Er wollte lieber wissen, was dort los ist, wo die Menschen herkommen, wie ihr alltägliches Leben aussieht und wie man es fotografisch dokumentieren kann. Er wollte die Kamera umdrehen und an den Anfang der Bewegung zurückgehen.
Bilder aus dem gespaltenen Beirut
Feierabend Es ist später Nachmittag, der Verkehr ist dicht, chaotisch, anstrengend. Es gibt Busse in Beirut, aber sonst nur in sehr begrenztem Maß öffentliche Transportmittel. In den Stoßzeiten am Morgen und in den Nachmittagsstunden ist der Verkehr entsprechend chaotisch. Sammeltaxis sind ein beliebtes Verkehrsmittel. Sonst bleibt nur der eigene Wagen.
© Aline Baumann
Autobahnausfahrt zwischen Beirut und Jounieh Nebenan fließt der verschmutzte Fluss Nahr El Kalb, gegenüber thront das Kloster Zouk Mosbeh. Ein Nicht-Ort im belebten Alltag der vorbeiziehenden Pendler auf der vierspurigen, oft gestauten Autobahn, der nebenbei die großen Probleme bei der Müllentsorgung und beim Recycling im Land verdeutlicht.
© Anna Hammer
Regierungsviertel Futuristische Stahl-Beton-Bauten schrauben sich gleich neben Kriegsruinen in den Himmel von Beirut hinauf. Nahe dem neu errichteten Regierungsviertel entsteht die neue prunkvolle Metropole der Hauptstadt. Der Einfluss von westlichen Architekten und Investoren ist in der kriegszerstörten Stadt nicht zu übersehen. Ein Großteil dieser pompösen Konstrukte ist noch nicht vermietet und steht leer.
© Alexander Blumhoff
Hafen von Byblos Eigentlich war der Fischer dabei, sein Boot neu zu streichen, aber dann wollte er wissen, wer die Fremden sind, die im Hafen Fotos machen. Nicht unfreundlich, sondern neugierig ging er auf die Gruppe zu. Kommt man nur kurz in Kontakt mit einem Libanesen oder schießt ein Foto von der Person, wird man sofort zu einem kleinen Gebäck oder einem Glas Tee nach Hause eingeladen.
© Sandra Krüger
Stadtzentrum Erlebnishungrige Menschen, Lichter, laute Musik – im trendorientierten Beirut sind Street-Food-Märkte bei jungen Leuten ausgesprochen beliebt. Beirut wird nicht ohne Grund „Paris des Ostens“ genannt. Dabei ist das Stadtzentrum sonst recht leblos. Es war im Bürgerkrieg komplett zerstört und ist danach wieder aufgebaut worden. Der Zugang wird stark kontrolliert.
© Johanna zum Felde
Auf dem Weg zum Bus Die Vorrübergehenden blicken verwundert, sie gaffen die Frau an ihrem alten BMW regelrecht an, aber sie beachtet sie gar nicht. Konzentriert schüttet sie Wasser in den Kühler. Die Haare trägt sie frisiert, das Kleid verspielt mit weißer Rüsche, dazu Sandalen. Frauen in Beirut sind sehr gepflegt und achten stets auf ihr Äußeres, auch bei der Reparatur ihrer Autos.
© Pia-Donata Pach-Hanssenheimb
Zentrum von Bischarri Der Blick verfängt sich in den Stromkabeln, die kreuz und quer über den Städten dieses Landes hängen: Einige Stützen scheinen kaum noch Platz für weitere Kabel zu haben. Trotzdem gehören Stromausfälle zum Alltag. Drei bis zwölf Stunden am Tag sind elektrische Geräte nicht nutzbar. 60 Prozent des Stroms produziert der Staat, den Rest private Generatoren.
© Rosanna Leimbach
In der Nähe der Unterkunft Das Mädchen mit ihrem kleinen Bruder auf dem Arm blickt etwas verunsichert. Beide waren von der Kamera verwirrt und auch auf dem Bildschirm der Kamera konnten sie sich nicht wiedererkennen. Oft sind die Kinder in Beirut eher selbstsicher und wissen, worum es geht, wenn eine Kamera zu sehen ist. Diese beiden eher nicht.
© Phillip Helmke
An der Berliner Technischen Kunsthochule, an der Leupold unterrichtet, bot er einen Fotografieworkshop an. Eine Woche so dicht dran wie möglich am Kriegsgebiet. Syrien kam als Reiseziel aufgrund der Sicherheitslage nicht infrage, aber der direkte Nachbar: Beirut im Libanon.
Das fiel ihnen nicht leicht
Der Libanon hat vier Millionen Einwohner, beherbergt aber 1,5 Millionen Flüchtlinge. Bis 1975 war die Stadt an der Levanteküste ein Handels- und Vergnügungszentrum und ein interkonfessioneller Treffpunkt. Dann kamen 16 Jahre Bürgerkrieg und mit ihm die Zerstörung der Innenstadt.
Wie würde das wohl heute aussehen? Neun Studenten und eine Künstlerin begleiteten ihn. Die Reise fand Ende Mai statt. Mittlerweile sind die Studenten zurück. Sie haben Hunderte Fotos mitgebracht.
Jeder der neun Studenten interessierte sich für andere Dinge. Wir haben sie gebeten, ihre besten Bilder auszuwählen, jene Fotos, die zeigen, was jeden Einzelnen auf der Reise am stärksten berührt hat. Das fiel ihnen nicht leicht. Am Ende ist dabei ein sehr persönlicher Blick auf ein kleines Land und seine Hauptstadt entstanden.
Die Moral-Polizei passt auf
Für Merve Terzi ist es K., ein muslimischer Libanese aus Beirut. K. (links) möchte seinen vollen Namen nicht nennen. Denn er lebt sein Leben inkognito, mit Lügen und Geheimnissen und immer mit dem Risiko, erwischt zu werden. K. ist homosexuell. Er würde eher eine falsche Heirat eingehen, als sich vor seiner Familie zu outen.
Sie porträtierten die Stadt: die Studenten mit ihren Projektleitern, dem Fahrer und der Übersetzerin.
© Pia-Donata Pach Hanssenheimb
Über Apps wie Tinder und Grindr suchen sich Homosexuelle im Libanon Alibipartner zum Heiraten. Dies ist für viele ein Stück Freiheit – eine Art, ihr Leben weiterhin zu führen, zwar versteckt, jedoch ohne Gefahr zu laufen, sich vor ihren Familien erklären zu müssen.
Merve Terzi hat K. im Café Em Nazih in der Innenstadt fotografiert. Zu offensichtlich sollte man seine Liebe und Zuneigung in der Öffentlichkeit nicht ausleben, sagt sie, selbst heterosexuelle Paare können sich beim Küssen in der Öffentlichkeit strafbar machen. Die Moral-Polizei passt auf.
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