MÜNCHEN. Das Letzte, was das Land in diesem Jahr gebraucht hat, war eine Torwartdebatte. Und schon ist sie da. Enke, Adler, Wiese oder Neuer? Als gäbe es im Großen und im Kleinen nicht schon genug Probleme, soll man sich an zuständiger Stelle jetzt auch noch darüber Gedanken machen, wer die Nummer Eins im Tor der deutschen Nationalmannschaft sein darf. Die zuständige Stelle ist in diesem Fall der Bundestorwarttrainer Andreas Köpke, und so geht die entsprechende Frage beim zweiten Internationalen Torwartkongress in München an ihn. Wer wird die Nummer Eins? "Das Rennen ist offen, muss man sagen", sagt Köpke. "Wir haben einen Robert Enke, einen Tim Wiese, einen René Adler und einen Manuel Neuer." Und wer hat die besten Chancen? "Wir haben uns aktuell auf vier Torhüter festgelegt." Köpke trägt einen silbergrauen Politikeranzug und klingt so, als würde er der Bundespressekonferenz berichten.Es ist Freitagmorgen, neun Uhr, in der Eventloge der Allianz Arena München. Dort, wo normalerweise Repräsentanten aller Art bei einem ordentlichen Imbiss die Heimspiele des FC Bayern an sich vorüberziehen lassen, haben sich etwa hundertfünfzig Experten versammelt. Einige von ihnen tragen Trainingsanzüge, andere Jeans und T-Shirt. Turnschuhe tragen sie fast alle. Die Moderation der Veranstaltung hat Markus Siegler übernommen, der nach vielen Jahren als Kommunikationsdirektor der Fifa geschasst wurde und jetzt freischaffend kommuniziert. Alles an Siegler wirkt geschmeidig, auch seine Rede, er begrüßt die Gäste viersprachig und ergänzt: "Wenn jemand eine Zigarette rauchen will, geht er ins weite Rund des Stadions. Kein Problem."Sie alle, die dort sitzen und in ihren schwarzen Kongressmappen blättern, sind zum Erfahrungsaustausch zusammengekommen, wie das von Zeit zu Zeit auch Kiefernorthopäden tun. Im Unterschied zum Kiefernorthopäden ist das Tätigkeitsfeld der hier versammelten Leute jedoch viel ungenauer umrissen. Ein bei dieser Zusammenkunft oft gehörtes Wort lautet - komplex.Es geht um den Torwart an sich und wie er am besten trainiert werden kann. Es geht um die Komplexität dieser Aufgabe, aber auch um die Komplexe des Torhüters, der sich traditionell nicht ernst genommen fühlt. Was nicht verwundert, wenn man nur an Sepp Maier denkt und dessen Versuch, mitten im Spiel eine Ente zu fangen. Torhüter sind nicht normal, die besten von ihnen sind verrückt. "Wer stellt sich da hin und lässt sich aus fünf Metern Entfernung die Bälle ins Gesicht schießen und findet das auch noch toll", hat Oliver Kahn einmal gesagt, der das selbst nicht untoll fand.Es gibt gute Gründe, über all das zu sprechen, hat sich Andreas Köpke gedacht, auf dessen Initiative der Internationale Torwartkongress bereits zum zweiten Mal stattfindet. Wenn Köpke nicht gerade dem Deutschen Fußballbund zu Dienste ist, arbeitet er mit seinem eigenem Management an der Vermarktung seiner selbst. "Mehr als dreißig namhafte Firmen, darunter Global Player und Local Heros, mit weit über tausend Mitarbeitern verschiedener Führungs-und Funktionsbereiche haben Andy Köpke schon als Gastredner und Seminarleiter kennen gelernt." So steht es auf seiner persönlichen Website. Seinen Fußballernamen hat sich Andreas Köpke schützen lassen. "Andy Köpke" ist ein eingetragenes Warenzeichen.War die Internationalität des Internationalen Torwartkongresses bei seiner Premiere im vergangenen Jahr noch auf die Teilnahme des südafrikanischen WM-Botschafters beschränkt, so sind diesmal tatsächlich Delegierte aus vielen Ländern dabei. Sie kommen aus El Salvador, Syrien, Sri Lanka, Gambia, Japan, Russland, Rumänien, Schottland und Neuseeland - aber auch aus Neukirchen, Heidenheim und Etzenricht in der Oberpfalz.Um es mit dem Organisator Köpke zu sagen, sind sie nach München gereist, "um jeder in seinem Bereich etwas mitzunehmen." Damit hat er einen Anspruch formuliert, der sich als problematisch erweist. Zu unterschiedlich sind die Erwartungen und Erfahrungen. Das einzige, was alle gemeinsam von dem Kongress mitnehmen, ist ein Erinnerungsfoto mit Andreas Köpke.Der Europameister und Welttorhüter des Jahres 1996 leistet seinen Wortbeitrag zum Thema "Torwartspiel und Torwarttraining heute". Das Spiel sei wesentlich komplexer geworden, sagt Köpke. Der moderne Torwart müsse rechtsfüßig und linksfüßig agieren können, er müsse lange Bälle abfangen, Flanken schlagen, Gegenangriffe einleiten, Flanken schlagen, den Fünfmeterraum beherrschen, den Sechzehnmeterraum kontrollieren, bis hinein ins Mittelfeld wirken und nicht zuletzt werde von ihm erwartet, dass er eine besondere Persönlichkeit auspräge. "Der Torwart ist wichtiger geworden", sagt Andreas Köpke, was man auch an den Ablösesummen sehe. Er ist aber nicht nur wichtiger und teurer geworden, sondern auch agiler. Bis zu acht Kilometer lege ein