Vor ein paar Tagen muss ich vormittags Taxi fahren. Wegen einer Demo am Alex rät die BVG auf den Anzeigetafeln, S- und U-Bahn zu nutzen. Guter Witz, wenn man in Weißensee wohnt. Der Taxifahrer trägt ein Hemd, das mit lauter sonnenbebrillten Karl-Marx-Köpfen bedruckt ist. Er hat Schultern wie ein Türsteher und das lange, von grauen Strähnen durchzogene Haar zum Dutt geknüddelt. Sein Bart reicht bis zur Brust und verdeckt auch einen Großteil des Gesichts. Den Rest verbirgt er hinter einer riesigen dunklen Sonnenbrille, nachdem ich ihm gesagt habe, wohin wir fahren. Dann schaltet er das Radio an.
Nachdem der Moderator uns informiert hat, dass Beethoven sehr oft umgezogen sei, ertönt dessen 8. Sinfonie. Und die Stadt denkt nicht daran, sich zurückzuziehen. Im Gegenteil. Sie richtet sich auf zum Klang des Orchesters, plustert sich regelrecht auf. Selbst die Betonsünden an der Mollstraße wirkten feierlich, wie rausgeputzt. Ganz zu schweigen von den Altbauten links und rechts der Greifswalder. Würden sich plötzlich Kutschen unter die Autos mischen, würde mich das kein bisschen wundern.
Weil Klassikradio nur Ausschnitte sendet, ist bald Schluss mit Beethoven. Es folgt ein hauchzartes Klavierstück von Satie, wie Tropfen fallen die Töne aus dem Radio, und der Taxifahrer, während des Beethoven-Getöses völlig reglos, spielt auf dem Lenkrad mit. Draußen scheint alles innezuhalten. Die Passanten bewegen sich in Zeitlupe. Die Ampel schaltet auf Rot. Sogar die Tauben unterbrechen ihr Picken und Flattern. Eine Wolke schiebt sich vor die Sonne und in dem jetzt diesigen Licht schweben die Töne herum wie Pappelsamen. Ich wünsche mir, die Fahrt möge nie enden.
Doch wir nähern uns, trotz roter Ampeln und Stillstand vor den Fenstern, dem Ziel. Als letztes hören wir ein schmelzendes Cello-Solo, von wem, bekomme ich nicht mit, so weggebeamt bin ich noch vom Klavierzauber. Melancholie tropft von den Weißenseer Fassaden, süße Sehnsucht wabert durch die Straßen. In einem Film würde jetzt die Dämmerung einsetzen oder ein leichter Sommerregen. In der Realität bezahle ich, ganz benommen, und wünsche dem Mann hinter dem Bart einen schönen Tag. Mir hat er ihn bereits bereitet.
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