Als der Regionalexpress 3 von Berlin nach Stralsund in den Bahnhof von Chorin einfährt, fällt der Blick sofort auf das terrakottafarbene Bahnhofsgebäude. Susanne Branding und ihre Familie haben das denkmalgeschützte Haus aus den 1920er-Jahren saniert, nachdem es seit der Wende immer mehr verfiel. "Die Leute haben oft die Klinke der Bahnhofstür gedrückt und wollten rein. Da musste einfach etwas geschehen", sagt die 33-Jährige.Und so hat sie neben einer Touristeninformation, einem Regionalladen auch einen Fahrradverleih eingerichtet. Den Strom für das Haus erzeugt die Sonne, geheizt wird mit Erdwärme, und den Erlös aus dem Verkauf des Apfelsafts, der einmal im Jahr auf einer mobilen Saftpresse am Bahnhof gepresst wird, investiert Familie Branding in Streuobstwiesen.Im vergangenen Jahr hat der Bahnhof Chorin den zweiten Platz beim "Fahrtziel Natur Award" erreicht - einer Auszeichnung von Deutscher Bahn, BUND und NABU. Der Bahnhof ist ein guter Ausgangspunkt für eine Wanderung, auf der es viel zu entdecken gibt. Es soll quer durch den Landkreis Barnim gehen; vom Choriner Bahnhof etwa 17 Kilometer über das Dorf Brodowin zum Kleinen Rummelsberg und über das Kloster Chorin wieder zurück.Teer als WagenschmiereVorbei an einer Feldsteinkirche folgen wir dem "Schulweg" hinein in die Wälder des Biosphärenreservats Schorfheide-Chorin, das sich nördlich von Berlin auf 1291 Quadratkilometern erstreckt. Gesunde Buchen stehen hier neben halb verwitterten Stämmen. Am "Forsthaus Theerofen" riecht es nach verbranntem Holz, nur eine Tafel erinnert an die Vergangenheit des Ortes als ehemalige Teerschwelerei. Bis 1782 gewann man dort aus verkohlten Kiefernstöcken Teer, das für Schiffe, als Wagenschmiere oder als Holzschutzmittel genutzt wurde.Der Wald ist hier recht dicht. Stehen die Bäume mal etwas lichter, sieht man manchmal Kraniche in Keil-Formation vorüber fliegen. "Die Schorfheide-Chorin ist eine gewässerreiche Kulturlandschaft", heißt es in der Beschreibung des Biosphärenreservats. In dem Reservat sollen nicht nur Arten geschützt, sondern natürliche Ressourcen umweltgerecht genutzt werden. Das tut man im Ökodorf Brodowin, einer 430-Seelen-Gemeinde, die sich dem Naturschutz verschrieben hat und auch Dorf der sieben Seen genannt wird. Auf den umliegenden Wiesen weiden Kühe, auch eine kleine Herde Pommerscher Rauhwollschafe lebt in Brodowin. Diese alte Landschafrasse ist selten geworden und steht auf der Roten Liste der bedrohten Tierarten.Es ist Mittagszeit. Der Renner im kleinen Hofladen sind heute Kartoffeln mit Quark, der aus der Milch der Kühe bereitet wurde. Im Laden gilt das Prinzip "morgens geerntet, mittags im Laden". Er, gehört neben der Meierei, einer Gärtnerei, dem Ziegenhof und 1250 Hektar Anbaufläche zu dem Betrieb, der nach Kriterien des ökologischen Landbaus bewirtschaftet wird. Zu sehen ist im Dorf auch eine neugotische Backsteinkirche von 1853. Hinter dieser biegt man ab und folgt dem Fahrradweg zum Kleinen Rummelsberg - vorbei an Kranichen, die auf sorgfältig bestellten Äckern stolzieren.Der Berg liegt gerade mal 81 Meter über dem Meeresspiegel, dennoch hat man von dort aus eine grandiose Aussicht über die von der Weichseleiszeit geformte Landschaft. Im Trockenrasen zirpen die Grillen, die Sonne lässt den Parsteiner See glitzern, Segelboote sind unterwegs. Am Seeufer - auf dem Pehlitzwerder - stehen noch die Ruinen des aufgegebenen Klosters "Mariensee".Das