte er Deutschland als Hauptfeind der Türkei und unterstellte, dass es in der Bundesrepublik hinter dem Rücken der Kanzlerin einen „tiefen Staat“ gebe, der den türkischen EU-Beitritt hintertreibe. Dies greift nun die Zeitung Sabah auf und attackiert nicht nur die deutschen Medien, sondern auch „deutsche Fonds und das deutsche Finanzkapital, die sich massiv gegen die Türkei wenden“ und „vom Vierten Reich träumen“. Deutschland wolle Europa „in die Dunkelheit“ treiben und missgönne der Türkei ihre ökonomischen Erfolge. Gegen dieses Komplott sei Erdogan notwendigerweise aufgetreten.

Weniger verschwörerisch interpretieren viele Zeitungen Erdogans Rede vor allem als Wahlkampfauftakt für die Präsidentenwahlen im August, obwohl der Premier seine Kandidatur bislang noch nicht erklärt hat. Die oppositionelle Presse erinnert an drei Millionen wahlberechtigte Türken in Europa, die in diesem Jahr erstmals ihre Stimme in den Gastländern abgeben können. „Erdogans Auftritt in Köln ist ein neues Beispiel dafür, dass er Innen- und Außenpolitik neu definiert und miteinander verschmilzt“, schreibt Murat Yetkin, Chefredakteur der Hürriyet Daily News. Der Premier übertrage die extreme Polarisierung der türkischen Innenpolitik nun auch auf die europäischen Länder.

Während regierungsnahe Medien die Zahl der Gegendemonstranten kleinrechnen, sie abwertend als Aleviten bezeichnen und sich über Erdogan-Hitler-Vergleiche aufregen, geben oppositionelle Blätter den Protestierenden viel Raum. Hürriyet hebt die Gelassenheit der deutschen Regierung hervor, die Erdogan trotz seiner Schelte des Bundespräsidenten keine Steine in den Weg gelegt habe. Auch die regierungskritische Today’s Zaman nutzt die Darstellung deutscher Toleranz und Meinungsfreiheit zu einer Kritik an Erdogans autoritärem Regierungsstil. Sie wirft ihm vor, beispielsweise über die Neonazis mit gespaltener Zunge zu reden: „Er sagte, die Türkei sei ein Gegenmittel gegen den Rassismus in Europa, obwohl seine Regierung regelmäßig selbst Hassreden schwingt.“

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