Aus und vorbei! Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg und Generalquartiermeister Erich Ludendorff müssen Anfang Herbst 1918 ihrem Kaiser gestehen: Der Krieg ist für das Reich verloren.
Kaiser Wilhelm II. lässt sich am 29. September von Ludendorff überzeugen, dass das Reich schnellstmöglich ein Waffenstillstands- und Friedensangebot an US-Präsident Woodrow Wilson richten müsse. Aber: Nicht die Oberste Heeresleitung (OHL), sondern eine neue, von den Mehrheitsparteien des Reichstags getragene Regierung solle die Verantwortung übernehmen.
Gegenüber seinen Stabsoffizieren erklärt Ludendorff zwei Tage später: „Diese Herren in den Ministerien (...) sollen nun den Frieden schließen, der jetzt geschlossen werden muss. Sie sollen die Suppe jetzt essen, die sie uns eingebrockt haben.“
Die Dolchstoßlegende wird geboren: Das deutsche Heer sei „im Felde unbesiegt“ geblieben, es sei durch „vaterlandslose“ Zivilisten aus der Heimat gemeuchelt worden.
Drei Männer im Krieg: Kaiser Wilhelm II., Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg (links) und General Erich Ludendorff wägen ihre nächsten Schritte ab.
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Mit einer Revolution von oben wird am 3. Oktober die erste parlamentarische Regierung in der deutschen Geschichte gebildet: mit Prinz Max von Baden, einem Vetter des Kaisers, als Reichskanzler und Vertretern der MSPD (Mehrheitssozialdemokratische Partei Deutschlands, später SPD), der Fortschrittlichen Volkspartei und des Zentrums.
US-Präsident Wilson fordert in seiner dritten und letzten Note an die neue deutsche Regierung am 23. Oktober die Kapitulation des Reichs und die Abdankung des Kaisers. Hindenburg und Ludendorff rufen daraufhin zur Fortsetzung des Krieges auf. Die Regierung übergehen sie.
Als die Marineleitung die vor Wilhelmshaven und Kiel ankernde deutsche Hochseeflotte in eine Alles-oder-nichts-Schlacht gegen die englische Flotte auslaufen lassen will, meutern Matrosen. Die Aufständischen bilden am 4. November einen Provisorischen Zentralen Arbeiter- und Soldatenrat. Ihre erste Forderung: Abdankung des Hohenzollernhauses mit Kaiser Wilhelm und Kronprinz Wilhelm.
Der Aufstand breitet sich wie Flächenbrand aus. Mit Ausnahme Berlins reißen Arbeiter- und Soldatenräte bis zum 9. November die Macht an sich, indem sie die Kommandogewalt in den Garnisonen und die Kontrolle in den Verwaltungsgebäuden übernehmen. Die Räte nehmen sich die Sowjets der Russischen Revolution zum Vorbild, mehrheitlich allerdings ohne die Programmatik der Bolschewiki.
Überrascht von dieser revolutionären Initiative werden auch die sozialistischen Parteien SPD und USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands) mit der Spartakusgruppe, ihrem linken Flügel. Die SPD strebt eine Übereinkunft mit der Monarchie an: Ein vorzeigbarer „Ersatzkaiser“ (Reichsverweser) soll an die Stelle des diskreditierten Wilhelm II. treten; die linkssozialistische USPD will eine mehr oder weniger autoritäre Räte-Herrschaft der Arbeiterklasse, die linksradikale Spartakusgruppe eine kommunistische Diktatur nach Vorbild der jungen Sowjetunion.
Der SPD-Vorsitzende Friedrich Ebert versichert am 6. November Generalquartiermeister Wilhelm Groener, Nachfolger Ludendorffs: Die SPD würde sich mit einer parlamentarischen Monarchie abfinden. Ebert will eine bolschewistische Revolution verhindern.
München in Bewegung: Demonstranten sammeln sich in der Innenstadt. Kurt Eisner (USPD) proklamiert vom 7. auf den 8. November die Republik und den Freien Volksstaat Bayern.
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Stündlich ändert sich die Lage im Reich. Kurt Eisner (USPD) ruft in der Nacht zum 8. November in München die Republik Bayern aus und erklärt König Ludwig III. für abgesetzt. Die Räte wählen Eisner zum Ministerpräsidenten.
