Barbara Syrbe ist Landrätin in Anklam. Und sie ist eine Überraschung, denn noch nie hat eine PDS-Politikerin ein solches Amt bekleidet: Die Erste

ANKLAM, im August. Seit Stunden bockt der Computer. Zuerst ließ er sich nicht starten. Nun lässt er sich nicht herunterfahren. Der Techniker schwitzt. Barbara Syrbe hat ihren privaten Laptop in Reserve, aber dies hier ist der Dienstcomputer. Er muss funktionieren. Die Landrätin Barbara Syrbe wartet. Knapp zwei Wochen ist die Mittvierzigerin im Amt. "Noch kann ich lächeln", sagt sie selbst, "noch gehe ich jeden Morgen ohne Grausen zur Arbeit." Noch? Noch. Seit Barbara Syrbe ihr Büro im Landratsamt von Anklam bezog, stellt sie sich bei den Mitarbeitern vor, schüttelt Hände, wechselt erste Worte mit den Kollegen. Sie weiß, bei manchen muss sie das Eis erst brechen, muss sie Ängste zerstreuen, Vertrauen schaffen. Sie war die Überraschungskandidatin. Sie hat gewonnen. Ausgerechnet hier, im Landkreis Ostvorpommern, wo die CDU im Kreistag die absolute Mehrheit hat. Hier schlug sie, die bekennende Sozialistin, den bisherigen Landrat in direkter Wahl. Herbert Kautz hatte das Amt geprägt, seit es dieses Amt hier gab. Ein Mann von der CDU.Unterstützt von SPD und FDPNun ist Barbara Syrbe die erste Landrätin der PDS in Deutschland. Landrätin für 115 000 Menschen an der Grenze zu Polen. In einer zweigeteilten Region: Auf der Insel Usedom blüht das Tourismus-Gewerbe. Im Hinterland bewegt sich wirtschaftlich so gut wie nichts. Jeder Fünfte ist arbeitslos. Größter Arbeitgeber ist die öffentliche Verwaltung. Die Region droht zu vergreisen. Die Jugend zieht weg.Wer hat Barbara Syrbe gewählt? Auch in Anklam, im Nordosten der Republik, ist es nicht üblich, Journalisten gleich zu sagen, wo man sein Kreuz gesetzt hat. Ein paar Frauen am Markt der Kreisstadt erklären sich schließlich doch, sagen, dass sie die PDS gewählt haben: Na ja, wegen der Arbeitslosigkeit, eben. Wegen der fehlenden Perspektive für die Jungen. Und weil Frau Syrbe so frisch und kraftvoll wirkt. Wesentlich frischer als der Kandidat von der CDU. Und schließlich: Sie ist eine Frau. Eine Frau, die drei Kinder allein großzog, nachdem ihr Mann verunglückt war. Wer hat Sie denn gewählt, Frau Landrätin? Barbara Syrbe zuckt die Achseln. "Alle, die was ändern wollen", sagt sie. Eine Antwort, die noch nach Wahlkampf klingt. Genauer wisse sie es nicht und für eine Wahlanalyse fehle das Geld. "Wir sind ja ein armer Landkreis." So viel steht auf jeden Fall fest: Ohne die Hilfe der SPD und der FDP hätte sie ihren Überraschungserfolg nicht einfahren können. Vor der Stichwahl empfahlen beide Parteien ihren Wählern ausdrücklich, die linke Bewerberin zu unterstützen. Ein bis dahin beispielloser Vorgang bei einer deutschen Landratswahl. Zu den 11 000 Stimmen aus dem ersten Wahlgang kamen in der zweiten Runde fast 5 000 hinzu. Damit überholte Barbara Syrbe klar ihren Konkurrenten, der bei der Stichwahl noch ein paar Tausend Stimmen verlor. Seine Kampagne gegen die PDS verfing nicht. "Ich kenne sogar Stammwähler der CDU, die diesmal bei Frau Syrbe ihr Kreuz machten", sagt ein Mitarbeiter im Landratsamt. "Jetzt weiß auch Guido Westerwelle, wo Anklam liegt", sagt Bernd Lange. Er ist der Kreisvorsitzende der Liberalen. Erschrocken hatten seine Parteifreunde in Berlin reagiert, als sie auf die Geschichte irgendwo im Osten von Mecklenburg-Vorpommern aufmerksam wurden, die so gar nicht zur Wahlvorbereitung in der Hauptstadt passte. Dann fanden sie sich anscheinend damit ab.Bernd Lange steht zu seiner ungewohnten Empfehlung: "Uns ging es um die Abwahl von Herrn Kautz." Dessen immer