Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war der Zug für die Mandoline abgefahren. Das Instrument war zuvor beliebtes Spielzeug adeliger Damen, der zirpende Klang wie geschaffen für unaufdringliches Dilettieren, dann kam das Klavier. Und für eine Konzertkarriere waren – trotz Kompositionen etwa von Vivaldi oder Paganini – bald die Säle zu groß. Mit dem Klang der zigarrenkistengroßen Mandoline waren die nicht zu füllen. Das Instrument verschwand in die Volksmusik, musste für Sehnsuchts-Tremolo italienischer Sonnenuntergangsmusik herhalten, für raues Geklampfe im amerikanischen Westen.
Jetzt wird nichts weniger als die „Renaissance der Mandoline“ ausgerufen, von Avi Avital, einem aus Israel stammenden in Berlin lebenden Mandolinisten. Wenn man davon ausgeht, dass sein Erfolg auch ein Erfolg seines Instrumentes ist, hat Avital starke Argumente. Immerhin wurde er von der ehemals ehrwürdigen Deutschen Grammophon exklusiv unter Vertrag genommen, die eine schöne CD mit Werken Johann Sebastian Bachs veröffentlichte. Als Avital am Sonntag im Radialsystem mit der exzellenten Geneva Camerata und David Greilsammer auftrat, waren sogar Fans da, die johlten und trampelten. Selbst wenn zuvor nichts zu hören war. Denn dass es der Klang einer Mandoline schwer hat, sobald neben ihr mehr als zwei Violinen klingen, daran hat sich in den vergangenen 200 Jahren nicht viel geändert.
Virtuos und effektvoll
Um mit dem Besten zu beginnen: Avital spielte eine sensationelle Zugabe. Ein neueres Stück, das sich irgendwo zwischen orientalischer Melancholie und wildem Prärie-Ritt bewegt, virtuos, effektvoll. Avital exerziert das mit atemberaubender Perfektion, berührend im Stillen, mitreißend im Wilden. Da ist die Mandoline alleine und deshalb gut zu hören. Bei Johann Sebastian Bachs Cembalokonzert d-Moll und dem Flötenkonzert d-Moll seines Sohnes Carl Philipp Emanuel, jeweils auf Mandoline gespielt, war Avital hingegen den Beweis schuldig geblieben, warum man sich das unbedingt in dieser Besetzung anhören soll. Für die CD-Aufnahme kann ein schwachbrüstiger Solist am Mischpult in den Vordergrund geholt werden, im Konzert entfällt diese Möglichkeit. Und so müht sich der Mandolinist spürbar, ein Gleichgewicht zu finden zwischen feiner Gestaltung und Hörbarkeit. Wobei die Entscheidung meist Richtung Hörbarkeit getroffen wird und dabei oft hartes Gezupfe herauskommt.
Ein Foto vom Publikum als Trophäe
Ansonsten macht der Mandolinist immerhin äußerlich sichtbar, was man hören sollte: mit gefühlvollem Schütteln des schwarzen Haupthaares, schmachtenden Blicken in Richtung Konzertmeisterin, mit unbequem anzusehender Körperkrümmung bei ansteigender Tonhöhe. Überhaupt ist Avital auf der Bühne ein ganz schlimmer Finger: Nach dem Stimmen hebt er die Hand, schaut treuherzig zur Geigerin hinüber und bindet sich dann seinen linken Schuh nochmal neu. Sehr lässig. In den Schlussapplaus kommt er mit Smartphone zurück und macht ein Foto vom Publikum, das später als Trophäe auf seiner Facebook-Seite landet. Das große Ereignis „Konzert“ ist für die Mandoline wirklich noch etwas sehr Neues.
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