Ein „Kitschfestival“ sei der ESC, hat sie immer gesagt, und jetzt ist sie selbst dabei. Monika Kuszynska vertritt Polen beim diesjährigen ESC. Seit einem schweren Autounfall im Mai 2006 ist die 35-jährige Sängerin auf den Rollstuhl angewiesen, von der Taille abwärts gelähmt. „Ich möchte anderen Menschen Hoffnung geben“, sagt sie und ist stolz, dass sie für den Auftritt beim ESC nominiert wurde. „Gleichberechtigung und der Kampf mit Vorurteilen ist beim Song Contest seit jeher allgegenwärtig.“ Und fährt fort: „Offensichtlich ist jetzt die Zeit gekommen, um das Thema Behinderung anzusprechen, das in vielen Kreisen immer noch ein Tabuthema ist.“
Die Zeit ist auch gekommen für Kari Aalto, Pertti Kurikka, Sami Helle und Toni Välitalo. Die vier Finnen bilden gemeinsam die Band Pertti Kurikan Nimipäivät (PKN), übersetzt heißt das „Pertti Kurikans Namenstag“, weil an diesem Tag der Sänger und Gitarrist Pertti Kurikan das erste Lied für seine Band geschrieben hat. Eine Punk-Rock-Band. Mit ganz lauter Musik und einem Gesang, auf den man vorbereitet sein muss. Finnland hat sich entschieden, in diesem Jahr PKN nach Wien zum ESC zu schicken. Spielend gewinnen die Punkrocker den Vorentscheid gegen siebzehn Kontrahenten. Aber es ist nicht nur ihre Musik, die die Band zu etwas Besonderem macht. Bassist Sami Helle klärt auf: „Die Mitglieder unserer Band sind vier Männer mittleren Alters, die alle geistig behindert sind.“ Drei der vier haben das Downsyndrom, einer ist Autist.
Die vier Musiker sind keine Unbekannten in ihrer Heimat. Kennengelernt haben sie sich 2009 bei einem Workshop für behinderte Musiker in einer Beratungsstelle im Bezirk Kallio im Norden Helsinkis. Und „Kallio“ heißt auch ihr erster Song: „Ich will in keiner Einrichtung leben // Ich will in Kallio leben // Ich vermisse den Respekt, ein gleichberechtigtes Leben.“ 2012 wird ein Film über die Band gedreht, „The Punk Syndrome“, der weltweit auf Festivals mit großem Erfolg läuft. PKN ist seitdem gut im Geschäft, sie touren durch Skandinavien und waren auch schon zu Auftritten in Deutschland, England und den USA.
Jetzt wollen sie also ganz Europa erobern, in einer Minute und knapp 30 Sekunden. Denn länger ist ihr Lied nicht und geht damit wohl als der kürzeste Song in die ESC-Geschichte ein. „Aina mun pitää“ ist der Titel, „Immer muss ich“, darin beschwert sich der Sänger lautstark über all die Dinge, die man nicht mag, die aber trotzdem getan werden müssen: Geschirr spülen, sich gesund ernähren, Arztbesuche, duschen, schlafen – und kein Alkohol. Eine klare Ansage, die bei den Wettbüros derzeit gut ankommt, sie liegen bereits auf Platz fünf.
Dabei gibt es auch optisch keine Annäherungen an den ESC-Zirkus von ihrer Seite, wie gewohnt werden sie in Lederjacken oder Westen auftreten, mit Sticker und Buttons überall, Jeans dazu und die Haare so wie es gerade kommt. „Wir werden für niemanden unseren Stil ändern, sondern bleiben uns treu“, sagt Sami Helle in einem Interview mit der BBC. „Und wir wollen“, stellt er selbstbewusst klar, „keine Mitleidspunkte. Denn so sehr unterscheiden wir uns ja auch nicht von unseren Mitstreitern, eigentlich sind wir ganz normale Jungs mit einer geistigen Behinderung.“
Eine politische Bedeutung ihres Auftritts weist Helle zurück: „Unser vorrangiges Ziel ist es nicht, Einstellungen zu verändern. Unser Hauptziel ist, nach Wien zu reisen, eine gute Show zu machen, in der die Musik zuerst kommt.“ Teuvo Merkkiniemi, der Manager der Band, ergänzt: „Sie wollen die Welt mit ihren Liedern verändern, sie können anderen Menschen mit Behinderungen Mut machen.“ Helle will eines Tages die Dinge in die Hand nehmen und in die Politik gehen. An dem Tag, als im finnischen Parlament die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen nach siebenjähriger Verzögerung provisorisch vom Gesetzgeber zugelassen wird, ist er dabei und spricht mit den Abgeordneten. „Ich habe mich noch nie in diesem Land gleichwertig gefühlt“, sagt er anschließend, „und dies ist ein wichtiger Tag für mich. Wir haben auf diesen Tag gewartet.“
Wie aber fühlen sich die Finnen von PKN auf der europäischen Bühne vertreten? „Sie reagieren sehr sensibel auf ihr Image im Ausland, und deshalb werden sie mit gemischten Gefühlen den Auftritt von PKN in Wien verfolgen“, sagt Yrjö Heinonen, Kulturwissenschaftler an der Universität von Jyväskylä. „Sollte die Band gewinnen, wird man sehr stolz auf sie sein. Wenn aber nicht, werden viele Finnen denken, dass es ein unverzeihlicher Fehler war, sie zum ESC zu schicken.“
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