Das Sudhaus in Neukölln sollte 1926 das schönste Brauhaus der Welt werden: mit Mosaiken auf dem Fußboden und wunderbar schimmernden Kupfersudpfannen. Die Mosaiken wurden in den 50er-Jahren, als die Kindl-Brauerei das Gebäude betrieb, durch die damals üblichen, dennoch heute durchaus edel wirkenden großen Bodenfliesen ersetzt – Wirkung hat der Raum noch immer, und nicht nur auf das Auge, sondern auch auf das Ohr. Als die Sängerin und Komponistin Winnie Brückner hier mit ihrem Ensemble Vox nostra mittelalterliche Musik aufführte, war sie von der optischen und akustischen Wirkung des Raumes gleichermaßen begeistert. Sie wollte es nicht bei einem einzigen Auftritt belassen, sondern den Raum musikalisch vielfältig erobern. Das von ihr zusammen mit zwei Kolleginnen veranstaltete „Be Kind“-Festival findet nach der Premiere im vergangenen Herbst am 6. und 7. Oktober zum zweiten Mal statt.
Wieder einmal erwies sich die Pandemie als Gelegenheit: Erstens ließ die erzwungene Auftrittspause Zeit zum Nachdenken, zweitens gaben die aufgelegten Förderprogramme die nötigen Mittel frei und ermutigten Brückner wie auch viele andere Künstlerinnen und Künstler dazu, oft erstmals für ihre Ideen Geld zu beantragen und in die Öffentlichkeit zu gehen.
Zweimal drei 50-minütige Acts
Ausgebrütet hat sie das Festival allein, aber die Sängerin und Komponistin Laura Winkler machte bei der Organisation bald mit, und als Anna Bolz von der Idee hörte, gesellte auch sie sich dazu. Alle drei kennen sich aus der Jazz-Szene, singen in Bands oder leiten Chöre. Sie bilden ein Team, in dem jede ihre jeweilige Stärke einbringt – vom Aufstellen der Finanzpläne bis zur Betreuung der Social-Media-Kanäle. Im letzten Oktober lief Be Kind vier Tage lang, in diesem Jahr ist die Förderung schmaler ausgefallen, deswegen ist das Festival auf zwei Tage mit jeweils drei 50-minütigen Acts konzentriert.
Das Sudhaus mit den denkmalgeschützten Kupfersudpfannen.
© Markus Wächter/Berliner Zeitung
Leitend für die Idee des Festivals waren „Atmosphäre und Akustik des Raums“. Der Raum erinnerte Brückner bei ihrem ersten Auftritt an eine „postindustrielle, postreligiöse Kathedrale“, in der sich die Musik des Mittelalters von ihrer sakralen Bedeutung zu emanzipieren schien. Und dennoch ist das Sudhaus kein Konzertsaal, in dem sich die Musik vom Publikum museal abtrennt, sondern ein Ort, an dem sie direkt auf die Hörer wirken kann.
Der Nachhall beträgt vier Sekunden und ist hell. Die Sudpfannen tragen zur Akustik nichts bei, „wir hatten auch schon Anfragen von den Musikern, ob die zur Klangerzeugung genutzt werden können – aber sie stehen leider unter Denkmalschutz.“ Diese Akustik schließt zwar schnelle Musik, Rhythmus und Groove nicht aus, aber „schnelles Drumset“ funktioniert nicht, die Musik müsse „im besten Sinne kammermusikalisch“ sein.
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Schließt das Festival ansonsten etwas aus, würde Mozart hier hineinpassen? „Mozart würde super hineinpassen“, sagt Brückner – kaum aber Tanzmusik, Funk oder Soul. „Es geht um den Eintauchmoment“ – die Hektik der Großstadt soll hier ausgeblendet werden. „Slow Music. Slow Food. Slow“ ist das Motto von Be Kind.
Winnie Brückner verkörpert diesen genreübergreifenden Ansatz als Musikerin so überzeugend wie ihre Kolleginnen. Als Jazz-Komponistin und -Sängerin ausgebildet, singt sie tatsächlich in vielen Stilen: Jazz unter anderem mit ihrem eigenen Ensemble Niniwe, Mittelalterliches mit Vox nostra, Renaissance und Barock mit dem Ensemble Sirventes. Daher sollte auch das Programm von Be Kind zwar den Schwerpunkt auf die Berliner Jazz-Szene legen, aber immer auch mit älterer Musik bereichert werden. Dabei wird auf die Ausgewogenheit zwischen Frauen und Männern, transkulturelle Besetzung und Diversität in jeglicher Hinsicht großer Wert gelegt.
So beginnt das Festival am Freitag nächster Woche (6. Oktober) mit Tiefsaits, einem Trio dreier Cellistinnen und Gambistinnen, das Musik aus Renaissance, Barock und Romantik spielt. Merry Peers mischt danach Trompete und elektronische Klänge zu experimentellen Soundscapes, während Jessie Monk aus Australien mit ihrer Band in die folkig-poppige Richtung geht. Am Sonnabend (7. Oktober) beginnt Kathrin Pechlof mit ihrem Trio mit kammermusikalischem Jazz, bei dem die Harfe im Mittelpunkt steht. Aficionado aus Marokko bringt Flamenco, arabisch-andalusische Musik und Jazz auf Gitarre und Oud zusammen, und mit der Jazzklavier-Legende Aki Takase und dem Saxofonisten Daniel Erdmann findet Be Kind zu einem hochkarätig besetzten Abschluss.
Man muss kein Experte sein
Was bedeutet der Name „Be Kind“ eigentlich? Hergeleitet ist er aus „Berliner Kindl“, aber er bezeichnet das grundsätzlich freundliche, wertschätzende und einbeziehende Ambiente des Festivals. Man sitzt nicht frontal in Erwartung, sondern lümmelt auf Sitzsäcken. Das Klassik-Publikum wird ebenso mit ihm vielleicht unbekannten Stilen konfrontiert wie Jazz-Liebhaber. „Die Anforderungen sind nicht hoch, man muss kein Experte sein, sondern sich einfach nur einlassen wollen.“ Ein wichtiger Programmpunkt ist das vegane Essen zwischen den Acts, das die Köchin des Sudhauses, Hannah Chaker-Agha, zubereitet und das mit der Eintrittskarte erworben wird: Essen, das „kind“ zum Tier und zur Umwelt ist.
„Be Kind“-Festival 6., 7. Okt. jeweils 19 Uhr im Sudhaus der ehemaligen Kindl-Brauerei, Am Sudhaus 3, Karten und Programm unter bekindfestival.de
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