BERLIN, 16. Juni. Fast 15 000 Berliner Bauarbeiter in rund 700 Klein-, Mittel- Großbetrieben hat die Industriegewerkschaft Bau in der Bundeshauptstadt zum Streik aufgerufen. Doch an diesem Montag soll zunächst "mit Augenmaß" begonnen werden, sagt IG-Bau-Geschäftsführer Rainer Knerler. Kleinere Überraschungseffekte will Knerler aber nicht ausschließen. Die IG Bau rechnet zu Beginn mit einer Beteiligung von bis zu tausend Beschäftigten. Augenmaß heißt, dass zu Wochenbeginn ab 6.30 Uhr die Großbaustelle am Dom Aquaree und eine Baustelle am Leipziger Platz lahm gelegt werden. Auch das Beisheimcenter, wo die luxuriösesten Wohnungen Deutschlands entstehen, ist in den Streik einbezogen. Von insgesamt acht Großbaustellen ist die Rede. Aber richtig losgehen soll es erst am Dienstag. "Die zweite Phase" nennt dies Knerler. Dann wird auf allen zwölf Baustellen am Lenné-Dreieck nichts mehr laufen. Der auf mindestens zwei Wochen festgelegte Streik kann verheerende Folgen mit Bauverzögerungen von Monaten haben. Fest steht auch, wo vorerst gearbeitet wird: am Olympiastadion und auf dem Lehrter Bahnhof. Beim Großbahnhof sind die Arbeiten so weit fortgeschritten, dass bei einem Streik selbst nach Ansicht von Knerler "Gefahr für Leib und Leben" entsteht. Gerade in Berlin geht es nach Auffassung der Gewerkschaft nicht nur um die klassischen Prozentpunkte für Gehaltserhöhungen. Mit geschätzten 11,5 Milliarden Euro Bauvolumen hat Berlin das größte Baupotenzial in der Bundesrepublik. Zugleich aber sind rund 15 000 Bauarbeiter erwerbslos - mehr als die Hälfte aller Beschäftigten. "Trotzdem gehört die Branche nicht zu den blühendsten Wirtschaftszweigen", sagt Knerler. Dafür gibt es mehrere Gründe: Von den rund 700 Berliner Betrieben haben gerade einmal etwa zwölf Unternehmen mehr als hundert Mitarbeiter, die meisten dagegen nur um die zehn. Viele Firmen bangen um ihre Existenz. Sorgen machen die Billiglöhne für EU-Vertragsarbeiter und für Osteuropäer. Während der durchschnittliche Stundenlohn zwischen zwölf und 13 Euro liegt, beträgt der Mindestlohn für schätzungsweise 25 000 Ausländer 8,63 Euro. Hinzu kommt eine hohe Illegalitätsrate. Mitunter werden nur drei Euro gezahlt, sehr selten 50 Cent die Stunde.
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