Der Kaiser hat sein Reich längst verlassen. Wilhelm II. weilt – auf Anraten Hindenburgs – seit dem 29. Oktober in Spa (Belgien), wo sich das Große Hauptquartier Seiner Majestät des Kaisers und Königs befindet. Kurz zuvor hatte der Staatssekretär des Äußeren, Wilhelm Solf, den Mut gehabt, dem Kaiser zu sagen: „Nach der letzten Note Wilsons hat das Volk das Gefühl, dass wir ohne den Kaiser einen besseren Frieden bekommen.“
Noch am 9. November erwägt Wilhelm II., an der Spitze seiner Truppen gegen die Revolution zu marschieren – in einen Bürgerkrieg. Der Tag im Stundenprotokoll.
Sonnabend, 9. November 1918
Berlin, Kaiserin-Augusta-Allee, 6 Uhr.
Cläre Casper verteilt vor der Deutschen Waffen- und Munitionsfabrik AG Flugblätter. USPD und Spartakusgruppe rufen zum Streik auf: Die Arbeiter sollen um 9 Uhr ihre Betriebe verlassen.
Die Rüstungsarbeiterin Cläre, Mitglied der USPD, ist die einzige Frau im inneren Kreis der Revolutionären Obleute, in Industriebetrieben frei gewählten Vertrauensleuten. Seit dem Januarstreik haben die Obleute ein Organisationsnetz geknüpft, das ihnen politisches Gewicht gibt, mit dem sie einen Umsturz anstoßen wollen.
Über eine Million Menschen streikten für bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen, ein Ende des Krieges und eine Demokratisierung der Verfassung. Tausende kamen in Haft oder an die Front. Cläre ist inzwischen überzeugt, nur Gewalt werde etwas ändern; sie hortet in ihrer Wohnung zeitweise 400 Waffen und 20.000 Schuss Munition für den großen Tag.
Der große Tag scheint gekommen. Den Genossen an ihrer Seite hat sie in der Früh mit den Worten geweckt: „Steh auf, Arthur, heute ist Revolution!“
Lindenstraße, Büro des SPD-Vorstands, 7 Uhr
Otto Wels, SPD-Vorstandsmitglied, trifft sich mit SPD-Vertrauensleuten aus den Betrieben. Von ihnen erfährt er, die Arbeiter folgten dem Streikaufruf der Unabhängigen und der Spartakisten; alle dränge es auf die Straße. Wels: „Dann setzt euch an die Spitze der Bewegung!“
Spa in Belgien, Hotel Britannique, Großes Hauptquartier, 8 Uhr
Paul von Hintze, Vertreter des Außenministeriums, trifft sich mit Generalfeldmarschall Hindenburg und Generalquartiermeister Wilhelm Groener, dem Nachfolger Ludendorffs. Hintze möchte wissen, ob die OHL die Bürgerkriegspläne des Kaisers stützt.
Die beiden obersten Militärs geben Hintze zu verstehen: Sie halten die Absichten des Kaisers für undurchführbar.
Die Antwort bringt „noch mehr Dynamik in die Abdankungsfrage“ (Wolfram Pyta: Hindenburg).
Berlin, 8.30 Uhr
Flugblätter von USPD und Spartakusgruppe gehen um: „Friede, Freiheit und Brot! Heraus aus den Betrieben! Heraus aus den Kasernen! Reicht Euch die Hände! Es lebe die sozialistische Republik!“
Ein Betrieb nach dem anderen steht still: Deutsche Waffen- und Munitionsfabriken in Charlottenburg, Knorr-Bremse in Rummelsburg, Siemens & Halske in Siemensstadt, Argus Motoren Gesellschaft in Reinickendorf, Berliner Maschinenbau AG vormals L. Schwartzkopff in Wedding und Mitte, Daimler-Werke in Marienfelde, alle Fabriken der AEG.
Spa, Hotel Britannique, kurz nach 9 Uhr
Hintze, der Vertreter des Außenministeriums, teilt der Reichskanzlei telefonisch mit: Die Armee wäre nach Angaben der OHL nicht imstande, einen Bürgerkrieg zu führen; sie stünde in einem solchen Fall nicht hinter Seiner Majestät; Hindenburg und Groener würden in Kürze dem Kaiser den Rücktritt nahelegen.
