Der „Käfig voller Narren“ gehört in diese Stadt, wo die Bürgerlichen wie auch die Aussteiger zu Hause sind. Das Musical, ein Plädoyer fürs Anderssein, war 1985 am Theater des Westens mit 700 ausverkauften Vorstellungen ein Riesenerfolg; auch die Wiederaufnahme 1995. Eine Neuinszenierung ist eigentlich überfällig, doch gab es in Berlin großen Respekt vor jener Leistung. Nun, fast 20 Jahre später, macht sich die Bar jeder Vernunft daran. Ein Gespräch mit dem Regisseur Bernd Mottl über hohe Erwartungen und tiefe Anliegen, Coming Outs und das Tabuthema Altern.
„Ein Käfig voller Narren“ war im Theater des Westens nicht nur ein Erfolg, er war auch das Coming Out des damaligen Intendanten Helmut Baumann. War das in gewisser Weise auch ein Coming Out dieser Stadt? Ist Berlin besonders tolerant?
Berlin ist besonders. Wenn man in die Bundesrepublik schaut, bietet diese Stadt Möglichkeiten wie keine andere. Aber tolerant? Die Stadt wirkt auf mich immer auch besonders aggressiv. Die Gewalttaten gegen Schwule und Transsexuelle haben hier zugenommen, das ist bedenklich. Ich wäre vorsichtig, mit einem Freund händchenhaltend durch Neukölln zu spazieren. Aber Berlin bleibt dennoch die Stadt mit den meisten Nischen.
Das Stück ist politisch, denn es geht um gesellschaftliche Akzeptanz. Die Uraufführung gab es schon 1973 in Paris. Was ist in 40 Jahren passiert?
Es gibt insofern eine große Akzeptanz, dass es indes zum gesellschaftlichen Kanon gehört, dass es Schwule gibt. Aber wir sind noch lange nicht soweit, dass Schwule gleiche Rechte und Pflichten haben – wie gerade mit der Petition gegen den neuen Bildungsplan in Baden-Württemberg zu erleben ist. Natürlich müssen wir nicht über Afrika, besonders Saudi-Arabien, sprechen, wo es Folter und Todesstrafe gibt; und es gibt auch keinen Grund auf Frankreich oder Russland zu verweisen. Immerhin hat Berlin einen schwulen Bürgermeister, und das Land hatte einen schwulen Außenminister. Da hat sich schon was getan. Aber es ist etwas anderes, wenn es den eigenen Sohn betrifft oder, wenn aus dem Schwulsein Rechte abgeleitet werden sollen.
Das Stück, in dem es um neue Familienmodelle geht, bleibt also aktuell?
Ja, Jean-Michel wurde als Sohn der beiden Nachtclubbetreiber Georges und Albin, also von zwei Männern aufgezogen. Das ist eine frühe Patchworkfamilie. Aber bis heute gibt es immer noch eine schweigende Mehrheit im Land, der das sehr suspekt ist. Die nicht versteht, warum etwa das Ehegattensplitting oder das Adoptionsrecht auch für Homosexuelle gelten muss. Und die Politik lässt sich dabei auch nur vom Bundesverfassungsgericht treiben.
Wird Homosexualität noch immer nicht als Lebensentwurf akzeptiert?
Auch das. Es gibt viel mehr Facetten des Daseins und der Lebenslust, viele Schwule führen ein ganz bürgerliches Leben. Ich will vom schrillen, launigen Klischee wegkommen.
Sie sind kein Freund der Hochglanzmusicals, der „großen, glitzernden Shows mit den geölten, geblendeten Stimmen“, wie Sie sagen. Diese Stücke beanspruchen aber auch Ernsthaftigkeit. Sind Sie da intolerant?