selbstherrlicher werdende Amtsführung sei nach zehn Jahren nicht mehr tragbar gewesen und habe die Entwicklung der Region blockiert. Es gab nur eine Alternative: Frau Syrbe. Eine akzeptable Alternative, befand die regionale FDP, nachdem sie sich über die Kandidatin kundig gemacht hatte. Trotz mancherlei liberaler Bedenken und ein paar Austritten. "Es war vor allem eine Entscheidung zum Wohle des Kreises, nicht so sehr zum Wohle der FDP", sagt Bernd Lange tapfer und: "Es war eine Personenwahl, keine Parteienwahl." Eine Personenwahl also? Dabei ließe sich mit Barbara Syrbes Biografie doch jederzeit das Klischee der "roten Socke" bedienen. Sie studierte Philosophie, was in der DDR weitgehend mit Marxismus gleichzusetzen war. Sie war Mitglied der SED und heiratete einen Kampfflieger der Nationalen Volksarmee, mit dem sie an die Küste zog. "Die DDR war mein Land", sagt sie. Und dann noch: "Heute sehe ich vieles entschieden kritischer."Versöhnliche Töne"Barbara Syrbe ist einfach eine Frau mit gesundem Menschenverstand", sagt Wolfgang Abraham, der Kreisvorsitzende der Sozialdemokraten. "Sie kann zuhören, ist offen und pragmatisch. Und sie ist um ihren neuen Job nicht zu beneiden." Wolfgang Abraham, der im Sommer 1989 über Ungarn aus der DDR flüchtete, hat mit Frau Syrbe keine Probleme: Sie werde eine Landrätin für die Region sein, nicht für die PDS, da ist er sich sicher. Zumal Abraham mit einer solchen Einschätzung vertritt, was seine Partei in der Schweriner Landesregierung vorgibt. Selbst bei den Christdemokraten im Landkreis sind sanfte versöhnliche Töne zu hören. Ihr Fraktionsvorsitzender Dieter Markhoff ist zwar "traurig, dass so etwas in einer CDU-Hochburg passieren konnte". Es habe wohl vor allem am eigenen Kandidaten gelegen. Aber, sagt er, nun müssen Kreistag und Landrätin "aufeinander zugehen". Auch mit den Sozialisten seien schließlich "Kompromisse möglich", in vielen Sachfragen seien CDU und PDS ja "einer Meinung", sagt er. Er lobt dann sogar die "Genossen von der PDS". So nennt er sie tatsächlich. Auf die sei Verlass: "Was wir mit denen verabredet haben, das halten die auch ein."Während der Techniker noch an Barbara Syrbes Computer arbeitet, sagt sie, dass sie selbst nicht an ihren Wahlsieg geglaubt habe. Sie war stellvertretende Regierungssprecherin in Schwerin, als die PDS in Ostvorpommern sie darum bat zu kandidieren. Niemand glaubte, dass sie bei der Allmacht der CDU im Kreis eine Chance haben würde. "Ich wollte einfach nur gut sein", sagt sie unbefangen. "ich wollte wenigstens einen Achtungserfolg für die PDS erzielen." Mehr nicht.Und nun hat sie das wichtigste Amt von Ostvorpommern erobert, die Exekutive. Sie ist Chefin von 450 Angestellten. Ihre Behörden entscheiden darüber, ob schnell oder langsam gebaut wird, ob Fördermittel fließen oder versickern, ob Entwicklungschancen genutzt werden oder nicht. Wie will sie ihre Macht nutzen? Barbara Syrbe holt tief Luft. Dann überschlägt sie sich fast beim Aufzählen ihrer Vorstellungen. Auch jetzt, als Landrätin, das ist offenkundig, will sie "einfach gut sein". "Einfach gut sein" heißt für eine Vertreterin der PDS immer auch zu zeigen, dass sie nicht insgeheim die Revolution vorbereitet - falls das irgendjemand noch glauben sollte. Zu zeigen, dass sie angekommen ist im neuen Deutschland, dass sie die Rahmenbedingungen anerkennt."Ich möchte vor allem", sagt die Landrätin Barbara Syrbe also, "dass die Investoren es leichter haben als bisher. Ich möchte, dass die Kreisverwaltung zu einem Dienstleistungszentrum für die Wirtschaftsförderung wird. Dass die Genehmigungsverfahren zügiger abgewickelt