Berlin, Kaiserin-Augusta-Allee, 9.30 Uhr
Tausende Menschen marschieren in Richtung Schloss Charlottenburg. Ohne dass ein Schuss fällt, besetzen sie die Polizeiwache, die Lazarett- und Schlosswache, das Rathaus Charlottenburg, die Gaswerke und die Technische Hochschule.
Wilhelmstraße, Reichskanzlei
Reichskanzler Max von Baden lässt eigenmächtig die Abdankungserklärung Wilhelms II. aufsetzen.
Stadtgebiet, 10 Uhr
Berlin in Bewegung: Arbeiter und Soldaten verbrüdern sich und bilden Räte, die Kasernen, Staats- und Verwaltungsgebäude besetzen.
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Demonstrationszüge aus allen Himmelsrichtungen schieben sich Richtung Tiergarten. Vorneweg marschieren Bewaffnete, begleitet von Lastwagen mit aufmontieren Maschinengewehren. Manche schwingen rote Fahnen, andere halten Pappschilder, an Stangen genagelt, mit Losungen wie „Brüder! Nicht schießen!“ und „Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Monarchie!“
Kupfergraben, Mitte
Das Naumburger Jäger-Bataillon Nr. 4, das als besonders kaisertreu gilt, und andere Formationen in der Kaserne sowie die Lübbener Jäger am Stadtschloss und die dort stationierten Panzer-Kraftwagen-Besatzungen weigern sich, gegen die Demonstranten vorzugehen.
Königsplatz vor dem Reichstag
Der SPD-Vorsitzende Ebert teilt in der Fraktionssitzung mit, es gebe Verhandlungen mit der USPD und Arbeitervertretern. Er empfiehlt, notfalls die Regierung zu ergreifen, „gründlich und restlos, ähnlich wie in München, aber möglichst ohne Blutvergießen“.
Die beiden SPD-Mitglieder des Kabinetts von Prinz Max von Baden erklären ihren Rücktritt: Philipp Scheidemann und Gustav Bauer.
Spa, Villa La Fraineuse, Residenz des Kaisers, 10 Uhr
Wilhelm Groener, Nachfolger von Erich Ludendorffs als Generalquartiermeister, setzt alles daran, dass der Kaiser abdankt.
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Der Kaiser, der die etwas außerhalb von Spa gelegene Villa nach seiner fluchtartigen Abreise aus Berlin Ende Oktober bezogen hat, empfängt Hindenburg und Groener.
Etwa ein Dutzend Männer, unter ihnen Hans von Plessen, Kommandant des Großen Hauptquartiers, und Graf Friedrich von der Schulenburg, Generalstabschef, wird in den folgenden Stunden über des Kaisers Schicksal entscheiden.
Hindenburg überlässt Groener das Reden. Groener verweist auf die „kaiserfeindliche Stimmung in der ganzen Armee“.
Schulenburg hingegen bestärkt den Kaiser in dessen Absicht, auf Berlin zu marschieren oder die Revolution zumindest in leicht erreichbaren Orten wie Aachen und Köln niederzuschlagen.
Groener hält dagegen: „Das Heer wird unter seinen Führern und Kommandierenden Generalen in Ruhe und Ordnung in die Heimat zurückmarschieren, aber nicht unter dem Befehl Eurer Majestät; denn es steht nicht mehr hinter Eurer Majestät!“
Wilhelm II., Deutscher Kaiser und König von Preußen, gilt als egozentrisch, überheblich und sprunghaft. Seine Regentschaft endet mit der Novemberrevolution.
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Berlin, Stadtgebiet, 10.15 Uhr
Zigtausende Menschen strömen Richtung Tiergarten, sammeln sich zwischen dem Pariser Platz am Brandenburger Tor und dem Königsplatz. Es fallen vereinzelt Schüsse.
Spa, Villa La Fraineuse, 10.30 Uhr
Wilhelm II. erklärt nach einem Vieraugengespräch mit Freiherr von Grünau, dem ständigen Vertreter der Reichsregierung: Wenn das deutsche Volk es partout nicht anders will, sei er bereit, abzudanken.
