Bei der Wanderung zwischen dem Teufels- und dem Karlsberg gibt es viel Geschichte zu entdecken

Bergtour im Grunewald

Susanne Hörr
6 Min

Berlin besitzt eine grüne Zeitmaschine. Wer sie benutzt, tut etwas, das in Berlin und Umgebung recht selten ist: Bergwandern. Wer im Grunewald vom Drachen- über den Teufels- bis hin zum Karlsberg läuft, erwandert außerdem Berliner Geschichte. Er trifft auf Mittelalterliches, auf Industriegeschichte und auf den Kalten Krieg.Die etwa 13 Kilometer lange Tour startet vom S-Bahnhof Grunewald. Über den Dauerwaldweg und die Teufelsseechaussee geht es durch den Herbstwald zur ersten Herausforderung der Wanderung - zur Drachenbergtreppe, die mit 215 Stufen geradewegs zur ersten Belohnung führt: zum Blick auf Berlin, das hinter einem rot-gelb-grün-getüpfelten Baummeer aufragt. Fernsehturm, Olympiastadion und Corbusierhaus inklusive."Wir stehen gerade auf Berlin", sagt Wolfgang Gaumert, der mit seiner Wandergruppe dort unterwegs ist. Er meint die Reste von Berliner Häusern, die im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden. Teufels- und Drachenberg sind Trümmerberge und mit knapp 115 Metern gemeinsam mit den Müggelbergen die höchsten Erhebungen der Stadt. "In den 80er Jahren hat man auf dem Teufelsberg sogar einen Weltcup-Slalom veranstaltet", so Helga Hausa, Gründerin der Gruppe.Dreht man dem Fernsehturm den Rücken zu, blickt man geradewegs zurück in die Zeiten des Kalten Kriegs. Dort ragen riesige, weiße Antennenkuppeln in den Himmel, die an überdimensionierte Golfbälle erinnern: eine ehemalige Abhör- und Störstation, welche die US-Armee ab den 50er Jahren zu Spionagezwecken nutzte.Das nächste Etappenziel, das Radargebäude, kann man nur aus der Ferne durch einen mehrfach reparierten Zaun beobachten. Das Gelände ist abgesperrt und zieht wohl gerade deshalb viele Abenteuerlustige an. Und Filmteams.Auf dem kleinen Pfad entlang der Anlage steht ein Wachmann und hält Spaziergänger vom Film-Set ab. Sein Funkgerät knackt: "So jetzt schnell, Sie können durch." Den Weg versperrt ein Polizeiwagen, aus dem der Oberkörper eines Mannes ragt. Dahinter die Kamera und ein Gewirr aus Menschen, Kabeln und Stativen: Sie drehen einen Jugendfilm. Auf der Straße geht es wieder bergab, weg vom Gewimmel, hin zum ehemaligen Wasserwerk "Teufelssee", in dem man heute vor allem Naturschutz betreibt: das Ökowerk.Bis 1968 pumpten hier riesige Maschinen etwa eine Badewanne Wasser pro Sekunde aus dem Erdreich und versorgten damit das Westend. "Das ist ein Glanzstück für Maschinenfritzen! Es ist das älteste als Gesamtanlage erhaltene Wasserwerk Berlins", sagt Mitarbeiterin Marie-Luise Büchner als sie die Maschinenhalle aufschließt. Ein blaugrünes Ungetüm mit Dampfkessel, riesigen Rädern, überdimensionalen Nieten und Rohren baut sich vor dem Besucher auf. 1871 begann man mit dem Bau, der zwanzig Jahre später durch einen Reinwasserbehälter und einen Sandfilter, den Rieseler, erweitert wurde. Dort reinigte man das stark eisenhaltige Grundwasser."Hier finden manchmal Konzerte statt, in denen Musiker ihre Gongs ausprobieren, oder auch Didgeridoos", sagt Büchner - und das "doos" hallt in den Katakomben des ehemaligen Reinwasserbehälters nach. Die 57-Jährige arbeitet seit 19 Jahren im Ökowerk als Umweltberaterin und betreut heute vor allem die etwa 50 Freiwilligen. Statt Arbeitern, die mit Kohlen die Heizkessel befeuern, gibt es heute hier Menschen, die sich für Artenvielfalt einsetzen: Sie legen Wildbienenwände an, arbeiten im "Infozentrum Wasserleben" oder bieten Exkursionen zu Wildkräutern, Pilzen oder Tieren an.Dieses Jahr feierte das Ökowerk seinen 25. Geburtstag. So lange schon können Großstadtkinder auf dem naturnahen Gelände lernen wie ein Frosch