Beim Unsound Festival in der polnischen Hipsterstadt Krakau trifft sich die europäische Pop-Avantgarde

Lass' mich deine Gummistiefel küssen

Jens Balzer
5 Min

Manchmal muss man eben ein wenig verreisen, um die Frau seiner Träume zu treffen. In diesem Fall sind es 600 Kilometer von Berlin bis nach Krakau gewesen. Doch jeder einzelne von ihnen hat sich gelohnt: Am Ende der Reise stehen wir am Ufer der Weichsel im Kellersaal des"Manggha"-Museums zwischen zart gepinselten japanischen Kalligrafien und gut angezogenen polnischen Hipstern und können mit offenen Mündern ein wirklich außergewöhnliches Schauspiel bestaunen. Die Frau unserer Träume ist knapp zwei Meter groß, trägt eine spitzgefeilte Hornbrille und ein kompliziert gewickeltes giftgrünes Abendkleid sowie an den Füßen - besonders bezaubernd - schwarz glänzende Gummistiefel; mit gleichermaßen gewaltigen und anmutigen Gesten spielt sie auf einem Cembalo.Die Frau heißt Malgorzata Sarbak und begleitete am Sonntag die beliebte Warschauer Elektrogefrickel- und Postrock-Kapelle Baaba bei der Interpretation eines alten Gruselfilm-Soundtracks: nämlich Krzysztof Komedas Komposition für Roman Polanskis "Tanz der Vampire".Es war der Eröffnungsabend des Krakauer Pop-Festivals "Unsound", das in diesem Jahr dem Thema "Horror - die Lust am Grauen und Unbehagen" gewidmet ist: Während das Baaba-Kernquartett sich in clever zerhackten Noise- und Progressive-Improvisationen samt Querflöte und John-Mc-Laughlin-Gitarre aufeinander zu und wieder voneinander fort bewegte, hauchte die sonst im Hitparaden-Soul und R&B-Gewerbe tätige Sängerin Natalia Przybysz körperlos schwebende Geistergeräusche in den zitternden Krach, und Malgorzata Sar bak hämmerte auf ihrem Cembalo herum, dass es eine Freude war.Jedes Jahr im Oktober versammelt sich die europäische Pop-Avantgarde in Krakau; beim Unsound-Festival treffen Sinfonie-Orchester auf Laptop-Noise-Produzenten; es gibt Metal-Konzerte (wie gestern Abend mit den infernalischen Jazkamer) und Club-Nächte: Morgen etwa tritt der Berliner Dub-Produzent und Label-Betreiber Moritz von Oswald mit seinem Trio im Kijów Centrum auf.Dem Festivalthema "Horror" widmen sich überdies diverse Klang-Installationen in den aufgelassenen Räumen einer Kosmetikfabrik. Das stockdunkle und klammkalte Kellergemäuer bringt der dänische, in Berlin lebende Musiker Jacob Kirkegaard mit angenehm ungemütlichen Bassvibrationen zum Beben; im Stockwerk darüber hat es die norwegische Klangkünstlerin Jana Winderen daher schwer, sich mit ihren zarten Unterwassergeräuschen durchzusetzen: "Hier hört man gerade, wie kleine Fische im arktischen Meer von großen Fischen gefressen werden."Seit 2003 gibt es das Unsound Festival; gegründet wurde es von Mat Schultz, einem australischen Schriftsteller, der auf einer ausgedehnten Europa-Reise Mitte der Neunzigerjahre in der Stadt hängen blieb. Er hatte hier, wie er sagt, die Frau seiner Träume getroffen; von der hat er sich freilich längst schon wieder getrennt und über diese "traumatische Erfahrung" gleich den nächsten Roman verfasst.Seine Liebe zu Krakau ist aber immer noch ungebrochen. Einerseits, sagt Schultz, sei die Stadt perfekt ins Netz der europäischen Billigfluglinien eingebunden - für wenig Geld und in ein bis zwei Stunden ist man von hier aus in Berlin und in London, in Rom und Paris. Darum - ergänzt die Unsound-Ko-Direktorin Gosia Plysa - sei Krakau auch die einzige Stadt in Polen, in