Beim Weltgesundheitsgipfel in Berlin suchten Wissenschaftler und Politiker nach Rezepten für die Welt von morgen

Gesundheit ohne Grenzen

Lilo Berg
3 Min

Anfangs habe er nicht so recht an die Idee mit dem Weltgesundheitsgipfel geglaubt, gesteht der Chef der Charité, Karl Max Einhäupl. Gibt es nicht schon genug Kongresse, habe er gedacht, als sein Vorgänger Detlev Ganten ihm den Plan vor drei Jahren vorstellte. "Aber jetzt bin ich überzeugt, dass wir dieses Forum brauchen, damit Medizin, Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft miteinander ins Gespräch kommen", sagte Einhäupl gestern zum Abschluss des zweiten World Health Summit an der Charité.Ihren globalen Anspruch löste die Tagung besser als im vergangenen Jahr ein: Unter den gut 1200 Teilnehmern aus 71 Ländern waren die ärmeren Staaten des Südens stark vertreten und in vielen Vorträgen und Diskussionen ging es um ihre Gesundheitsprobleme. Aber in einer zunehmend vernetzten Welt betreffen diese vielleicht morgen schon den Rest der Welt -Grippe-Epidemien oder die zunehmende Unempfindlichkeit gegen Antibiotika sind deutliche Beispiele. "Ein sinnvolles Handeln auf lokaler Ebene setzt voraus, dass wir immer auch die globale Situation im Blick haben", sagte Peter Piot von der London School of Hygiene and Tropical Medicine.Die vergessene KrankheitDas gilt insbesondere für Infektionskrankheiten wie die Tuberkulose (TB). Sie sei eine vergessene Krankheit, sagte der frühere portugiesische Präsident Jorge Sempaio, der heute für die Vereinten Nationen tätig ist. Die Tuberkulose fordere jährlich zwei Millionen Opfer. Viele Betroffene seien zusätzlich mit dem Immunschwächevirus HIV infiziert.Bedrohlich für die ganze Welt sei die zunehmende Ausbreitung von Erregervarianten, gegen die keines der heutigen Medikamente mehr wirkt. In den meisten Fällen sei die Tuberkulose-Infektion jedoch heilbar - mit Hilfe von Antibiotika, die aber längst nicht überall zur Verfügung stehen. "Wir müssen die armen Länder bei TB unterstützen, das hilft ihnen auch wirtschaftlich auf die Beine", mahnte Sempaio. Einer Studie der Weltbank zufolge sei die Wirtschaftsleistung einiger Länder durch eine effektive Therapie um bis zu 15 Prozent gestiegen.Einfluss auf die Weltgesundheit wird auch Klimawandel haben. Die medizinischen Folgen seien noch kaum abschätzbar, sagte Hans Joachim Schellnhuber, der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung in Potsdam. Absehbar sei jedoch, dass vor allem die armen Länder darunter leiden werden -"die Menschen also, die am wenigsten zur Erderwärmung beigetragen haben." Dürren und Überschwemmungen könnten manche Gegenden unbewohnbar machen, etwa das dicht besiedelte Bangladesch. Aber noch sei Zeit gegenzusteuern, sagte Schellnhuber.Von dem Elan, die Welt zu verbessern, seien viele seiner jungen Wissenschaftler beseelt, berichtete Francis Collins, der berühmte Genomforscher und Direktor der US-National Institutes of Health. Unter Präsident Obama sei die Gesundheit in der Dritten Welt wieder in den Fokus seines Landes gerückt. "Wir machen unseren Einfluss geltend, aber auf eine weiche Art", sagte Collins. Er reiste von Berlin gleich weiter nach Peking -um eine globale Allianz gegen chronische Erkrankungen zu schmieden. Denn Bluthochdruck, Übergewicht, Diabetes, Krebs -Leiden, die bisher vor allem in reichen Ländern vorkamen - treffen immer häufiger auch die Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern.Behandlungskosten steigenDie Themen gehen den Organisatoren des Weltgesundheitsgipfels nicht aus. Der nächste Gipfel werde wieder in Berlin stattfinden, im kommenden Oktober, sagte Detlev Ganten. Über das Programm soll im März entschieden werden. Eine Anregung dafür gibt es schon: Charité-Chef Einhäupl wünscht sich noch mehr internationalen Erfahrungsaustausch. Die moderne Medizin werde immer teurer, und wie damit umzugehen sei, wisse noch niemand. Gute Ideen sind willkommen -nächstes Jahr an der Charité.

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