Flügeladjutant Georg von Hirschfeld berichtet nach Berlin: Der Kaiser gedenke abzudanken.
Berlin, Königsplatz, Reichstag
Eine Delegation der SPD erscheint im Zimmer des Fraktionsvorstands der USPD und unterbreitet den Anwesenden das Angebot, gemeinsam eine Regierung zu bilden.
Der USPD-Vorsitzende Hugo Haase hält sich noch in Kiel auf. Die Partei will ohne ihn keine Entscheidung treffen.
Spa, Villa La Fraineuse, 11 Uhr
Generalstabschef Schulenburg gibt zu bedenken, die Abdankung Wilhelms II. als deutscher Kaiser sei vielleicht unumgänglich, die als preußischer König hingegen nicht: Seine Majestät möge an der Hohenzollern-Krone festhalten und als König von Preußen die preußischen Truppen in die Heimat zurückführen. Dem Kaiser gefällt dieser Vorschlag, nicht zuletzt weil er ihm den Weg der Gegenrevolution offenhält.
Es heißt, Generalquartiermeister Groener habe daraufhin Reichskanzler Max von Baden angerufen und ihm mitgeteilt, er solle „die unbedingte Abdankung des Kaisers auch als König von Preußen ruhig bekannt geben“ (Lothar Machtan: Kaisersturz).
Berlin, Wilhelmstraße, Reichskanzlei, 11.30 Uhr
Prinz Max von Baden ist Reichskanzler einer Volksregierung von Kaisers Gnaden.
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Max von Baden unterzeichnet die von ihm eigenmächtig aufgesetzte Abdankungserklärung Wilhelms II. als deutscher Kaiser und preußischer König und lässt das Wolffsche-Telegraphen-Bureau informieren.
„Ich sagte mir: die Revolution ist im Begriff, siegreich zu sein; wir können sie nicht niederschlagen, vielleicht aber ersticken“, schreibt er in seinen Erinnerungen.
Der Kaiser, „ein zweiter Hamlet, grübelt derweil in Spa noch über die Frage, ob er abdanken oder den Tod in der Schlacht suchen sollte“ (Hagen Schulze: Weimar).
Chausseestraße, Mitte, 11.45 Uhr
Aufständische stürmen den Kasernenhof des Garde-Füsilier-Regiments. Ein Offizier befiehlt seiner Kompagnie: „Feuer!“ Die weigert sich. Er schießt selber, es gibt drei Tote: Erich Habersaath, Werkzeugschlosser bei Schwartzkopff, Mitbegründer der USPD und Spartakist; Franz Schwengler, Monteur bei AEG, und Richard Glatte, Gastwirt.
Die Soldaten räumen die Kaserne und verbrüdern sich mit den Aufständischen.
Stadtgebiet, 12 Uhr
Die Bahn steht, jeder geht: Tausende Menschen ziehen in die Berliner Innenstadt, hier über die Zimmerstraße.
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Ein Extrablatt des SPD-Zentralorgans „Vorwärts“ titelt „Generalstreik!“ Die Bewegung werde gemeinschaftlich geleitet von der SPD und der USPD. „Es lebe die soziale Republik!“
Keine Straßenbahn, kein Omnibus, keine U- und S-Bahn fährt mehr, der Eisenbahnverkehr ist auch eingestellt.
12.30 Uhr
Generaloberst Alexander von Linsingen, Oberbefehlshaber in den Marken und Gouverneur von Berlin, erhält telefonisch die Mitteilung, der größte Teil der Truppen habe Soldatenräte gebildet.
Wilhelmstraße, Reichskanzlei, 12.45 Uhr
Eine SPD-Delegation mit Friedrich Ebert erscheint bei Prinz Max von Baden. Ebert fordert die Übergabe der Macht an „Vertrauensmänner unserer Partei“, um Ruhe und Ordnung zu bewahren und Blutvergießen zu vermeiden. Und flunkert: „Wir haben in dieser Sache sowohl unsere Partei als auch die Partei der Unabhängigen Sozialdemokraten geschlossen hinter uns.“
Der Reichskanzler: Man möge doch zunächst die Ersetzung des Kaisers durch einen Regenten erörtern.