werden. Ich möchte, dass Investoren nicht selbst von Behörde zu Behörde laufen müssen, sondern von uns einen Betreuer erhalten. Ich möchte .""Ach", sagt Barbara Syrbe, "ich weiß doch, dass das Geld erst erwirtschaftet werden muss, das ich dann später für Kultur und Bildung ausgeben möchte." Sie fände es "schon schick", wenn sich ein Großinvestor, wie jetzt etwa BMW in Leipzig, in der Region niederließe, sagt sie. Und weiß doch, dass sie angesichts der Löcher im Kreishaushalt nur Krisenmanagement betreiben kann. An diesem Nachmittag steht ein Antrittsbesuch der Landrätin beim Bürgermeister des Ortes Krösslin auf dem Programm. Wolfgang Woy stammt aus Berlin, genauer: Aus Spandau. Den frühpensionierten Siemens-Techniker zog es in den neunziger Jahren mit seiner Frau an die Küste. Der parteilose Rentner fühlte sich nicht ausgelastet. Er hatte Ideen für die neue Zeit in Krösslin und sprach sie laut aus, also wurde er zum Ortsvorsteher gewählt.Der Besuch ist für beide Seiten eine Art Premiere. Eine Begegnung zweier Welten. Wolfgang Woy ist ein weißhaariger Charmeur der alten Schule. Artig hält der 68 Jahre alte Mann ein kleines Gastgeschenk für die Landrätin bereit. Man witzelt steif, ob dies bereits als Korruption zu interpretieren sei. "Frau Dr. Syrbe", wie er sie überkorrekt anredet, wird höflich die Mitgliedschaft in einem Beirat angetragen, "auch Ihr Vorgänger war da Mitglied", fügt Wolfgang Woy verlegen hinzu.Ein TestDann wird die Frau Landrätin getestet: ob sie denn für diese oder jene Frage zuständig sei. Sie besteht den Test, hat ihre Hausaufgaben gemacht, kennt ihre Kompetenzen. Wolfgang Woy ist zufrieden. Die Atmosphäre lockert sich langsam. Schließlich wird es konkret: Es geht um Forellenzucht, um eine mögliche Regattastrecke und um die drohende Schließung der Realschule. Schließlich kutschiert Wolfgang Woy die Landrätin in seinem Mercedes-Cabrio durch die Gegend zum neuen Yachthafen von Krösslin, dem Stolz des Bürgemeisters, und zum Fischereihafen.Zurück in Anklam im Landratsamt gibt es Ärger. Eine Firma hat versucht, sich Vorteile zu verschaffen, indem sie die zuständigen Behörden umging und die Landrätin direkt einschalten wollte. Das Unternehmen wollte eine Entscheidung auf "dem kurzem Dienstweg", sagt sie. Ein Versuchsballon? Will man die Neue reinlegen? Oder war das so üblich? Barbara Syrbe ist wütend. "Damit es klar ist - ich bin für jegliche Wirtschaftsförderung, aber ich bin auch für law and order." Am Tag darauf ist der Landkreis Ostvorpommern wieder mal in die Schlagzeilen geraten. Auf Usedom haben Neonazis Hakenkreuze geschmiert. Die Landrätin weiß, dass solche Aktionen jegliche Bemühung um einen Aufschwung zerstören können. Und schnell hat sie wieder einen ihrer "Ich möchte"-Sätze zur Hand. "Ich möchte erreichen", sagt Barbara Syrbe, "dass alle Hoteliers, alle Gewerbetreibenden eine Art Bündnis gegen Rechts eingehen." Es sei schließlich in deren eigenem Interesse, wenn sie zum Beispiel ihren Lehrlingen untersagen, rechte Symbole im Betrieb zu tragen. "Damit wäre doch schon etwas erreicht."Inzwischen läuft der Computer in ihrem Büro, in dem sie sich offenkundig noch nicht ganz heimisch fühlt. Die Blumen, die sie bei der Amtseinführung erhielt, sind bereits verwelkt. Der Terminkalender wird immer voller. Mitte August wird Gerhard Schröder den Landkreis Ostvorpommern besuchen, auf seiner Kanzlerreise durch die neuen Länder. Auch das steht Barbara Syrbes Kalender.BERLINER ZEITUNG/PAULUS PONIZAK "Ach, ich weiß doch, dass das Geld erst erwirtschaftet werden muss, das ich später für Kultur und Bildung ausgeben möchte" - Barbara Syrbe, ...

