Banken haben versagt - und operieren weiter: Oliver Stone über seinen Film "Wall Street 2 - Geld schläft nicht" und die Realität

Zu groß, um zu scheitern

Patrick Heidmann
7 Min

Für brandheiße, hochaktuelle Themen hatte Oliver Stone immer schon etwas übrig. Nachdem er sich zuletzt mit "World Trade Center" und "W." den New Yorker Anschlägen vom 11. September 2001 und der Präsidentschaft von George W. Bush widmete, knüpft er sich nun mit "Wall Street 2 - Geld schläft nicht" das fragwürdige Gebaren der Banken und Börsen-Spekulanten vor. 23 Jahre nach dem ersten Teil wärmt der umstrittene Regisseur dabei seine Hassliebe zum Finanzhai Gordon Gekko auf - und stellt ihm nicht nur einen jungen Zögling, sondern vor allem eine Tochter zur Seite. Im Interview spricht der zweifache Oscar-Gewinner ("Platoon", "Geboren am 4. Juli") über Geld und Familie - und zitiert nebenbei aus zahlreichen seiner eigenen Filme.Mr. Stone, Ihr Vater war selbst ein Börsenmakler an der Wall Street. Was haben Sie von ihm gelernt?Die Ehrlichkeit meines Vaters und sein Glaube an den Kapitalismus haben mich geprägt. Mein Vater hat 50 Jahre lang an der Wall Street gearbeitet und sich immer gewundert, warum eigentlich niemand mal einen guten Film über die Wirtschaft dreht. Das motivierte mich damals, den ersten "Wall Street"-Film zu drehen, tatsächlich ist diese Börsenwelt ein ganz spezielles, leinwandtaugliches Milieu. Allerdings hatte sich dort schon in den Achtzigern Grundlegendes verändert: Gekko ist also eher die Antithese zu meinem Vater. Er ist ein amoralischer Mistkerl, ein Vertreter jener gierigen Broker-Generation, die Leute wie meinen Vater verdrängt hat. Im neuen Film kommt Gekko aus dem Gefängnis und spielt in kürzester Zeit wieder ganz oben mit. Eiskalt und berechnend.Trotzdem wurde Gekko mit dem ersten Film zu einer echten Ikone ...In den USA und vermutlich auch im Rest der Welt bewundert man Gewinner-Typen, Amoralität hin oder her. Ich selbst identifiziere mich eher mit den von Charlie Sheen und Shia LaBeouf gespielten Widersachern. Aber Gekkos Attraktivität für das Publikum kann ich nachvollziehen. Das sind die gleichen Mechanismen wie bei Tony Montana, dem Gangster in "Scarface", mit dem man auch mitfiebert.Immerhin haben Sie Gekko mit diesem zweiten Film die Chance gegeben, einiges wieder gutzumachen.Im Grunde ist es eher ein typischer Gekko-Deal: Er gibt zehn Prozent zurück, um am Familienleben teilzuhaben. Für ihn ein guter Tausch, doch ich bin nicht sicher, ob Gekko viel Herz hat. Sicher mehr als im ersten Film, denn ein bisschen hat ihn das Gefängnis verändert. Aber ich habe Männer wie ihn an der Wall Street kennengelernt und bin überzeugt, dass Menschlichkeit in deren Leben keinen Platz haben kann, wenn sie an vorderster Front dabei sein wollen. Es geht um Geld, ums Gewinnen, um Besessenheit. Ein Kerl mit Selbstzweifeln wie etwa Richard Nixon, um mal bei meinen Film-Helden zu bleiben, würde es dort nicht weit bringen.Haben Sie Selbstzweifel?Oh ja, ich zweifle ständig. Ich würde mich auch nicht als Gewinner bezeichnen, denn dafür habe ich viel zu viel und zu oft verloren. Aber, um meinen Film "Alexander" zu zitieren, Niederlagen können sich auch als Siege erweisen. Tatsächlich lernt und profitiert man dadurch letztlich. Natürlich braucht man auch mal einen Sieg, um sich gut und selbstbewusst zu fühlen.Wenn Sie sich eines brandheißen Themas wie der Finanzkrise annehmen, laufen Sie da nicht Gefahr, von der Realität überholt zu werden?Nein, denn mir ging es mit dem Film ja gar nicht um die Krise von 2008. Die ist nur die Kulisse. Im Vordergrund stehen sechs Menschen, die mit Geld handeln, die lieben und betrügen, alles in der Arena des New Yorker Finanzzentrums. Es ist ja nicht alles, was ich sage, schon veraltet. Wenn man in ein paar Jahren auf meine beiden "Wall Street"-Filme zurückblickt, wirken sie hoffentlich wie die beiden