der man leben könne: "Die einzige Stadt, deren Kulturszene über das Provinzielle rausgewachsen ist."Andererseits ist man schnell im ukrainischen Lwiw (Lemberg) oder im weißrussischen Minsk, wo Plysa, Schultz und ihre Unsound-Kollegen ebenfalls schon Konzerte veranstaltet haben: "Das ist wirklich toll! Du wirst nirgendwo ein so dankbares Publikum finden wie in Minsk! Noch der abgefahrenste Laptop-Elektroniker wird dort wie ein Popstar bejubelt!" Kein Wunder: Es wird ja sonst kaum etwas Anderes geboten, und das Land verlassen dürfen die Leute schließlich auch nicht.Beim Unsound hingegen halten sich heimische und ausländische Gäste die Waage; besonders für das kommende, zweite Festivalwochenende, an dem diverse Londoner Dubstep-DJs auftreten, habe man viele Tickets an britische Easyjetraver verkauft.Der erste signifikante touristische Aufschwung, den Krakau Mitte der 90er genommen hat, ist Steven Spielberg zu danken: Seit er seinen Film "Schindlers Liste" hier drehte, streifen vor allem US-Amerikaner mit europäisch-jüdischen Wurzeln in Großgruppen durch das alte jüdische Viertel Kasimiersz mit seinen unzähligen Synagogen und besuchen die Leidensorte der deutschen Besatzungszeit: das Krakauer Ghetto auf der anderen Seite der Weichsel und die benachbarte Emaille-Fabrik Oskar Schindlers, in der sich seit diesem Sommer eine umfassende, glänzend konzipierte Dauerausstellung über das Krakau der Jahre 1939 bis 1945 befindet.Mit der Wiederentdeckung des historischen Kasimiersz kamen aber auch die Hipster, die Studenten, Musiker und Künstler hierher; wer heute die nächtlichen Straßen durchstreift, fühlt sich wie in der Kastanienallee im Prenzlauer Berg der Neunzigerjahre. In liebevoll unverputzten Trend-Bars kann man zum polnischen Wodka Caribou, Stereo Total und die Scissor Sistors hören; im koscheren Veganer-Café ein paar Straßen weiter läuft - ausgesprochen passend zur dargebotenen Kost - in Dauerrotation das Gesamtwerk von Antony and the Johnsons.Inzwischen ist die Gentrifizierung samt wachsender Mieten soweit fortgeschritten, dass die Szene das Viertel wieder verlässt und sich weiter südlich in Podgorze niederlässt - oder in Nova Huta, einem bizarren Stadtteil vom stalinistischen Reißbrett aus den Fünfzigerjahren. Auch das Unsound Festival ist aus seinen alten Locations herausgewachsen; im Frühjahr 2010 wurde sogar der erste Ableger in New York veranstaltet: im Lincoln Center und im schicken Poisson Rouge Club in Greenwich Village. Wesentlichen Anteil daran hatte Stephan Wackwitz, der Leiter des New Yorker Goethe-Instituts - er hatte schon 2003, damals noch als Goethe-Direktor in Krakau, mit Kontakten und Finanzierung bei der Entstehung des Festivals geholfen."Über Unsound New York gab es sogar einen großen Artikel in der New York Times", sagt Mat Schultz, "in der überregionalen Presse von Polen war bis dahin nie über uns berichtet worden. Das hat sich jetzt grundlegend gewandelt, wir gelten plötzlich als polnische Kulturbotschafter. In einer Zeitung stand neulich ganz stolz: Früher lachten die Amis nur über Polen-Witze. Jetzt hören sie sogar unsere Musik." Und da sage noch einer, das Goethe-Institut helfe nicht beim Kulturdialog.------------------------------"Früher lachten die Amis über Polen-Witze. Jetzt hören sie unsere Musik." Polnische ZeitungFoto: Baaba-Sängerin und Cellistin Natalia Przybysz auf dem Festival

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