Der bei einem Attentat lebensgefährlich verletzte slowakische Regierungschef Robert Fico hat nach einer mehrstündigen Operation laut Medienberichten wieder das Bewusstsein erlangt. Allerdings machten weder der Fernsehsender TA3 noch die Zeitung Dennik in ihrer Onlineausgabe in der Nacht zum Donnerstag nähere Angaben über den Gesundheitszustand Ficos.
Ficos stellvertretender Premierminister Tomáš Taraba sagte der BBC am Mittwochabend, Fico befinde sich nicht mehr in Lebensgefahr. Der Minister sagte: „Soweit ich weiß, ist die Operation glücklicherweise gut verlaufen – und ich schätze, er wird überleben. Er befindet sich im Moment nicht in Lebensgefahr. Er wurde schwer verletzt – eine Kugel ging durch den Magen und die zweite traf das Gelenk – er wurde sofort ins Krankenhaus gebracht und dann operiert.“ Es gibt noch keine offizielle Ankündigung zum Zustand des Premierministers.
Der slowakische Premierminister Robert Fico war am Mittwoch nach einer Kabinettssitzung in der Stadt Handlová angeschossen und lebensgefährlich verletzt worden. Fico wurde nach der Attacke in ein Krankenhaus eingeliefert.
Slowakischer Innenminister: Mutmaßlicher Fico-Attentäter ist 71-jähriger Schriftsteller
Nach Einschätzung der slowakischen Regierung handelte der mutmaßliche, kurz nach der Tat festgenommene Attentäter aus politischen Motiven. Der slowakische Innenminister Matus Sutaj Estok sagte Medien auf die Frage, ob es sich um einen 71-jährigen Schriftsteller aus dem Zentrum der Slowakei handle: „Ich denke, ich kann das bestätigen, ja.“
Der Mann soll den Medienberichten zufolge aus der Stadt Levice rund 150 Kilometer östlich von Bratislava kommen und Gründer eines Literaturclubs sein. Demnach ist er zudem Mitglied der offiziellen slowakischen Schriftstellervereinigung, was diese später im Onlinedienst Facebook bestätigte. Sollte bestätigt werden, dass es sich um den mutmaßlichen Attentäter handelt, werde die Mitgliedschaft „dieser abscheulichen Person“ aufgekündigt.
Attentat auf Robert Fico: Slowakischer Ministerpräsident polarisiert zwischen Ost und West
Trotz eines Informationsembargos gelangte der Sender TA3 an eine Videoaufnahme aus der Klinik. Darin sagte der benommen wirkende mutmaßliche Attentäter: „Ich stimme der Regierungspolitik nicht zu.“ Als konkretes Beispiel nannte er mit undeutlicher Stimme die von der Regierung geplante Auflösung des öffentlich-rechtlichen Radios und Fernsehens RTVS, gegen das seit Wochen Tausende Menschen demonstrieren.
Attentat auf Robert Fico: Das berichten Augenzeugen
Augenzeugen berichteten TA3, vor dem Kulturhaus in Handlová seien mindestens vier Schüsse zu hören gewesen, als Fico nach der Kabinettssitzung ins Freie ging, um sich unter die Bevölkerung zu mischen und Hände zu schütteln. Ein Schuss habe ihn in die Brust getroffen. Der Ministerpräsident sei daraufhin zu Boden gestürzt.
Ein von mehreren Online-Medien veröffentlichtes Video zeigte, wie Begleiter den Verletzten eilig in ein Auto schaffen, um ihn vorläufig in Sicherheit zu bringen. Auf der anderen Seite einer Absperrung soll auf dem Video die Festnahme des mutmaßlichen Angreifers zu sehen sein. Die Polizei bestätigte eine Festnahme.
Nach Angaben der Krankenhausleitung in Handlová wurde Fico per Hubschrauber in das Krankenhaus von Banská Bystrica geflogen. Die Verlegung nach Bratislava sei wegen des kritischen Zustands von Fico nicht möglich gewesen.
Die Polizei evakuierte daraufhin das Kulturhaus, in dem die Regierungssitzung abgehalten worden war. Die vom linkspopulistischen Fico geführte Dreiparteienregierung hält immer wieder Sitzungen außerhalb der Hauptstadt Bratislava ab, wie nun eben in Handlová. Die Stadt liegt etwa 150 Kilometer nordöstlich von der Hauptstadt entfernt.
