Die BBC hat in ihrer Geschichte eine Reihe von Skandalen erlebt und ist meist gestärkt aus ihnen herausgegangen. Die täglich neuen schockierenden Enthüllungen über Jimmy Savile, einen Moderator, Publikumsliebling und Discjockey, aber könnten den Ruf der ältesten nationalen Rundfunkanstalt der Welt dauerhaft beschädigen. Der mittlerweile verstorbene Savile, ein Entertainer mit wasserstoffblonder Mähne, schweren Goldketten und obligatorischer Zigarre zwischen den Zähnen, soll systematisch Kinder und Jugendliche missbraucht haben. Nach Polizeiangaben zogen sich die sexuellen Straftaten möglicherweise über Jahrzehnte hin. Was der BBC nun zu schaffen macht, sind Vorwürfe, dass die Fernsehanstalt Hinweise ignoriert hat, um das Image eines seiner größten Stars zu schützen.
Eine nationale Berühmtheit
Denn Jimmy Savile war mehr als ein Quotenbringer, dank seiner Fernsehkarriere stieg er zu einer landesweiten Berühmtheit auf. Jahrelang moderierte er die Hitparade „Top of the Pops“. In seiner Unterhaltungsshow „Jim’ll fix it“ („Jim kriegt’s hin“) erfüllte er von 1975 bis 1994 Kinderwünsche. Weil er nebenbei Millionensummen für Krankenhäuser und wohltätige Zwecke sammelte, wurde er von der Queen geadelt und im Vatikan empfangen. Als er im vergangen Jahr 84-jährig starb, säumten Tausende die Straßen von Leeds, durch die der Leichenwagen mit dem vergoldeten Sarg zog; die Stadt hängte ihm zu Ehren eine Erinnerungsplakette auf. Das Schild wurde in den vergangenen Tagen hastig abmontiert, nachdem Recherchen des Fernsehsenders ITV erstmals Missbrauchsvorwürfe zutage brachten. Inzwischen geht die Polizei 400 Hinweisen nach. Ein Dutzend Ermittlungsbehörden sind mit den mutmaßlichen Übergriffen eines Mannes befasst, den Scotland Yard einen „raubtierhaften Sexualstraftäter“ nennt. Laut Polizei kann es 200 Opfer geben, Experten vermuten, dass die Dunkelziffer höher liegen könnte, weil viele Geschädigte ihren Missbrauch nicht öffentlich machen.
Nach Aussagen der damals minderjährigen Opfer gibt es Hinweise darauf, dass einige der Straftaten möglicherweise auf dem Gelände der BBC stattfanden, etwa in den Umkleiden. Einer der verstörendsten Aspekte der Flut immer neuer Anschuldigungen ist die offenbar unangreifbare Position, die Jimmy Savile in einer Reihe von Kindereinrichtungen und Kliniken hatte, für die er Spenden sammelte, und in denen Minderjährige besonders verletzlich sind. In einer psychiatrischen Einrichtung soll er einem Bericht der Zeitung Guardian zufolge ein eigenes Zimmer und sogar einen Schlüssel zu den Krankensälen besessen haben.
Die Enthüllungen kamen erst jetzt ans Licht, obwohl es anscheinend seit langem Gerüchte über Übergriffe und Busengrabschereien gab. Einer der Opferanwälte, Alan Collins, sagte am Wochenende, sofern sich die Anschuldigungen bewahrheiten, sei zu klären, warum ein Kinderschänder so lange habe davonkommen können; die BBC sei „zu ehrfürchtig“ mit ihrem Star umgegangen.
Schadensbegrenzung bei der BBC
Zu den Ungereimtheiten gehören die Umstände der Absetzung eines investigativen Berichts der BBC-Nachrichtensendung „News-night“ im vergangenen Dezember, der sich mit den Gerüchten um Savile beschäftigen sollte. BBC-Generaldirektor George Entwistle, erst seit wenigen Wochen im Amt, erklärte dies zunächst mit „redaktionellen Gründen“: Es sei um eine Polizeibehörde gegangen, die Vorwürfe gegen Savile nicht weiter verfolgt habe. Diese Sicht der Dinge hat die BBC am Montag leicht revidiert. Zeitungen wie die Times glauben, dass die Enthüllungsgeschichte fallengelassen wurde, weil der Sender zur gleichen Zeit eine Weihnachtssendung über seinen verstorbenen Star plante. Fakt ist: Es war schließlich der Privatsender ITV, der die Missbrauchs-Vorwürfe öffentlich machte.
Inzwischen hat die BBC zwei von unabhängigen Experten geleitete Kommissionen eingesetzt: eine soll sich mit den Hintergründen der Newsnight-Programmänderung beschäftigen; die zweite mit dem Arbeitsklima bei der BBC. Für den gestrigen Abend war eine kritische Eigenrecherche der renommierten Sendung „Panorama“ geplant: Die BBC untersuchte also die BBC. Am heutigen Dienstag wird Generaldirektor Entwistle dem parlamentarischen Medienausschuss Rede und Antwort stehen. Der älteste nationale Rundfunksender der Welt versucht, den Schaden zu begrenzen.
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