Ebert: Dafür sei es zu spät.
Der Reichskanzler: „Da wir nicht die Macht in Händen haben, die Situation so ist und die Truppen versagt haben, so schlage ich vor, daß der Abgeordnete Ebert den Posten des Reichskanzlers annimmt.“
Ebert zögert, äußert staatsrechtliche Bedenken.
Scheidemann flüstert: „Ach was, sag einfach Ja.“
Ebert willigt ein.
Der SPD-Vorsitzende Friedrich Ebert wird von Reichskanzler Max von Baden zu dessen Nachfolger ernannt.
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„Die Betrauung Eberts mit der Führung der Reichskanzlergeschäfte war (...) informelles, konspiratives, rechtsfreies Regierungshandeln“ (Lothar Machtan: Kaisersturz).
Ebert teilt in einem ersten Aufruf an die Mitbürger mit: Die neue Regierung werde eine „Volksregierung“ sein; es gelte, schnellstens den Frieden zu bringen, die errungene Freiheit zu befestigen und die Ernährung zu sichern. Er fordert die Bürger auf: „Verlaßt die Straßen! Sorgt für Ruhe und Ordnung!“
Die „Straße“ hat eindrucksvoll ihre Macht demonstriert und wird sie Eberts Aufruf zum Trotz behaupten.
Dircksenstraße, Polizeipräsidium, gegen 13 Uhr
Aufständische bilden einen Ring um die Rote Burg. USPD-Politiker fordern vom Polizeipräsidenten Heinrich von Oppen, die Schutzmannschaft solle die Waffen niederlegen, und versichern ihm, alle Personen und alle Akten blieben unangetastet.
Spa, Villa La Fraineuse, 13 Uhr
Wilhelm II. beschließt, als Kaiser abzudanken, aber König von Preußen zu bleiben, das Oberkommando über die preußischen Armeen zu behalten und friedlich nach Hause zu marschieren.
Er erteilt den Auftrag, seinen Beschluss in schriftlicher Form auszuarbeiten und ihm zur Unterzeichnung vorzulegen.
Uns nach! Matrosen und Soldaten, Männer, Frauen und Kinder demonstrieren Unter den Linden. Im Hintergrund sind die Alte Bibliothek (links) und das Alte Palais zu sehen.
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Berlin, 13 Uhr
Die Tageszeitung „B.Z. am Mittag“ erscheint mit einer Extraausgabe: „Der Kaiser hat abgedankt. Thronverzicht des Kronprinzen – Ebert wird Reichskanzler – Einberufung einer Nationalversammlung.“
Kupfergraben, Mitte
SPD-Vorstandsmitglied Otto Wels spricht zu den Soldaten des Naumburger Jäger-Bataillons Nr. 4, des Kaiser Alexander Garde-Grenadier-Regiments Nr. 1 und anderer Truppenteile. Wels sagt, das Volk habe der kaiserlichen Regierung den Gehorsam aufgesagt, um selbst den Krieg zu beenden. Und fragt: „Wollt ihr nun mir uns, dem Volke, für den Frieden wirken oder wollt ihr euch für die Seite erklären, die all das Unheil über Deutschland gebracht hat?“ Er lässt Soldatenräte wählen.
Stadtgebiet
Aufständische haben das Reichsmarineamt in der Kaiserin-Augusta-Straße, das heutige Reichpietschufer, und die Kommandantur am Platz vor dem Zeughaus besetzt; sie entwaffnen Offiziere, entfernen die kaiserlichen Kokarden und Schulterstücke und bilden Soldatenräte.
Andere stürmen das Gefängnis Moabit und die Strafanstalt Tegel sowie die Kasematten in Spandau; sie befreien Häftlinge.
Brandenburger Tor, 13.15 Uhr
Immer mehr Menschen finden sich im Stadtzentrum ein: Arbeiter und Soldaten und Matrosen, Sympathisanten und Schaulustige.
In der wogenden Menge steht auch die Künstlerin Käthe Kollwitz. Seitdem ihr Sohn Peter im ersten Kriegsjahr fiel, ist sie Pazifistin und Sozialistin.