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ANKLAM, im August. Seit Stunden bockt der Computer. Zuerst ließ er sich nicht starten. Nun lässt er sich nicht herunterfahren. Der Techniker schwitzt. Barbara Syrbe hat ihren privaten Laptop in Reserve, aber dies hier ist der Dienstcomputer. Er muss funktionieren. Die Landrätin Barbara Syrbe wartet. Knapp zwei Wochen ist die Mittvierzigerin im Amt. "Noch kann ich lächeln", sagt sie selbst, "noch gehe ich jeden Morgen ohne Grausen zur Arbeit." Noch? Noch. Seit Barbara Syrbe ihr Büro im Landratsamt von Anklam bezog, stellt sie sich bei den Mitarbeitern vor, schüttelt Hände, wechselt erste Worte mit den Kollegen. Sie weiß, bei manchen muss sie das Eis erst brechen, muss sie Ängste zerstreuen, Vertrauen schaffen. Sie war die Überraschungskandidatin. Sie hat gewonnen. Ausgerechnet hier, im Landkreis Ostvorpommern, wo die CDU im Kreistag die absolute Mehrheit hat. Hier schlug sie, die bekennende Sozialistin, den bisherigen Landrat in direkter Wahl. Herbert Kautz hatte das Amt geprägt, seit es dieses Amt hier gab. Ein Mann von der CDU.Unterstützt von SPD und FDPNun ist Barbara Syrbe die erste Landrätin der PDS in Deutschland. Landrätin für 115 000 Menschen an der Grenze zu Polen. In einer zweigeteilten Region: Auf der Insel Usedom blüht das Tourismus-Gewerbe. Im Hinterland bewegt sich wirtschaftlich so gut wie nichts. Jeder Fünfte ist arbeitslos. Größter Arbeitgeber ist die öffentliche Verwaltung. Die Region droht zu vergreisen. Die Jugend zieht weg.Wer hat Barbara Syrbe gewählt? Auch in Anklam, im Nordosten der Republik, ist es nicht üblich, Journalisten gleich zu sagen, wo man sein Kreuz gesetzt hat. Ein paar Frauen am Markt der Kreisstadt erklären sich schließlich doch, sagen, dass sie die PDS gewählt haben: Na ja, wegen der Arbeitslosigkeit, eben. Wegen der fehlenden Perspektive für die Jungen. Und weil Frau Syrbe so frisch und kraftvoll wirkt. Wesentlich frischer als der Kandidat von der CDU. Und schließlich: Sie ist eine Frau. Eine Frau, die drei Kinder allein großzog, nachdem ihr Mann verunglückt war. Wer hat Sie denn gewählt, Frau Landrätin? Barbara Syrbe zuckt die Achseln. "Alle, die was ändern wollen", sagt sie. Eine Antwort, die noch nach Wahlkampf klingt. Genauer wisse sie es nicht und für eine Wahlanalyse fehle das Geld. "Wir sind ja ein armer Landkreis." So viel steht auf jeden Fall fest: Ohne die Hilfe der SPD und der FDP hätte sie ihren Überraschungserfolg nicht einfahren können. Vor der Stichwahl empfahlen beide Parteien ihren Wählern ausdrücklich, die linke Bewerberin zu unterstützen. Ein bis dahin beispielloser Vorgang bei einer deutschen Landratswahl. Zu den 11 000 Stimmen aus dem ersten Wahlgang kamen in der zweiten Runde fast 5 000 hinzu. Damit überholte Barbara Syrbe klar ihren Konkurrenten, der bei der Stichwahl noch ein paar Tausend Stimmen verlor. Seine Kampagne gegen die PDS verfing nicht. "Ich kenne sogar Stammwähler der CDU, die diesmal bei Frau Syrbe ihr Kreuz machten", sagt ein Mitarbeiter im Landratsamt. "Jetzt weiß auch Guido Westerwelle, wo Anklam liegt", sagt Bernd Lange. Er ist der Kreisvorsitzende der Liberalen. Erschrocken hatten seine Parteifreunde in Berlin reagiert, als sie auf die Geschichte irgendwo im Osten von Mecklenburg-Vorpommern aufmerksam wurden, die so gar nicht zur Wahlvorbereitung in der Hauptstadt passte. Dann fanden sie sich anscheinend damit ab.Bernd Lange steht zu seiner ungewohnten Empfehlung: "Uns ging es um die Abwahl von Herrn Kautz." Dessen immer selbstherrlicher werdende Amtsführung sei nach zehn Jahren nicht mehr tragbar gewesen