Potsdam 20 Jahre lang galt Potsdam als Hochburg der Linkspartei. Selbst bei den Kommunalwahlen vor zwei Jahren lagen die Postkommunisten trotz massivem Zuzugs noch vor der SPD. Deswegen markiert der unerwartet klare Sieg des SPD-Oberbürgermeisters Jann Jakobs bei den Stichwahlen am Sonntag auch eine Zäsur: Die linke Basis bröckelt in der Landeshauptstadt. Und davon profitieren die Sozialdemokraten.773 Mitglieder hat die SPD gerade. Das ist in einer 150000-Einwohner-Stadt nicht eben ein Spitzenwert. Aber in Brandenburg reicht es, um den mit Abstand stärksten SPD-Unterbezirk des Landes zu stellen. Und in den vergangenen Wahlkampf-Wochen sind 20 neue Mitglieder dazu gekommen, sagt Daniel Rigot, der Geschäftsführer der Potsdamer SPD. "Das ist für uns ziemlich viel."Die Linkspartei in der Stadt liegt mit 1000 Mitgliedern zwar noch vorn. Aber sie schrumpft seit Jahren. Das Durchschnittsalter beträgt 67 Jahre. Egal, wer der Partei vorsaß, der 56-jährige Hans-Jürgen Scharfenberg ist in zwei Jahrzehnten zu ihrer prägenden Figur geworden. Seit 15 Jahren führt der Diplomgesellschaftswissenschaftler mit Stasi-Vergangenheit die Fraktion im Stadtparlament. Deswegen trifft seine herbe Niederlage, das Ergebnis von unter 40 Prozent, die ganze Partei. Vor acht Jahren lag Scharfenberg nur 0,2 Prozent und 122 Stimmen hinter Jakobs. Jetzt sind es mehr als 20 Prozent und über 11000 Stimmen. In den im Südosten Potsdams gelegenen Neubausiedlungen Am Schlaatz, Waldstadt II, Am Stern und Drewitz konnte Scharfenberg als OB-Kandidat zwar noch Ergebnisse von über 50 Prozent erzielen. Aber selbst dort lagen die Verluste bei bis zu sieben Prozent. Scharfenberg gewann in nur noch vier von 29 Stadtteilen - in allen anderen lag Jakobs vorn."Kein Grund, die Köpfe hängen zu lassen" steht über einem Mitgliederbrief, den der Potsdamer Linken-Chef Günther Waschkuhn gestern verfasste. Der 61-jährige, einstige Gewerkschaftsfunktionär redet von einem nötigen Generationswechsel. Er jedenfalls will sein Amt im November abgeben, schlägt als Nachfolger den 33-jährigen Sascha Krämer vor, Mitarbeiter einer Bundestagsabgeordneten. Auch Hans-Jürgen Scharfenberg sagt, mehr Jüngere müssten in Verantwortung kommen. "Aber es ist ja nicht so, dass sie sich massenhaft nach Kommunalmandaten reißen."Jann Jakobs lehnt sich bei solchen Fragen entspannt zurück. Auch er ist 56, genauso alt wie Scharfenberg. Ein Generationswechsel ist in der SPD kein Thema. Als kommender Mann gilt Partei- und Fraktionschef Mike Schubert, 37 Jahre alt und derzeit Büroleiter beim Innenminister. Trotz auch parteiinternen Kritik an der schwierigen Stadtverwaltung und manchem Schnellschuss des für acht weitere Jahre bestätigten Oberbürgermeisters herrscht in der SPD fast ungläubige Hochstimmung - über die so kaum erträumten Zugewinne im Süden und Traumergebnisse in manchen bürgerlichen Stadtteilen. "Die Berliner Vorstadt ist jetzt zu 80 Prozent sozialdemokratisch", sagt Jakobs. Das ist die teure Villengegend rund um den Heiligen See, in der sich nicht eben die SPD-Stammwählerschaft vermuten lässt.Unkalkulierbare CDUDie heftigen Avancen der Linkspartei, nun auch in Potsdam auf Rot-Rot umzuschwenken, lässt Jakobs erst einmal abperlen. Es gebe gar keinen Grund, die Allianz mit CDU, Grünen und FDP aufzukündigen. "Das wäre das falsche Signal", sagt er. Die Absage fällt allerdings weniger brüsk aus als noch vor zwei Wochen, als er die Annäherungsversuche als "Quatsch" abtat. Denn die in Potsdam dauerschwächelnde CDU, sie zählt rund 500 Mitglieder, gilt bei den Sozialdemokraten als schwer kalkulierbarer Partner. Nach dem Elf-Prozent-Ergebnis im ersten OB-Wahlgang gärt es in dem von der Bundestagsabgeordneten Katherina Reiche geführten Kreisverband wieder mächtig.Gestern hat Jakobs angekündigt, jetzt regelmäßige Stadtteilkonferenzen einzuführen. Das ist auch eine alte Forderung der Linken.------------------------------SPD gewinnt 25 StadtteileDeutlich gestärkt geht Jann Jakobs (SPD) in die zweite Amtszeit: ihn wählten 60,9 Prozent. Hans-Jürgen Scharfenberg (Linke) erzielte 39,2 Prozent.Nur noch in vier Stadtteilen liegt Scharfenberg vorn. In 25 Stadtteilen hat Jakobs gewonnen - teils mit Zustimmungswerten um 80 Prozent.Die Vergangenheit Scharfenbergs als Stasi-IM war vor allem in den Zuzugsgebieten Thema. Die Linke kritisiert einen "Verhinderungswahlkampf".Mit der Wahlbeteiligung von nur 42,1 Prozent schneidet Potsdam gar nicht so schlecht ab. In Frankfurt (Main) etwa beteiligten sich 2007 nur 33,6 Prozent an der OB-Wahl.------------------------------Foto: Geklärte Verhältnisse: Diesmal hat Jakobs (r.) Scharfenberg klar abgehängt.
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