„Aus dem Tor zog ein Demonstrationszug. Ich trat mit ein. Ein alter Invalide trat an den Zug und rief ,Ebert Reichskanzler! – weitersagen!‘“, schreibt sie in ihren Erinnerungen. Und: „Soldaten sah ich, die ihre Korkaden abrissen und lachend auf die Erde warfen. So ist es nun wirklich. Man erlebt es und fasst es gar nicht recht.“
Spa, Villa La Fraineuse, 13.30 Uhr
Die Abdankungserklärung des Kaisers als Kaiser, nicht als König, wird schriftlich fixiert.
Berlin, Innenstadt
Aufständische haben das Regierungsviertel, das Gelände um den Reichstag und das Schloss besetzt.
Spa, Villa La Fraineuse, gegen 14 Uhr
Nachricht aus Berlin, erst via Telefon, dann als Funkspruch: Die Abdankung des Kaisers sei bereits verkündet und Ebert zum Reichskanzler ernannt.
Wilhelm II. verliert die Contenance: „Verrat, schamloser empörender Verrat!“
Berlin, Königsplatz vor dem Reichstag, 14 Uhr
„Es lebe die deutsche Republik!“ Philipp Scheidemann (SPD) hält vom Westbalkon des Reichstags eine Rede, die Geschichte macht.
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Tausende Menschen stehen vor dem Hauptportal. Mehrere Aufständische dringen in den Speisesaal und drängen den dort sitzenden SPD-Mann Scheidemann zu einer Rede.
Scheidemann ziert sich, gibt schließlich nach, tritt auf den Westbalkon des Gebäudes und erklärt: „Das deutsche Volk hat auf der ganzen Linie gesiegt. Das Alte, Morsche ist zusammengebrochen; der Militarismus ist erledigt! Die Hohenzollern haben abgedankt! Es lebe die deutsche Republik!“
Jubel brandet auf.
Der SPD-Vorsitzende Ebert jubelt nicht, er ist „vor Zorn dunkelrot im Gesicht“, schreibt Scheidemann in seinen Erinnerungen. „Er schlug mit der Faust auf den Tisch und schrie mich an: Ist es wahr? Du hast kein Recht, die Republik auszurufen!“
Die Frage der Staatsform wollte Ebert der Verfassungsgebenden Nationalversammlung überlassen, aber „Scheidemann hatte ein sicheres Gespür dafür, daß der Tropfen monarchischen Öls, mit dem Prinz Max von Baden den sozialdemokratischen Parteiführer gesalbt hatte, vielleicht die Militärs und höheren Beamten, nicht jedoch die breiten Massen beeindrucken konnte“ (Heinrich August Winkler: Weimar).
Philipp Scheidemann (SPD) verkündet um 14 Uhr die „deutsche Republik“.
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Dircksenstraße, Polizeipräsidium, 14.30 Uhr
Polizeipräsident Heinrich von Oppen übergibt sein Haus den Aufständischen und tritt zurück.
Der USPD-Politiker Emil Eichhorn tritt Oppens Nachfolge an. Als „Volkskommissar für das Polizeiwesen“ ruft er die Bevölkerung dazu auf, „den Weisungen der Beauftragten des Arbeiter- und Soldatenrates“ zu folgen und den „ruhigen Verlauf der Bewegung“ nicht durch „zwecklose Ansammlungen“ zu stören.
Schloßplatz, 16 Uhr
Tausende Menschen haben sich vor dem Schloss versammelt. Karl Liebknecht tritt auf den Balkon über dem Portal IV; er proklamiert „die freie sozialistische Republik Deutschland“ und beschwört die bevorstehende Weltrevolution. Am Mast der Kaiserstandarte wird die rote Fahne gehisst.
Karl Liebknecht (Spartakusgruppe) proklamiert um 16 Uhr die „freie sozialistische Republik Deutschland“.