und habe die Entwicklung der Region blockiert. Es gab nur eine Alternative: Frau Syrbe. Eine akzeptable Alternative, befand die regionale FDP, nachdem sie sich über die Kandidatin kundig gemacht hatte. Trotz mancherlei liberaler Bedenken und ein paar Austritten. "Es war vor allem eine Entscheidung zum Wohle des Kreises, nicht so sehr zum Wohle der FDP", sagt Bernd Lange tapfer und: "Es war eine Personenwahl, keine Parteienwahl." Eine Personenwahl also? Dabei ließe sich mit Barbara Syrbes Biografie doch jederzeit das Klischee der "roten Socke" bedienen. Sie studierte Philosophie, was in der DDR weitgehend mit Marxismus gleichzusetzen war. Sie war Mitglied der SED und heiratete einen Kampfflieger der Nationalen Volksarmee, mit dem sie an die Küste zog. "Die DDR war mein Land", sagt sie. Und dann noch: "Heute sehe ich vieles entschieden kritischer."Versöhnliche Töne"Barbara Syrbe ist einfach eine Frau mit gesundem Menschenverstand", sagt Wolfgang Abraham, der Kreisvorsitzende der Sozialdemokraten. "Sie kann zuhören, ist offen und pragmatisch. Und sie ist um ihren neuen Job nicht zu beneiden." Wolfgang Abraham, der im Sommer 1989 über Ungarn aus der DDR flüchtete, hat mit Frau Syrbe keine Probleme: Sie werde eine Landrätin für die Region sein, nicht für die PDS, da ist er sich sicher. Zumal Abraham mit einer solchen Einschätzung vertritt, was seine Partei in der Schweriner Landesregierung vorgibt. Selbst bei den Christdemokraten im Landkreis sind sanfte versöhnliche Töne zu hören. Ihr Fraktionsvorsitzender Dieter Markhoff ist zwar "traurig, dass so etwas in einer CDU-Hochburg passieren konnte". Es habe wohl vor allem am eigenen Kandidaten gelegen. Aber, sagt er, nun müssen Kreistag und Landrätin "aufeinander zugehen". Auch mit den Sozialisten seien schließlich "Kompromisse möglich", in vielen Sachfragen seien CDU und PDS ja "einer Meinung", sagt er. Er lobt dann sogar die "Genossen von der PDS". So nennt er sie tatsächlich. Auf die sei Verlass: "Was wir mit denen verabredet haben, das halten die auch ein."Während der Techniker noch an Barbara Syrbes Computer arbeitet, sagt sie, dass sie selbst nicht an ihren Wahlsieg geglaubt habe. Sie war stellvertretende Regierungssprecherin in Schwerin, als die PDS in Ostvorpommern sie darum bat zu kandidieren. Niemand glaubte, dass sie bei der Allmacht der CDU im Kreis eine Chance haben würde. "Ich wollte einfach nur gut sein", sagt sie unbefangen. "ich wollte wenigstens einen Achtungserfolg für die PDS erzielen." Mehr nicht.Und nun hat sie das wichtigste Amt von Ostvorpommern erobert, die Exekutive. Sie ist Chefin von 450 Angestellten. Ihre Behörden entscheiden darüber, ob schnell oder langsam gebaut wird, ob Fördermittel fließen oder versickern, ob Entwicklungschancen genutzt werden oder nicht. Wie will sie ihre Macht nutzen? Barbara Syrbe holt tief Luft. Dann überschlägt sie sich fast beim Aufzählen ihrer Vorstellungen. Auch jetzt, als Landrätin, das ist offenkundig, will sie "einfach gut sein". "Einfach gut sein" heißt für eine Vertreterin der PDS immer auch zu zeigen, dass sie nicht insgeheim die Revolution vorbereitet - falls das irgendjemand noch glauben sollte. Zu zeigen, dass sie angekommen ist im neuen Deutschland, dass sie die Rahmenbedingungen anerkennt."Ich möchte vor allem", sagt die Landrätin Barbara Syrbe also, "dass die Investoren es leichter haben als bisher. Ich möchte, dass die Kreisverwaltung zu einem Dienstleistungszentrum für die Wirtschaftsförderung wird. Dass die Genehmigungsverfahren zügiger abgewickelt werden. Ich möchte, dass Investoren nicht selbst von Behörde zu Behörde