Torhüter heute im Spiel zurück, zu seiner Zeit sei es noch die Hälfte gewesen. Der Torwart könne niemals abschalten, er müsse das Spiel lesen, die Abwehr dirigieren.Köpke redet, wie er es von seinen Motivationsseminaren gewohnt ist. Seine Worte füllen die Eventloge wie Dämmschaum. Auf die Zwischenfrage, ob es beim DFB ein Konzept gebe, dass der besonderen Bedeutung des Torwarts in der modernen Zeit gerecht werde, sagt er: "Es ist so, dass in diesem Bereich Dinge angeschoben wurden." Der ehemalige chinesische Nationaltorwart in der ersten Reihe, der 104 Länderspiele absolviert hat und nun Torwartrainer ist, schraubt seinen Füller erstmal wieder zu.Von hinten - um nicht zu sagen aus der Tiefe des Raumes - betritt Jens Lehmann die Loge, auch er im silbergrauen Anzug, doch Lehmann sieht darin nicht verkleidet aus."Jens, vielen Dank, dass du da bist, du wohnst am Starnberger See, da war der Weg für dich nicht so weit", begrüßt ihn sein früherer Trainer. Jens Lehmann soll ein bisschen erzählen, wie das so für ihn gewesen ist, als er aus der Bundesliga nach England gewechselt ist. Das ist nun auch schon sechs Jahre her, inzwischen ist er längst wieder zurück.Aber Jens Lehmann ist ein guter Erzähler, da hört man gerne zu. Er spricht in Relativsätzen und weiß mit Fremdwörtern umzugehen. Die italienische Torwartschule beruhe auf Antizipation und sei somit zur deutschen Verfahrensweise konträr. Er hat auch mal in Italien gespielt. Aber zurück nach England. Kurz gesagt gehe es in England viel schneller und direkter zu als in Deutschland. Die Mitspieler forderten sofort den Ball, der Torwart werde allerdings auch viel stärker attackiert, was für ihn ungewohnt gewesen sei. Dann kommt Jens Lehmann auf die Konzentrationsfähigkeit zu sprechen. "Der einzige Ort, an dem ich lerne, mich zu konzentrieren, ist die Schule", sagt er. "Ich hatte das Glück, lange zur Schule zu gehen." Er appelliert an die Jugendtrainer, darauf zu achten, dass die Schule nicht zu Gunsten des Sports vernachlässigt werde. Das ist der wichtigste Satz dieses Seminars.Bevor Jens Lehmann an den Starnberger See zurückfahren darf, muss er noch mit dem bewussten Elfmeterzettel aus dem WM-Viertelfinale gegen Argentinien posieren, was ihm ein weinig peinlich ist.Ist Lehmann schon eine Torwart-Legende? Weiß man nicht. Eine Legende ist auf jeden Fall Bernd Trautmann, der 1956 für den Verein Manchester City im englischen Cupfinale mit angebrochenem Halswirbel gespielt hat. Trautmann ist heute sechsundachtzig Jahre alt und wird aus Valencia zugeschaltet, wo er seinen Lebensabend verbringt. Er sei "nie und nimmer" ausgebildet worden, sagt er. "Man hat es in sich, Torwart zu sein oder nicht." Auf einem Kongress, der sich speziell mit der Ausbildung von Torwarten beschäftigen möchte, ist es vielleicht eine kühne Bemerkung, aber Trautmann spricht ja aus einer längst vergangenen Zeit. "Bälle halten kann jeder", sagt er. Das wirkliche Talent des Torwartes zeige sich darin, wie er seine Verteidigung organisiert.Aber wie organisiert er sie denn nun wirklich? Wie liest er das Spiel? Wie gewinnt er Persönlichkeit? Das kann kein noch so gut aufgestelltes Panel mit all diesen Benchmarks und Keynote-Speeches klären.Der belgische Torhüter Jean-Marie Pfaff, der in den Achtzigerjahren bei Bayern München gespielt hat und natürlich zur Legende wurde, begibt sich bei seinem Monolog in einen breit mäandernden Bewusstseinsstrom, aus dem er am Ende mit der Selbsterkenntnis auftaucht: "Höre nie darauf, was andere dir sagen, höre immer auf dich selbst."Diese Überlegung steht in direktem Gegensatz zum restlichen Programm des Torhüterkongresses, bei dem andere sagen, was für den Torhüter gut ist. Der Fitnesstrainer erklärt, welche Fitnessübungen zum Torwart passen, wobei Mobilität vor Muskulösität geht. Der Koch erklärt, was der Torwart essen soll, viel Gemüse, kräftig gewürzt. Ingwer aktiviert das Hirn, Rosmarin eliminiert Blähungen, Meerrettich hilft gegen eine verstopfte Nase, Anis hebt die Stimmung. Und Schokoriegel sind ausnahmslos eine Katastrophe. Der Psychologe spricht über die Bedeutung der Aufmerksamkeitsregulation. Das heißt, der Torwart soll mit seinen Gedanken nicht bei den Fehlern der Vergangenheit verweilen.Im Grunde ist es ganz einfach. Das Tor ist 2,44 Meter hoch und 7,32 breit. Da darf der Ball nicht hinein.------------------------------"Wer lässt sich aus fünf Metern Entfernung Bälle ins Gesicht schießen?"Oliver Kahn------------------------------"Das wirkliche Talent des Torwartes zeigt sich darin, wie er seine Verteidigung organisiert."Bernd Trautmann------------------------------Foto : Kunstflieger: Nationaltorhüter René Adler pariert einen Torschuss in einer Bundesligapartie mit seinem Verein Bayer Leverkusen.
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