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Unabhängige und Spartakisten ahnen, dass Liebknechts Auftritt, zwei Stunden nach Scheidemanns Spontanrede, zu spät gekommen ist. Die SPD hat ihnen das Heft des Handels aus der Hand genommen, „weil wir uns genierten, für uns im voraus Machtbefugnisse in Anspruch zu nehmen“, schreibt später Georg Ledebour. Er war Mitbegründer der USPD, Vorstandsmitglied und Revolutionärer Obmann. „Dadurch, dass wir diese Unterlassungssünde begingen, haben wir Ebert und Scheidemann, die derartige Skrupel nicht hatten, die Möglichkeit gegeben, sich in die Revolutionserfolge hineinzuschmuggeln.“
Hätte die Mehrheit der Arbeiter und Soldaten eine sozialistische Republik gewollt, wäre dieses „Hineinschmuggeln“ kaum möglich gewesen. Die Linkssozialisten und -radikalen „konnten schwerlich hoffen, den Einfluss auf die Massen des deutschen Proletariats innerhalb absehbarer Zeit zu gewinnen“ (Hans Mommsen: Die verspielte Freiheit). Abgesehen davon hätten die Siegermächte ein Sowjetdeutschland nicht akzeptiert.
Spa, Villa La Fraineuse, 16.45 Uhr
Hindenburg rät Seiner Majestät dringend zum Exil in den neutralen Niederlanden.
Berlin, Königsplatz, Reichstag, 17 Uhr
Vor dem Hauptportal harrt eine abwartende Menschenmenge, innen herrscht buntes Treiben: „Soldaten ohne Kokarden, Matrosen mit umgehängten Karabinern, Frauen, alle mit roten Schleifen, dazwischen Abgeordnete, um die sich kleine Gruppen bilden“ (Harry Graf Kessler: Tagebücher).
Zimmerstraße, Mitte
Hermann Duncker, Mitglied der Spartakusgruppe, dringt mit Soldaten in die Redaktion des „Berliner Lokal-Anzeigers“ ein. Die erste Abendausgabe des Blattes erscheint mit den Forderungen der Spartakusgruppe; die zweite Abendausgabe folgt als „Die Rote Fahne. Ehemaliger Berliner Lokal-Anzeiger“ mit der Überschrift „Berlin unter der roten Fahne“.
Spa, Villa La Fraineuse, 17.30 Uhr
Wilhelm II. teilt seinem Flügeladjutanten mit: „Ich bleibe zunächst in Spa. Falls wir von Bolschewisten angegriffen werden und meine hiesigen Sicherungstruppen nicht treu bleiben, fahren wir nach Den Haag.“
Berlin, Innenstadt, 18 Uhr
Die Revolution rollt: Lastwagen mit schwer bewaffneten Soldaten prägen die Berliner Plätze und Straßen. Eine rote Fahne ist immer dabei.
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Aufständische kontrollieren die Eingänge zu allen Staatsgebäuden; sie gewähren Zutritt nur Personen mit eigens dafür gefertigten Papieren.
Zigtausende Menschen bevölkern Plätze, wildfremde Menschen fallen sich um den Hals. Es fallen vereinzelt Schüsse.
Spa, Hotel Britannique, 18 Uhr
Hans von Plessen, Kommandant des Hauptquartiers, erhält Meldung von Hindenburg: Die OHL sehe sich außerstande, für die Sicherheit des Kaisers zu bürgen. Plessen erfährt auf Nachfrage, „ein Trupp bolschewistisch verseuchter Aufrührer“ werde sich eventuell noch in der Nacht von Aachen aus nach Spa begeben.
Hindenburg hat ganz bewusst Falschmeldung gemacht.
Berlin, Königsplatz, Reichstag, 18.30 Uhr
Eine Delegation der SPD erscheint im Fraktionszimmer der USPD; sie bietet den Unabhängigen an, sich an einer Regierung unter Ebert zu beteiligen. Die USPD stellt Bedingungen, unter maßgeblichem Einfluss Liebknechts: Deutschland sozialistische Republik, alle Macht bei den Arbeiter- und Soldatenräten, Entlassung der bürgerlichen Staatssekretäre.
Spa, Villa La Fraineuse, 19 Uhr
Wilhelm II. empfängt Plessen, den Kommandanten des Hauptquartiers, und Hintze, den Vertreter des Außenministeriums. Beide beschwören Seine Majestät eindringlich, sich in die Niederlande zu begeben.