aussieht und wie eine Pflanze wächst. "Weil hier alles lange Zeit stillgelegt war, hat sich eine einzigartige Flora und Fauna angesiedelt", sagt Büchner.Verlässt man das Ökowerk, führt die Strecke oberhalb des Teufelsees entlang. Sein Name geht auf eine Zeit vor dem Beginn des Industriezeitalters zurück. Früher verbanden die Menschen den Waldsee mit Dämonen, weil sie sich die Lichter im Moor nicht erklären konnten. Dabei war es Methangas, das aus dem ehemaligen Teufelsmoor entwich und es in der Nacht zum Leuchten brachte. Der Teufelssee ist eigentlich ein Tümpel. Da wäre kaum Wasser drin, wenn nicht alle 14 Tage Wasser hineingepumpt würde. Auch der Grunewaldsee, der Schlachtensee und die Krumme Lanke werden künstlich am Leben erhalten.Den Rest der Wanderung hat man Zeit, wieder im Hier und Jetzt anzukommen: Über eine Eichenallee führt der Weg quer durch den von Wildschweinen aufgewühlten Grunewald, vorbei am Naturschutzgebiet Postfenn und der British School bis hin zur Havel.Wer noch nicht genug Geschichte hatte, sollte auf die Halbinsel Schildhorn einbiegen. Auf einer Anhöhe liegt ein Denkmal, das an die Jaczo-Sage erinnert: An dieser Stelle soll sich ein Wendenfürst 1157 zum Christentum bekannt haben, nachdem er beinahe in der Havel ertrunken wäre.Das Ziel der Etappe liegt am Grunewaldturm, auf den man derzeit wegen Bauarbeiten nicht hinaufsteigen kann. Da der Uferweg ausgebessert wird, sollte man darauf achten, früh genüg den Weg am Fluss zu verlassen, um über den Havelhöhenweg den Karlsberg zu erklimmen. Denn die Abkürzung durchs Gebüsch ist steil - und wenn man da nicht aufpasst, ist man selbst schnell Geschichte.------------------------------Mit der S-Bahn in die NaturAnreise Zum S-Bahnhof Grunewald braucht die Linie 7 (Richtung Potsdam Hauptbahnhof) vom Berliner Hauptbahnhof etwa eine Viertelstunde (sie fährt alle zehn Minuten). Zurück geht es ab der Bushaltestelle Grunewaldturm, welche von der Linie 218 angefahren wird. Entweder fährt man in Richtung U-Bahnhof Theodor-Heuss-Platz und steigt in der Heerstraße in die S-Bahn um oder es geht in Richtung Pfaueninsel zum S-Bahnhof Wannsee und von dort mit der S-Bahn oder der Regionalbahn weiter.www.bvg.dewww.vbbonline.deDas Naturschutzzentrum Ökowerk (Teufelsseechaussee 22-24), das man auch für Hochzeiten, Tagungen oder Geburtstagsfeiern mieten kann, hat dienstags bis freitags von 10 bis 16 Uhr geöffnet, samstags und sonntags erst ab 11 Uhr. Wer sich die Maschinenhalle ansehen oder das Infozentrum Wasserleben besuchen will, muss sich vorher anmelden (Tel.: 030/3000050). Eintritt: 2.50, erm. 1 Euro. Informationen im Internet unterwww.oekowerk.deDie meisten Gaststätten befinden sich an der Havel, wie zum Beispiel das Restaurantschiff Alte Liebe (Tel.: 030/3048258) oder das Wirtshaus Schildhorn (Tel.: 030/30883500). Direkt am Ziel der Etappe liegt das Restaurant Grunewaldturm (Tel.: 030/41720001).www.alte-liebe-berlin.dewww.wirtshaus-schildhorn-berlin.dewww.restaurant-grunewaldturm.deIm Wanderführer "Auf Försters Wegen: Berliner Wald-Wanderbuch" von Thorsten Wiehle und Klaus Scheddel (Viareise Verlag 2008, 10,90 Euro) findet man neben der oben beschriebenen Wanderung 45 weitere leichte Touren in Berlins Wäldern und Forstgebieten im Umland. Bei der beschriebenen Wanderung ist es hilfreich, sich vorher die Wegschreibung auszudrucken, die sich nicht nur im Buch, sondern auch auf den Seiten des Senats für Stadtentwicklung findet. Dort sind sogar Fotos der einzelnen Abzweigungen abgebildet.www.stadtentwicklung.berlin.de/forsten/ausflugstipps/------------------------------Karte: Berlin, Charlottenburg-WilmersdorfFoto: Ziel der Wanderung ist der Grunewaldturm.

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