Kloster wurde 1272/73 nach Chorin verlegt, es ist die nächste Station der Wanderung. Man gelangt dorthin über den Denglerweg, einen Weg aus Feldsteinen, der durch einen imposanten Buchenwald führt. Man erreicht das ehemalige Zisterzienser-Kloster, das ein wunderschönes Beispiel für die norddeutsche Backsteingotik ist, von Osten aus. Die Chorapsis der Klosterkirche entspricht ganz den Prinzipien des berühmten Zisterziensermönchs Bernhard von Clairvaux, sollten doch Einfachheit und Strenge des Glaubens auch in der Architektur ihren Niederschlag finden. Die hohen Spitzbogen-Fenster sind nicht farbig, sondern grau getönt. Geht man jedoch um das Gebäude herum, baut sich vor einem die prächtige Westfassade auf. Der schmuckvolle Giebel, der eigentlich untypisch für den schlichten Stil der Zisterzienser-Bauten ist, sollte dem Anspruch der damaligen Markgrafen genügen: das Maßwerk und die Rosette hat man hier mit einfachen Ziegeln gestaltet.Der Ort wirkt wie verzaubert, wenn die Besucherströme abgeebbt sind und die Abendsonne in die vom Kreuzgang her offene Kirche strahlt und die roten Ziegel scheinbar zum Glühen bringt. Im Zuge der Reformation verfiel das Kloster allmählich: Ziegel des Daches wurden verkauft, Gewölbe stürzten ein. Das Kloster wurde zur landwirtschaftlichen Domäne und zum Invalidenhaus.Dass trotzdem noch Backsteinziegel auf Backsteinziegel liegt, ist Karl Friedrich Schinkel zu verdanken. Der preußische Architekt drängte nämlich im Jahr 1817 darauf, dass "zu Chorin die Erhaltung aller alten, zum Kloster gängigen Gebäude zur Pflicht gemacht" werde. Sonst wären die Klostermauern längst verfallen.------------------------------Hofführung und LandgasthausAnreise: Der Regionalexpress RE 3 (Richtung Schwedt oder Stralsund) fährt täglich alle 60 Minuten nach Chorin. Er hält Lichterfelde Ost, Südkreuz, Potsdamer Platz, Hauptbahnhof, Gesundbrunnen und Bernau. Fahrzeit vom Hauptbahnhof: 40 Minuten. Mit dem Auto: A11 bis Joachimsthal, weiter auf der B198 Richtung Angermünde/ Schwedt bis zur B2, die dann nach Chorin führt.www.bvg.de, www.vbbonline.deDas Ökodorf Brodowin bietet Hofführungen an. Pro Person kostet eine Führung 3Euro, beziehungsweise für Gruppen einen Mindestbeitrag von 30 Euro. Der Hofladen hat im Oktober Mo-Sa 9-18 Uhr , So 10-18 Uhr geöffnet, ab November Di-Fr 10-18 Uhr, Sa-Mo 10-16 Uhr.Tel. 033362/246, www.brodowin.deDas Kloster Chorin, in dem Konzerte und Ausstellungen stattfinden, hat im Oktober von 9-18 Uhr, von November bis März 10-16 Uhr geöffnet (Eintritt 4 Euro, erm. 2,50 Euro). Tel. 033366/70377.www.kloster-chorin.orgEinkehren kann man außer im Ökodorf Brodowin im Landgasthaus "Schwarzer Adler" (Tel. 033362/71240). Am Amtssee direkt am Kloster Chorin befindet sich in einer Fachwerkscheune die "Alte Klosterschänke", die Produkte aus der Region bietet. (Tel. 033366/530100).www.schwarzer-adler-brodowin.dewww.alte-klosterschaenke-chorin.deInformationen über das Biosphären-reservat Schorfheide-Chorin und an der Touristeninformation am Choriner Bahnhof (Tel. 033366/530053).www.schorfheidechorin.infowww.schorfheide-chorin.de------------------------------Karte: BarnimFoto: Ökodorf Brodowin - dort gibt es auch einen Ziegenhof mit Laden.Foto: Von der Eiszeit geformt - das Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin. Es erstreckt sich über fast 1300 Quadratkilometer und ist sehr seenreich.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de