Attentat auf Robert Fico: Streit über Medien könnte Hintergrund sein
Der prorussische Politiker Fico warf vor wenigen Tagen der liberalen Opposition vor, ein Klima der Feindschaft gegen die Regierung zu schaffen. Es sei nicht auszuschließen, dass es in einem solchen Klima irgendwann zu einer Gewalttat kommen könnte, sagte er.
Das Parlament in Bratislava hatte am Mittwoch eine hitzige Debatte über einen der umstrittensten Pläne von Ficos Regierung aus zwei sozialdemokratischen Parteien und der rechtspopulistischen Nationalpartei SNS abgehalten.
Die von der SNS vorgeschlagene Kulturministerin Martina Simkovicova will demnach die öffentlich-rechtliche Sendeanstalt RTVS auflösen und durch eine neue Institution ersetzen. Dafür bekam sie bereits die Zustimmung ihrer Koalitionspartner, die RTVS warf ihr Parteilichkeit vor. Die Oppositionsparteien hingegen werfen der Regierung vor, das nach Umfragen als vertrauenswürdig geltende Radio und Fernsehen RTVS durch einen Propagandasender ersetzen zu wollen.
Reaktionen auf Angriff: Bundeskanzler Scholz „erschüttert“
Die slowakische Präsidentin Zuzana Caputova zeigte sich nach den Schüssen auf Ministerpräsident Robert Fico erschüttert. „Ich verurteile den heutigen brutalen und rücksichtslosen Angriff auf Premier Robert Fico“, schrieb die Politikerin am Mittwoch bei Facebook. Sie sei schockiert. „Ich wünsche Robert Fico in diesem kritischen Augenblick viel Kraft, damit er sich von dem Angriff erholt“, fügte sie hinzu. Die Liberale Caputova hatte sich in der Vergangenheit wiederholt kritisch über die Politik des links-nationalen Regierungschefs und dessen umstrittene Justizreformen geäußert. Fico gilt als prorussisch. Caputova besuchte erst vor wenigen Tagen Kiew.
Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) sprach im Online-Dienst X von einem „feigen Attentat“. Gewalt dürfe „keinen Platz haben in der europäischen Politik“.
Polens Regierungschef Donald Tusk zeigte sich ebenfalls schockiert. „Robert, meine Gedanken sind in diesem sehr schwierigen Moment bei dir“, schrieb Tusk am Mittwoch auf der Plattform X.
EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen verurteilte den „abscheulichen Angriff“. Im Onlinedienst X schrieb sie: „Solche Gewalttaten haben keinen Platz in unserer Gesellschaft und untergraben die Demokratie, unser höchstes gemeinsames Gut.“ EU-Ratspräsident Charles Michel erklärte: „Nichts kann jemals Gewalt oder derartige Angriffe rechtfertigen“.
Der russische Präsident Wladimir Putin bezeichnete das Attentat auf Fico als „abscheuliches Verbrechen“. „Ich kenne Robert Fico als mutigen und willensstarken Mann. Ich hoffe sehr, dass diese Eigenschaften ihm helfen, diese schwierige Situation zu überstehen.“
Robert Fico, Ministerpräsident der Slowakei, wurde am Mittwoch in der Stadt Handlová angeschossen.
© Radovan Stoklasa/REUTERS
Joe Biden und Emmanuel Macron zeigen Solidarität
US-Präsident Joe Biden verurteilte den Schusswaffenangriff auf den slowakischen Regierungschef als „schrecklichen Akt der Gewalt“. Seine Ehefrau Jill und er „beten für eine rasche Genesung, und unsere Gedanken sind bei seiner Familie und dem slowakischen Volk“, erklärte Biden. Auch UN-Generalsekretär António Guterres verurteilte den „schockierenden Angriff“, wie dessen Büro mitteilte.
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron teilte beim Onlinedienst X mit: „Ich verurteile den Angriff scharf. Meine Gedanken und meine Solidarität gelten ihm, seiner Familie und dem slowakischen Volk.“
Robert Fico schon zum dritten Mal Regierungschef in der Slowakei
Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban äußerte sich ebenfalls „zutiefst schockiert über den Angriff auf meinen Freund“ Fico. Wie Orban ist auch Fico ein Verfechter eines Dialogs mit Russland. Er fordert das Ende der Kämpfe in der Ukraine und lehnt Waffenlieferungen ab.
Fico war bereits von 2006 bis 2010 und von 2012 bis 2018 slowakischer Regierungschef. Im Jahr 2018 musste er nach der Ermordung des Journalisten Jan Kuciak und dessen Verlobter zurücktreten. Kuciak hatte zu Verbindungen zwischen der italienischen Mafia und Ficos Regierungspartei recherchiert.
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