Buchstützen einer Ära des Börsenhandels.Haben wir genug gelernt aus der gerade überstandenen Krise?Meiner Meinung nach hätten wir die Banken einfach untergehen lassen sollen. Natürlich hätte in der Weltwirtschaft ein paar Jahre Chaos geherrscht. Aber daraus hätte sich etwas Neues entwickeln können. Einige der guten Banken - etwa aus Kanada oder auch europäische wie Barclays oder Santander - hätten womöglich überlebt, weil sie gemäßigt und vernünftig agiert haben. Insgesamt aber wären wir diese festgefahrenen Strukturen losgeworden und hätten Platz gemacht für junge, frische Banken und neues Denken. Doch leider gelten diese alt eingesessenen Banken als zu groß und wichtig, um zu scheitern. "Zu groß um zu scheitern" - was für ein entsetzliches Konzept. Amerikas Kriege in Vietnam, Irak oder Afghanistan waren zu große Projekte, um zu scheitern. Und wir wissen ja, was daraus wurde: Sie scheiterten!Haben Sie denn Ideen, wie man ein erneutes Scheitern verhindern kann?Man sollte nicht krampfhaft den Untergang eines gescheiterten Systems verhindern. Schließlich gehört es doch zu den Gesetzen der freien Marktwirtschaft, auf die die Finanzhaie sonst immer so pochen, dass der Markt die eigenen Fehlentwicklungen selbst korrigiert.Von der Finanzkrise war auch einer Ihrer Filme betroffen, nicht wahr?Richtig, mein vierter Film "Pinkville" über den Vietnamkrieg. Ich hatte schon in Thailand ein ganzes Dorf als Kulisse aufbauen lassen, als drei Wochen vor Drehbeginn ein Hedgefonds wegen der beginnenden Krise Ende 2007 seine Beteiligung zurückzog. Das ganze Projekt kam zu Fall. Es brach mir das Herz!Sie machen keinen Hehl daraus, dass Sie selbst als Investor an der Börse tätig sind. Aus Gier?Nein, aus Angst. Ich sorge mich, ob ich meiner Familie genug bieten kann. Ich habe drei Kinder, eine Frau und zwei Ex-Frauen, eine Mutter. Das sind etliche Mäuler, die gestopft werden wollen. Aber ich bin ziemlich passiv in meinem Investitionsverhalten. Wer wirklich reich werden (oder bleiben) will, muss sich wie Gekko rund um die Uhr mit dem Thema Geld beschäftigten. Er sagt es im Film ja selbst: Geld ist wie eine Geliebte, die niemals schläft. Du musst die ganze Nacht Liebe mit ihr machen und mit einem offenen Auge schlafen, sonst ist sie am nächsten Morgen weg.In Hollywood und an der Wall Street halten kaum noch einzelne Menschen die Fäden in der Hand, sondern vielmehr die anonymen Fonds und Banken. Anders in Ihrem Film.Banken als solche lassen sich schlecht auf die Leinwand bringen, denn sie sind anonym. Um das komplizierte System näher zu bringen, muss ich ihm durch Figuren wie der von Josh Brolin ein Gesicht geben. Ich bin eben ein Dramatiker und kann auf Menschen in meinen Geschichten nicht verzichten.Können Sie sich auch einen dritten Teil Ihrer Gekko-Saga vorstellen?Keine Ahnung. Erstmal hoffen wir, dass Michael Douglas seine Krankheit übersteht. Bei der Premiere in New York sah er gut aus und hielt sich wacker, aber mit Krebs ist nicht zu spaßen. Die Zukunft ist ungewiss, das Ende immer zum Greifen nah, säuselte schon Jim Morrison in meinem Film "The Doors".Sie haben sich in Ihrer Karriere immer wieder an Politikern wie Kennedy, Nixon oder George W. Bush abgearbeitet. Was ist mit Obama?Seine Geschichte hat noch keine konkrete Form angenommen. Für meinen Geschmack mangelt es ihm an Charisma, er hat nicht diesen Clinton-Touch. Er hat das Aussehen, die Sprache und den Verstand eines Filmhelden. Ob er auch das Herz hat, muss sich noch zeigen. Davon abgesehen jage ich nicht jedem US-Präsidenten hinterher.Interview: Patrick Heidmann.------------------------------Foto: Viel Glas steht für Transparenz - und doch blickt keiner im Finanzdschungel durch: Der junge Börsenmakler Jake Moore (Shia LaBeouf) versucht es immerhin.Foto: Spekuliert selbst, "nicht aus Gier, sondern aus Angst": Oliver Stone.

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