Ausstellung in Frankfurt (Oder)

Das Leben der Kriegsheimkehrer

Vor 70 Jahren kamen die ersten Kriegsheimkehrer in Frankfurt (Oder) an.

Mathias Raabe
4 Min

Ende 1945, der Krieg ist zu Ende und die Waffen schweigen nach fast sechs Jahren, ziehen Deutsche und Sowjets Bilanz. Millionen Männer sind an der Ostfront in Gefangenschaft geraten – auf deutscher Seite sind es fünf Millionen Rotarmisten, die Sowjets haben 3,15 Millionen Deutsche interniert.

Von den gefangenen sowjetischen Soldaten sehen nur 1,7 Millionen die Heimat wieder, die anderen Hunderttausenden ließen die Nazis vorsätzlich verhungern oder erschießen und vergasen. Aber auch aus der Sowjetunion kehren nur 1,2 Millionen Männer nach Deutschland zurück. Die anderen sterben an Krankheiten, ausgemergelt durch schwere Arbeit und extreme klimatische Bedingungen.

Anlaufpunkt für 1,2 Millionen Rückkehrer

Die, die aus den Weiten der UdSSR zurückkehren, landen zuerst in Frankfurt (Oder). „Die Stadt, die 1945 Grenzstadt wurde, ist in den folgenden Jahren erster Anlaufpunkt von 1,2 Millionen deutschen Soldaten“, sagt Martin Schieck, Direktor des Stadtmuseums Viadrina.

Schieck, jetzt 62 Jahre alt, arbeitet seit 1982 in dem Frankfurter Museum, damals noch weitgehend im Verborgenen. „In der DDR hat man das Thema nicht an die große Glocke gehängt.“ Entsprechend sind in den späteren Jahren des sozialistischen Staates auch keine Jahrestage thematisiert worden.

Die gibt es in diesem Jahr: Am 27. Juli 1946 – also vor 70 Jahren – kommt der erste Zug mit Kriegsheimkehrern in Frankfurt (Oder) an. Es sind vor allem Ältere und Kranke, die von den Sowjets entlassen wurden, weil sie nicht arbeitsfähig sind. Die jüngeren Soldaten dagegen müssen beim Wiederaufbau der zerstörten Sowjetunion helfen.

Die Heimkehrer werden in die Horn-Kaserne gebracht, einem ehemaligen Wehrmachtskomplex, und in das nahe gelegene Lager Gronenfelde. Hier werden die Männer entlaust, noch einmal statistisch erfasst und dann versorgt und mit Essensrationen und etwas Geld in ihre Heimatregionen geschickt. Da es in Gronenfelde ein Postamt gab, konnten viele sich hier erstmals nach Monaten und Jahren wieder bei ihren Familien melden.

„Das Lager war für die Soldaten der erste Schritt auf deutschem Boden, zurück in ein normales Leben“, sagt Schieck. Trotzdem ist es auch hier nicht für alle sicher. Denn die Sowjets suchen nach Kriegsverbrechern und Nazi-Funktionären. Außerdem ist die Versorgung anfänglich so schlecht, dass viele sterben.

Hundertausende in Lagern

Trotzdem kommen immer mehr frühere Wehrmachtssoldaten in Frankfurt an. Am 25. September 1946 haben bereits 120.000 das Lager passiert. Ab 27. September werden auch 21.000 Zivilpersonen zurückgeführt.

Auch die neugegründete SED interessiert sich für die Neuankömmlinge. Am 10. August 1946 spricht Parteichef Wilhelm Pieck in der Horn-Kaserne vor 6000 Teilnehmern. Am 28. August redet der spätere DDR-Ministerpräsident Otto Grotewohl vor 20.000 Heimkehrern in Gronenfelde.

Am 26. Oktober 1947 sind bereits 300.000 Kriegsgefangene zurückgeführt. Das Tempo ist hoch. Schließlich haben sich die Alliierten darauf geeinigt, bis zum Jahresende 1948 alle Gefangenen nach Hause zu schicken. Aber die Sowjetunion hält diese Frist nicht ein. Erst am 5. Mai 1950 verkündet sie das Ende der Repatriierungen. Trotzdem fehlen noch tausende Männer.

„Die Sowjetunion hat sie von Kriegsgefangenen zu Kriegsverbrechern erklärt“, sagt Schieck. Erst fünf Jahre später, 1955, kommen auf Intervention von Bundeskanzler Konrad Adenauer auch die letzten Gefangenen frei. Da sind die Lager in der Horn-Kaserne und in Gronenfelde bereits geschlossen.

Martin Schieck hat zusammen mit anderen Historikern in der Horn-Kaserne in der Nuhnenstraße 40 – heute Sitz der Polizeidirektion 2 – eine Ausstellung eingerichtet, die an die rund 1,2 Millionen kriegsgefangenen Deutschen erinnert. Das Interesse ist rückläufig – zwischen 600 und 1000 Besucher kommen noch pro Jahr. „Aber“, sagt Schick, „es sind immer noch Männer dabei, die ihren Angehörigen zeigen wollen, wo sie den ersten Schritt in eine neue Zeit gemacht haben.“

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