Eine Erklärung vom schwächsten deutschen Feldspieler wäre allemal interessant gewesen. Kam aber nicht zustande. Dafür erläuterte Joachim Löw etwas nebulös, warum er den gedanklich wie körperlich zu langsamen Abwehrspieler nicht schon zur Halbzeit von der Überforderung mit einer Auswechslung erlöste. Der Bundestrainer: „Es gab zur Pause noch keinen Grund, alles aufzulösen. Wir wollten die Wechsel vorne machen.“
Was allerdings zur Folge hatte, dass der Koloss am Schluss wie ein Ritter in einer viel zu schweren Rüstung seinen Gegnern hinterhechelte. Solche Szenen erregten beinahe Mitleid und wirkten noch grotesker als manch ein Fehlpass des 30-Jährigen.
Hat sein Wort noch Gewicht? Die deutsche Offensivkraft Thomas Müller.
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Der in Berlin sozialisierte Boateng hat unbestritten große Verdienste für den deutschen Fußball, gerade was die Integrationsarbeit angeht, und er wäre gerne zwischenzeitlich als erster dunkelhäutiger Spieler auch Nationalmannschaftskapitän geworden, aber die Wahrheit ist aktuell: In dieser Verfassung ist der Mann keine Hilfe.
Sollte irgendein Verantwortlicher von Paris St. Germain zugeschaut haben – was ja sein kann, weil die deutsche Mannschaft am Dienstag beim Weltmeister Frankreich antritt – dann sind sie vermutlich heilfroh, dass sie sommers den beabsichtigten Transfer des einst weltbesten Innenverteidigers nicht hinbekommen haben. Dieser Profi des FC Bayern steckt seit Wochen im Leistungsloch.
Morsche Stützen
Die deutsche Sicherungszentrale scheint ohnehin auf solch einem tückischen Untergrund errichtet wie die alten Handelshäuser der niederländischen Hauptstadt, von denen viele entlang der Grachten in gewaltige Schieflage geraten sind. Ihren Eigentümer kostet die Stabilisierung mit dem Einsetzen von Betonpfählen ein Vermögen. Auch Löw wäre gut beraten, sich von morsch wirkenden Stützen irgendwann mal zu trennen.
Der Zahn der Zeit nagt nämlich auch an den Prominentesten: Manuel Neuer ist nicht mehr der weltbeste Torwart der Welt. Der 32-Jährige fügte der irritierenden Flatter im Verein noch einen folgenschwerer Fehler in der Nationalmannschaft an: Sein zögerliches Herauslaufen war ursächlich für das 0:1, bei dem sich Virgil van Dijk im Nachgang bedankte (30.).
Hat er noch den nötigen Schwung? Der deutsche Schlussmann Manuel Neuer.
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Es ist dann kein Wunder, dass die Verunsicherung den Klassensprecher ergreift: Mats Hummels sah bei jenem Gegentor auch nicht gut aus, und die Klasse des 29-jährigen Zentralverteidigers verpufft, wenn die Gegner um seine Wichtigkeit in der Spielauslösung wissen. Was nicht zu erahnen war: Wie wütend sich Hummels später in der Mixed Zone nicht über das kollektive Versagen der Mannschaft, sondern die aus seiner Sicht ungerechte Bewertung gebärdete. „Es wird ja momentan auf alle und jeden draufgeschossen, es ist respektlos! Wir werden teilweise behandelt wie Vollamateure. Aber damit müssen wir leben.“ Aus seiner Sicht habe man immer noch „eine wirklich gute Mannschaft, das Große und Ganze, die Spielanlage ist wahrlich nicht schlecht.“
Alles auf den Prüfstand
Doch eingedenk eines Ausscheides in der Vorrunde der Weltmeisterschaft und eines drohenden Abstiegs aus der A-Gruppe der Nations League muss das gesamte Personal auf den Prüfstand. Dazu gehört zwingend Thomas Müller, der die Symbolfigur für das verlustig gegangene Selbstverständnis geworden ist. Seine Chance in der ersten Halbzeit, befand Löw, „normal hat er die in der Vergangenheit immer genutzt.“ Nun aber flog der Ball ans Außennetz. Müllers Selbstvertrauen ist angeknackst. Auch der 29-Jährige flüchtete übrigens kommentarlos vom Ort der Schmach.
Kommt er wieder hoch? Der deutsche Verteidiger Jérôme Boateng.
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Immerhin gab Leidenskollege Hummels noch zu, dass die Ursache der Misere „eine Mischung aus vielem“ sei. Und: Wir haben ein ähnliches Problem wie im Verein.“ Dass die bayrische Sinnkrise direkt ins Nationalteam geschwappt ist, bestätigte Joshua Kimmich, der als mit Abstand bester Münchner Mitstreiter sagte: „Das war ein bisschen ein Spiegelbild unserer Spiele bei Bayern.“
Ansonsten auffällig, dass die bayrische Fraktion nicht zu tief den Finger in die Wunde legen wollten. Und dabei ist leider Kapitän Neuer einer, der viel zu häufig Ausflüchte statt Erklärungen anbietet. Sein Statement nach dem Nackenschlag gegen die Niederlande ging so: „Im Training haben wir gesehen, dass jeder Spieler gute Leistungen gebracht hat. Wenn wir verlieren, spricht natürlich wieder jeder negativ. Dass das anders hätte laufen könne, hat jeder gesehen.“ Zumindest derjenige, der eine schwarz-rot-goldene Brille mit rosa Rand trägt.
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