Es gibt wie überall Unterschiede. Doch oft werden dort Charaktere auf gewöhnliche Schemen reduziert und nur vorhersehbare Instinkte abgerufen. Dabei kann Musical über den Applaus- und Stauneffekt hinaus viel anspruchsvoller sein. Ich finde es interessanter, wenn hinter den Figuren eine genaue Psychologisierung steckt. Wenn sie nicht nur synthetisch sind. Ich mag Persönlichkeiten auf der Bühne.
Und die entfalten sich besser auf kleinem Raum?
Das Stück ist ein Gegenangebot, etwa zur Riesenbühne am Potsdamer Platz. Es passt hervorragend zur Bar jeder Vernunft mit ihrer intimen Atmosphäre. Hier können wir den Travestie-Club aus St. Tropez richtig aufleben lassen, die Bar ist sozusagen schon das Bühnenbild.
Ist es deshalb ein Kammermusical?
Weshalb nicht? Bei uns kommt nichts vom Band, wir haben fünf Live-Musiker. Musical wird von der kommerziellen Musicalindustrie so vereinnahmt, dabei ist in diesem Spielraum zwischen Sprech- und Musiktheater noch so viel anderes möglich. Das soll geschöpft werden.
Mit Baumanns Aufführung, aber auch mit den beiden Verfilmungen haben Sie starke Vorlagen. Was wird Ihre Inszenierung unterscheiden?
Wir wollen Schätze heben – also nicht nur den Text sprechen, sondern darunter Geschichten entdeckbar machen, die nicht ausgesprochen werden. Dadurch bekommen die Figuren eine andere Dimension. So hat Anne, die Verlobte von Jean-Michel, eine andere Art des Coming Outs: Sie sträubt sich hier erstmals gegen die Entscheidung ihres Vaters. Durch Pausen, Blicke, Haltungen gewinnt man jetzt andere Assoziationen. Ich gehe sehr schauspielerisch an das Stück.
Der Titel „I Am What I Am“ war ein Welthit. Sollten die Schauspieler da nicht auch singen können?
Für Gloria Gaynor ist das Stück ja nie geschrieben worden. Die Haltung des Menschen, seine Brüche sind mir im Theater viel wichtiger als strahlende, glatt gebügelte Töne.
Und was müssen die Tänzer drauf haben, außer gut tanzen zu können?
Das sind vier Persönlichkeiten, jede eigenständig im Charakter, die auch schauspielern können.
Sie haben mit Peter Rühring und Hannes Fischer bewusst ältere Hauptdarsteller engagiert. Warum?
Bei Georges und Albin verschärfen sich Krisenherde: der Verlust der Attraktivität oder die Untreue. Aber sollte den beiden die Beziehung um die Ohren fliegen, müsste der Club schließen. Da geht es nach 30 gemeinsamen Jahren also um viel mehr. Deshalb habe ich die Hauptrollen so alt wie möglich besetzt.
Sie thematisieren das Altern also bewusst vordergründig?
Ja, das Thema Altern ist ein Tabu in der Schwulenszene. Senioren-WGs kommen auf uns zu, aber das wird munter negiert. Die Schwulen kämpfen wie niemand sonst gegen die äußeren Alterserscheinungen an. Es gibt eben noch keine Vorbilder. Das ist ja jetzt die erste Generation, die mit 50, 60, 70 Arm in Arm zu sehen ist. Das sind neue Bilder für die Gesellschaft. Darin liegt auch etwas ganz Berührendes, weil es der größte Liebesbeweis ist, trotz der Ressentiments von außen, so lange zueinander zu stehen. Insofern ist es eine Zukunftsgeschichte für viele.
Sollte überdies nicht erwähnt werden, dass dieses Musical auch Heterosexuelle gut unterhalten kann?
Unbedingt! Es geht ja eben um menschliche Geschichten, um Lebensabgründe und um Nächstenliebe, um Untreue, Verzweiflung und Toleranz. Es ist eine Riesen-Liebesgeschichte.
Das Gespräch führte Abini Zöllner
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