Berlin, Königsplatz, Reichstag, 21 Uhr
Der Vorstand der SPD lehnt die Bedingungen der USPD für eine Regierungsbeteiligung ab.
Spa, Villa La Fraineuse, 22 Uhr
Ein Foto aus besseren Tagen: Das Kaiserpaar Wilhelm II. und Auguste Victoria bei einem Besuch in London 1899. Wilhelm war Enkel der britischen Königin Victoria.
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Wilhelm II. beschließt, sich am nächsten Morgen mit dem Hofzug in die Niederlande zu begeben.
„Ich habe heute einen furchtbaren inneren Kampf ausgekämpft, da ich mich nicht dem Vorwurf der Feigheit aussetzen wollte und den etwas treu gebliebenen Teil meines Heeres verlassen wollte, sondern lieber mit ihm gemeinsam fechtend sterbend“, schreibt er noch in der Nacht. „Aber alle verantwortlichen militärischen Stellen, sogar der Generalstab als solcher, erklärten, kämpfen wolle die Truppe und könne sie physisch nicht mehr, weder gegen den Feind, aber auch nicht gegen das eigene Volk.“
Der Tag der Revolution nimmt 15 Menschen das Leben.
Sonntag, 10. November 1918
Berlin, Königsplatz, Reichstag, 0 Uhr
Die Revolutionären Obleute setzen bei einer nächtlichen Versammlung der Arbeiter- und Soldatenräte den Beschluss durch, am nächsten Vormittag in allen Fabriken und Truppenteilen Neuwahlen der Räte abzuhalten. Ihre Delegierten sollen noch am selben Tag im Circus Busch zusammentreten, um eine provisorische Regierung zu bilden, unter Ausschluss der SPD.
Cläre Casper, die Revolutionäre Obfrau, ist am Ende ihrer Kräfte; sie fährt nach Hause, „todmüde, aber glücklich“.
Otto Wels gelingt es mithilfe von SPD-Vertrauensleuten noch in der Nacht, die Räte so zu beeinflussen, dass schon am frühen Morgen feststeht, dass die Obleute keine Mehrheit finden werden.
Dircksenstraße, Mitte, Polizeipräsidium
Arbeiter, Soldaten und Matrosen halten Wache, bewaffnet mit Gewehren, Pistolen und Handgranaten. Ihre Parole lautet „Revolution!“ Sie hören hin und wieder Schüsse, aus der Ferne, aber auch dicht am Alexanderplatz.
Eijsden in den Niederlanden, 6 Uhr
Wilhelm II. trifft am Bahnhof ein. Ihm wird politisches Asyl gewährt. Er findet Zuflucht im Schloss Amerongen und unterzeichnet erst am 28. November eine staatsrechtlich einwandfreie Abdankungsurkunde.
Eine gute halbe Stunde erhält das Außenministerium in Berlin die telegrafische Mitteilung, Wilhelm II. betrachte sich ab sofort als Privatpersönlichkeit.
Epilog
Die Vorstände von SPD und USPD einigen sich am Vormittag des 10. Novembers auf eine gemeinsame provisorische Regierung, den Rat der Volksbeauftragten. Die Vollversammlung der Arbeiter- und Soldatenräte, die ab dem späten Nachmittag im Circus Busch tagt, bestätigt den Rat.
Waffenstillstand: Vertreter der Alliierten und der Reichsregierung besiegeln in diesem Salonwagen im Wald von Compiègne das Ende des Ersten Weltkriegs.
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Einen Tag später tritt das Waffenstillstandsabkommen von Compiègne in Kraft; damit endet der Erste Weltkrieg.
Berlin kommt nicht zur Ruhe: Weihnachtsunruhen, Austritt der USPD aus dem Rat der Volksbeauftragten, Spartakusaufstand, Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, Märzunruhen.
Die Republik von Weimar – die Verfassungsgebende Nationalversammlung tagte dort, weil die Lage in Berlin zu unsicher war – wurde nur 14 Jahre alt. Gründe dafür gibt es viele: Dolchstoßlegende und Diktatfrieden von Versailles, Inflation und Weltwirtschaftskrise, Rückwärtsgewandtheit der Eliten, Parteiengezänk und nicht zuletzt das, was der Demokratie auch heute zu schaffen macht: Populismus.
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