laufen müssen, sondern von uns einen Betreuer erhalten. Ich möchte .""Ach", sagt Barbara Syrbe, "ich weiß doch, dass das Geld erst erwirtschaftet werden muss, das ich dann später für Kultur und Bildung ausgeben möchte." Sie fände es "schon schick", wenn sich ein Großinvestor, wie jetzt etwa BMW in Leipzig, in der Region niederließe, sagt sie. Und weiß doch, dass sie angesichts der Löcher im Kreishaushalt nur Krisenmanagement betreiben kann. An diesem Nachmittag steht ein Antrittsbesuch der Landrätin beim Bürgermeister des Ortes Krösslin auf dem Programm. Wolfgang Woy stammt aus Berlin, genauer: Aus Spandau. Den frühpensionierten Siemens-Techniker zog es in den neunziger Jahren mit seiner Frau an die Küste. Der parteilose Rentner fühlte sich nicht ausgelastet. Er hatte Ideen für die neue Zeit in Krösslin und sprach sie laut aus, also wurde er zum Ortsvorsteher gewählt.Der Besuch ist für beide Seiten eine Art Premiere. Eine Begegnung zweier Welten. Wolfgang Woy ist ein weißhaariger Charmeur der alten Schule. Artig hält der 68 Jahre alte Mann ein kleines Gastgeschenk für die Landrätin bereit. Man witzelt steif, ob dies bereits als Korruption zu interpretieren sei. "Frau Dr. Syrbe", wie er sie überkorrekt anredet, wird höflich die Mitgliedschaft in einem Beirat angetragen, "auch Ihr Vorgänger war da Mitglied", fügt Wolfgang Woy verlegen hinzu.Ein TestDann wird die Frau Landrätin getestet: ob sie denn für diese oder jene Frage zuständig sei. Sie besteht den Test, hat ihre Hausaufgaben gemacht, kennt ihre Kompetenzen. Wolfgang Woy ist zufrieden. Die Atmosphäre lockert sich langsam. Schließlich wird es konkret: Es geht um Forellenzucht, um eine mögliche Regattastrecke und um die drohende Schließung der Realschule. Schließlich kutschiert Wolfgang Woy die Landrätin in seinem Mercedes-Cabrio durch die Gegend zum neuen Yachthafen von Krösslin, dem Stolz des Bürgemeisters, und zum Fischereihafen.Zurück in Anklam im Landratsamt gibt es Ärger. Eine Firma hat versucht, sich Vorteile zu verschaffen, indem sie die zuständigen Behörden umging und die Landrätin direkt einschalten wollte. Das Unternehmen wollte eine Entscheidung auf "dem kurzem Dienstweg", sagt sie. Ein Versuchsballon? Will man die Neue reinlegen? Oder war das so üblich? Barbara Syrbe ist wütend. "Damit es klar ist - ich bin für jegliche Wirtschaftsförderung, aber ich bin auch für law and order." Am Tag darauf ist der Landkreis Ostvorpommern wieder mal in die Schlagzeilen geraten. Auf Usedom haben Neonazis Hakenkreuze geschmiert. Die Landrätin weiß, dass solche Aktionen jegliche Bemühung um einen Aufschwung zerstören können. Und schnell hat sie wieder einen ihrer "Ich möchte"-Sätze zur Hand. "Ich möchte erreichen", sagt Barbara Syrbe, "dass alle Hoteliers, alle Gewerbetreibenden eine Art Bündnis gegen Rechts eingehen." Es sei schließlich in deren eigenem Interesse, wenn sie zum Beispiel ihren Lehrlingen untersagen, rechte Symbole im Betrieb zu tragen. "Damit wäre doch schon etwas erreicht."Inzwischen läuft der Computer in ihrem Büro, in dem sie sich offenkundig noch nicht ganz heimisch fühlt. Die Blumen, die sie bei der Amtseinführung erhielt, sind bereits verwelkt. Der Terminkalender wird immer voller. Mitte August wird Gerhard Schröder den Landkreis Ostvorpommern besuchen, auf seiner Kanzlerreise durch die neuen Länder. Auch das steht Barbara Syrbes Kalender.BERLINER ZEITUNG/PAULUS PONIZAK "Ach, ich weiß doch, dass das Geld erst erwirtschaftet werden muss, das ich später für Kultur und Bildung ausgeben möchte" - Barbara Syrbe, Landrätin.

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